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Valentin Groebner

Valentin Groebner

Historiker
Geboren 9.5.1962
Mitglied seit 2017

Vorstellungsrede

 

Mich vorstellen? Wer vorne vor dem Mikro steht, macht das von ganz alleine. Zum Beispiel kann man als Rauner auftreten, als Prophet, der in imponierenden Rätseln unerhört grosse Einsichten verspricht (meistens über die Zukunft, denn da ist man unfalsifizierbar, geht aber auch sehr gut mit komplizierten Grosstheoretikern).
Oder man tritt als verwegener Polarflieger auf, als Extremkletterer, der sich in die kältesten Höhen hinaufwagt, von wo man den allergrössten Überblick über die Abgründe hat.
Sehr beliebt ist auch die Rolle des Prediger­Imperators, der die Welt moralisch ordnet, in langen komplizierten Sätzen, und es gibt nichts, was sich ausserhalb seiner Kompetenz befindet, direkter Nachfolger der protestantischen Zürcher, Tübinger und Berliner Grosstheologen, unter uns Akademikern nach wie vor unwiderstehlich.
Dann gibt es aber auch den Höhlenforscher, der nach jahrzehntelangen unsichtbaren Arbeiten tief unter der bewohnten Oberfläche mit aussergewöhnlich glitzernden Funden auftritt, Jäger des verlorenen Schatzes, nur ohne Wumme und Hut – für mich als Mittelalterhistoriker ebenfalls ein naheliegendes Modell.
Sehr beliebt auch die Rolle des Gretchens in Waffen, das so autoritativ wie möglich von der eigenen Verletzlichkeit und Randständigkeit sprechen kann, und zwar im Hauptabendprogramm.
Oder man tritt als der selbstironische Mann von der Strasse auf, als Spezialist für die Momentaufnahme aus dem absurden Alltag, als Spürhund fürs zu kurz gekommene Wirkliche – »wir Kleingewachsenen, die im Gedränge so schnell geschubst werden«, wie Montaigne das genannt hat (und der war erfolgreicher Höfling, er kannte sich aus).
In Wirklichkeit aber ist man alles mögliche auf einmal, Freund, Vorgesetzter, Ex, Kollege, Doktorvater. Und normalerweise passt das eine nie so ganz zum anderen: Es beisst sich, so wie Farben einander beissen oder Aufgaben. Im Wienerischen, in dem ich aufgewachsen bin, können die das ohne weiteres.
Der Freiherr von Knigge – einer der ersten Schreiber deutscher Zunge, der versucht hat, nur vom Ertrag seiner Bücher zu leben – hat vor zweihundertdreißig Jahren das Deutsche als Zone interner Missverständnisse beschrieben: »Dem schwerfälligen Westfälinger ist alles Hebräisch, was ihm der Österreicher in seiner ihm gänzlich fremden Mundart vorpoltert.« Ich weiss, was der Freiherr meint, ich bin 1962 in Wien geboren. In den 1980ern habe ich nicht weit von hier, in Marburg an der Lahn, meinen Führerschein gemacht, und ich und mein Fahrlehrer – reinstes Hessisch – konnten den Dialekt des anderen nicht verstehen. »Ai gude?« »Bist deppert?« Die Fahrprüfung habe ich dann trotzdem bestanden, aber erst im zweiten Anlauf. So ist Deutsch in der Praxis, zwischen dem Wallis und Nordfriesland, man braucht mindestens einen zweiten Versuch, mit all diesen wunderbaren Spezialworten: muschebubu, plitsche, derrisch. Oder, wenn man in der Innerschweiz wohnt: chevisch, das ist im Kanton Uri das Wort für dieses flaue Gefühl, das Ziehen im Bauch, wenn man einen sehr, sehr steilen Abhang hinunterschaut.
Oder wenn man oben auf einer Bühne steht und nicht weiss, wie es weitergeht.
Und deswegen stellt man sich am besten im Dialekt vor. Mein Dialekt stellt ja eigentlich mich vor, würde ich sagen. Ich freue mich sehr, hier in Zukunft mitarbeiten zu dürfen: Vielen Dank.