Anja Kampmann

Schriftstellerin
Geboren 30.10.1983
Mitglied seit 2024

Tiefe Stollen und weite See

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Akademie,

ich bin aufgewachsen im Norden Deutschlands, hinter den Bäumen geht eine Chaussee zu den Feldern, dort beginnt die Marsch.

Ich dachte einmal, dass das Schreiben etwas sei, was alle im Geheimen tun. Hinweise darauf gaben Tagebücher mit Schlössern, die man kaufen konnte, die darauf deuteten, dass das Schreiben allgegenwärtig war, aber eben geheim. Während für mich beim Lesen zunächst sicherlich das Fenster in eine andere Welt eine große Rolle spielte, das Fortträumen in Geschichten, die größer und vielschichtiger waren, als es das niedersächsische Landleben erhoffen ließ, kam bald etwas hinzu, was die Komplexität unendlich steigerte.

Während man etwas sagte, konnte man – in der Sprache – zugleich einen Hinweis geben auf etwas ganz anderes.

Als Kind hatte ich gerätselt, wie ich – im Falle einer Entführung – einen Hinweis in einen Brief schmuggeln könnte, auf den eigenen Aufenthaltsort. Ein wenig kommt es mir so vor, als würde man solche Spuren beim Schreiben ständig legen. Und zwar in der Sprache –

Aber ich bin hier, um mich vorzustellen.

Ich wurde in Hamburg geboren, und hier kommen zwei Linien zusammen; eine hat mit Seefahrt zu tun, die andere mit Zeche und Pütt.

Vielleicht nur für diese Rede lassen beide Linien sich in einen Zusammenhang bringen, zu dem, was ich tue.

Sie fußen beide auf dem Leben einfacher Leute, die zum Schreiben nie Zeit hatten, vor allem nicht die Frauen.

Ein Zeitstrahl reicht zurück nach Schlesien, von dort bricht jemand auf, ins Ruhrgebiet. 1 Frau, acht Kinder, 1 Bergmannsgehalt. Mein Vater war der erste in der Familie, der studierte. Das gelang nur, weil er in jenem Sommer beide Arme gebrochen hatte, und meine Großmutter beim Pfarrer vorsprach, gegen den Wüterich von Ehemann. Meine Eltern sind aus dem Kohlenpott in den Norden gegangen – dort kam ich ins Spiel – die niedersächsische Marsch lachte mich an.

Der zweite Strang hat mehr Licht, ist aber ebenso eng. Mein Urgroßvater kommt nach Hamburg, fährt zur See, wird Kapitän. Er fährt auf Seglern, dann auf Dampfschiffen. Im Ersten Weltkrieg verätzt er sich im Netz der Briten auf dem U-Boot die Lunge.

Du schläfst ja auf einer Kommode, sagt seine Tochter, meine Großmutter zu ihm.

Viel Licht. Fahrtenbücher

Das Meer, und die Grube. Tiefe Stollen und weite See.

Was weiß ich davon?

Beides, das Bergwerk, die unterirdischen Beziehungen, das, was die Motive miteinander verbindet, und das Offene Weite, braucht man im Schreiben. Die Schichtungen des Gesteins, weit unter der Oberfläche. Erdschichten, Zeitschichten. Man bekommt ein Gefühl für die Erde, auf der man steht, eine Lampe in der Hand, in der es matt funkelt.

Das andere: die See. Das Ausgesetztsein – das grelle Licht, das von allen Seiten kommt. Jeder Satz, jedes Wort in einem Gedicht wird so angeschienen, und kann sich aus dem Alltäglichen, aus den vertrauten Bezügen, lösen.

Ausgesetzt sein, sich aussetzen.

Das heißt auch, dass man sich angreifbar macht.

Es geht nicht darum, perfekte Texte zu schreiben, sondern solche, die eine offene Flanke zeigen. Und die berühren.

Seltsamerweise bringen die hohe See und die dunklen Schichten etwas hervor, was auch Gemeinschaft werden kann, Verbindung. Und so stehe ich nun hier, vor Ihnen. Es ist ein Ort, der sagt, dass das Schreiben eine Bedeutung hat. Und ich glaube, das ist, warum ich gekommen bin, denn es ist selten genug ist, dass man eine Gemeinschaft findet, in der das zählt:

In der Literatur geht es um etwas, sie erzählt von uns, wer wir waren, wer wir sein können.

Mehrmals habe ich erlebt, dass sich in den Texten etwas zeigte, was dann in der echten Welt ‚an die Tür’ klopft. Der Krieg in der Ukraine, als ich Ilya Kaminsky übersetze, der zunehmende Rechtsruck und autoritäre Formen von Politik, als ich Die Wut ist ein heller Stern beendete, einen Roman der 1933 einsetzt.

Niemand soll sagen, dass Poesie etwas Nettes sei, oder beschaulich. Das, was wir in den Texten sehen, ist ein Spiegel – darin zeigt sich ein Bild, das wir nicht immer gut ertragen. In ihm zeigt sich die Gewalt, Wünsche, und das, was vielleicht überall sonst verloren gegangen ist oder gehen muss. Unsere Träume, wie die Welt einmal hätte werden können.

Mich interessiert der Möglichkeitsraum von Literatur, der doppelte Blick, der nicht nur dem Inhalt folgt, sondern der Sprache eigene Manöver gestattet. Wenn man in diese Richtung schaut, dann geht es um Komplexität, Rhythmus, Klang.
Obwohl ich im Verhältnis zu vielen hier noch nicht lange im Geschäft bin, habe ich doch das Gefühl, dass diese Komplexität unter Beschuss geraten ist. Dass man die Literatur einsperrt, wie in ein zu kleines Laufgatter.

Gerade in Zeiten des Umbruchs braucht es die Literatur. Stimmen, die eine Perspektive einnehmen, und die Dinge neu in ein Verhältnis setzen – eine Perspektive die zart sein kann, verletzlich und hart. Schreibende wissen, wie lange es braucht, diese Stimmen zu finden, und welche Kraft darin liegt.

Es ist eine Reise, auf die man sich begibt, eine Reise die uns reicher macht, und ein Risiko.

Warum sollten wir das nicht feiern?

Ich feiere hier mit ihnen, heute.

Für ein komplexes Erzählen, eine Leichtigkeit. Denn die brauchen wir auch. Immerhin ist Literatur, wenn sie gelingt, auch ein Fest.

Ich freue mich, dass ich mit Ihnen in der Akademie bin, und dass ich die Fragen, die sich mir stellen, nicht in einem dunklen Wirtshaus in der Elbmarsch besprechen muss.

Ich freue mich, dass wir weit rausfahren, oder – das ist das Gefühl, das ich mit dieser Akademie verbinden möchte – dass, wenn ich rausfahre, da draußen vielleicht noch jemand schippert, mit einem Gespür für die hohe See – auch, wenn wir, zusammen auf diesem Erdball, so verzweifelt klein sind.