
Literaturwissenschaftlerin und Kulturwissenschaftlerin
Geboren 18.1.1972
Mitglied seit 2025
Gäbe es sie nicht, man müsste sie gründen. Jetzt. Eine Akademie, die in ihrem Namen ‚Sprache‘ ausgerechnet an ‚Dichtung‘ bindet. Denn zusammengespannt mit diesem Wort, stellt sich die Sprache augenblicklich quer zur hochkonjunkturellen Vorstellung, sie sei wahlweise ein durchsichtiger Transportbehälter für Information und ‚Content‘ oder ein Wirklichkeitsabbild, dessen Zurichtung in wortmagischer Manier das Böse bannt und die Reinen von den Unreinen scheidet. Im Schlaglicht des Wortes ‚Dichtung‘, das auf gediegenen Serifen daherkommt, hohen Ton auf den Lippen, tritt die Eigensinnigkeit des Allerweltsmediums Sprache in den Vordergrund mit seiner tiefen Eingelassenheit ins Handeln und Gestalten. Dichtung ist Geplantes, Ausgedachtes, Erfundenes, das mittels Sprache und Schrift in die Wahrnehmung tritt, ohne je Ding werden zu müssen – bis auf eine Ausnahme. Gemeint ist jene Dichtung, die allen handwerklich Tätigen beim Klang des Wortes heute zuallererst in den Sinn kommt in Gestalt eines flexiblen Rings, der Flüssiges in seinen Bahnen hält, solange er nicht zerbröselt oder verrutscht.
Die Versuchung einer Allegorese des Dichtungs-Rings samt etwaiger Träger im Horizont der Akademie ist groß. Ich widerstehe, lasse mich aber noch einmal daran erinnern, dass es das Kompositum ‚Sprach-Beherrschung‘ mit Fug offenlässt, wer hier eigentlich wen regiert, und dass der Alltagssprache ein Witz innewohnt, dessen Kipp-Momente das Denken vor Automatisierung bewahren.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung muss nicht erst gegründet werden. Das ist Grund zu unbändiger Freude, größer allein mein Glück, in und an ihr mitarbeiten zu dürfen. Ihnen und Euch allen vielen Dank für diese Ehre und für das Vertrauen. Es sei mir Ansporn:
Ich bin Niederrheinerin mit österreichischem Pass, aufgewachsen auf einem Vier-Generationen-Hof an der holländischen Grenze zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Den Kärntner Einschlag, den mein Name verrät, verdankt die Familie meiner Großmutter, die einst ihrer Liebe über die Alpen folgte und, früh verwitwet, mit zweien ihrer drei Kinder zur väterlichen Scholle zurückkehrte. Bei meiner Geburt Anfang der 70er Jahre war deren bäuerlicher Betrieb allerdings bereits Geschichte. Selbst Omas Kneipe ist mir nur noch anhand eines mächtigen, stets entrückten Bonbonglases präsent, dessen ewiges Versprechen erklären mag, warum der Thekenschrank der stillgelegten Gastwirtschaft mich in jede meiner späteren Wohnungen begleitet hat. Und doch war es ein Hof-Leben, geprägt von der Großfamilie – im Schnitt waren wir zu zwölft – und handfester Arbeit: auf dem Bau, im Garten, in den Küchen, der Pflege und an bücherstapelgesäumten Schreibtischen. Die gehörten meiner Mutter, Hauptschullehrerin für alles Musische, Religion eingeschlossen, und meinem Vater, Pfarrer an einer Berufsschule mit verschiedenen Ämtern in der Kirchenleitung.
Mein Bruder und ich sind also „bei Kirchens“ groß geworden, unter Angehörigen meiner Profession keine Seltenheit. Der Schritt vom Buch der Bücher zur Sprachkunst ist eben ein kleiner. „Bei Kirchens“ hieß im Falle unserer Kleinfamilie, neben der zugehörigen Musik und einem entspannten Verhältnis zum Sakralen, vor allem ein ständig volles Haus, frequentiert von Menschen aller gesellschaftlicher Strata und einem illustren Kreis von Kirchenleuten aus Namibia, Russland, Ungarn, Holland oder dem Bistum Münster. Im Gegenzug gab es Freundschaftsbesuche in Israel und Palästina und natürlich regelmäßige Fahrten zur Partnergemeinde in der DDR, verbotene Druckwerke in der Spielkiste und fotografiert von Beamten beiderseits der Grenze. Es war die Zeit des Radikalenerlasses.
An einer unterkomplexen Erfahrungswelt habe ich bis zum Abitur mithin nicht gelitten. Auch gab es zu Hause Lektüre en masse, deutschsprachige Literatur aus allen vier Staaten, viel Jüdisches, viel Politisches, viel Lyrik und die wunderbaren Ausgaben von Volk & Welt: Bulgakow, Aitmatow, Čapek, Bruno Schulz. Die Autobahnauffahrt des Dorfes erschien mir dennoch immer attraktiver. Journalistin wollte ich werden. Ein Journalismus-Studium war mir zu pedester, also Germanistik – „Sprache und Dichtung“ – und etwas mit Reichweite: Orientalistik. An der Ruhr-Universität habe ich das arabische Sprachsystem zu bemeistern versucht, wogegen sich das anschließende Persisch-Studium wie ein indo-europäischer Strandspaziergang ausnahm. Doppelt und dreifach entschädigt für diese Mühen der philologischen Ebene aber wurde ich durch das literaturtheoretische und sprachanalytische Feuerwerk der Bochumer Germanistik der frühen 90er Jahre, die wahrlich nicht nur mich zu intellektuellen Höchstleistungen angestiftet hat – schließlich hatte man in der Uni-Cafeteria einen Ruf zu verlieren. Nach meiner Rückkehr vom Studienjahr in Kairo, das meinen Horizont deutlich mehr geweitet als mein Arabisch verfeinert hat, waren die Bochumer Lehrstühle verweist, und ich ging nach Berlin: verglichen mit Kairo weder nennenswerter Verkehr noch Straßenleben, die Nächte ruhig, die unaufhörliche Selbsterzählung als Metropole seltsam. Aber die Islamwissenschaft an der Freien Universität strahlte hell, und die neuberufenen Westdeutschen in der Humboldt-Germanistik wollten es wirklich nochmal wissen. Jedenfalls haben sie mich mit ihrer Aufbruchstimmung gepackt und mir die Literaturwissenschaft als Beruf weit über die Zeit hinaus begehrenswert gemacht, als dieser dynamische Neuanfang längst zu hauptstädtischer Geltungsgewissheit geronnen war und ich mich auf akademische Weiterfahrt über Graz und Siegen nach Bonn begeben hatte.
Dass ich mein erstes Buch zur Kulturgeschichte des deutschen Orientalismus geschrieben habe, dürfte nicht überraschen. Dass es an Relevanz nichts verloren hat, leider auch nicht. Meine weiteren Forschungen zur Antike im Plural, zu mobilen Liedern, Blumensprachen, unlesbaren Schriften und Transformationen der Bibel, zur Komparatistik der deutschsprachigen Literaturen und zur Medienpoetik des Textes mögen kein kohärentes Gesamtbild abgeben. Doch letztlich geht es dabei immer um dasselbe: um die wahrnehmungsformierende Kraft der Sprache, um die gewaltige Produktivität der Differenz und darum, mithilfe beider der Welt ihre Selbstverständlichkeit zu nehmen. Verzicht auf Fülle wäre da sträflich. Und herrlich ist die Aussicht, künftig gemeinsam mit Ihnen und Euch in die Vollen zu gehen. Danke!