
Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin
Geboren 10.11.1971
Mitglied seit 2025
Übersetzen leben: Zeugenschaft in Raum und Zeit
Als ich 2005 nach siebenjähriger Wanderschaft durch Zentralasien und die Ukraine nach Deutschland zurückkehrte, hatte ich drei kitschige Keramikkamele und eine neue Sprache im Gepäck. Die Keramikkamele zieren seitdem alljährlich den Adventsbaum in unserer Küche, die neue Sprache – das Ukrainische – ist hingegen keine Dekoration. Unaufhörlich belebt sie Ereignisse in Geschichte und Gegenwart und lenkt meinen Blick auf die ukrainische Literatur. Sie verschafft sich Gehör über ihre Grenzen hinweg – in meinen geteilten Lektüren und in Übersetzungen.
In den 1840er Jahren verfasste Taras Schewtschenko als freigekaufter Leibeigener in Sankt Petersburg Gedichte: über das dörfliche Leben in der Ukraine, über die verlorene Freiheit der Steppenkosaken, über die Zwangsrekrutierung der Bauern für den russischen Zaren. Im Lesen lerne ich nicht nur etwas über Kosakenhetmanate und Schewtschenkos imaginiertes Refugium, sondern höre den Rhythmus der Verse, die gesungen und mündlich weitergegeben wurden.
Lesja Ukrajinka – seit ihrer Kindheit an Knochentuberkulose erkrankt – bereiste Ende des 19. Jahrhunderts ganz Europa, sie sprach neun Sprachen und verlieh ihrem erfahrenen und erlesenen Kontinent in Dramen, Gedichten und Erzählungen Gestalt. Ihre zahlreichen Briefpartner ließ sie an ihren Beobachtungen und Einsichten teilhaben. Sie schrieb auf Ukrainisch, Russisch, Deutsch und Französisch und flocht beiläufig Ausdrücke aus verschiedenen Sprachen in ihre ukrainischen Texte ein, bei deren Übersetzung ich nur scheitern kann, weil die Einsprengsel im Deutschen unlesbar sind und Erklärungen ihren Texten die Eleganz nehmen.
Ganz in dieser Tradition der gelebten Mehrsprachigkeit erfand der Futurist Mychail Semenko in den 1920er Jahren ein lateinisches Alphabet für das Ukrainische, wobei er Laute, die über keine Entsprechung verfügen, nicht mit diakritischen Zeichen darstellte, sondern mit lateinischen Buchstaben, die den kyrillischen graphisch ähneln. Er spielte mit Schrift und Klang und schuf so eine neue ästhetisch-kognitive Wahrnehmung in der Verbindung von Lateinischem und Byzantinischem, von West und Ost. Ich schleuse kyrillische Buchstaben in meine Übersetzungen ein und schlage den Bogen zurück.
Die Beschäftigung mit der ukrainischen Literatur treibt mich in eine schmerzhafte Zeugenschaft von Unterdrückung, Marginalisierung und Vernichtung. Taras Schewtschenko: Wegen seines zarenkritischen Gedichts Der Traum verbannt man ihn 1847 auf Lebenszeit nach Kasachstan und verbietet ihm Malen und Schreiben. Lesja Ukrajinka wird von ihren Landsleuten als große Intellektuelle verehrt – aber nicht gelesen, da die ukrainische Sprache im Zarenreich bis 1905 an Schulen und Universitäten nicht gelehrt werden darf und kaum jemand Zugang zu den Texten der Autorin findet. Mychail Semenko – ästhetischer Rebell und Verfechter der proletarischen Revolution – wird vom sowjetischen Parteiapparat des Nationalismus bezichtigt und 1937 wie zig andere ukrainische Autor*innen im Großen Terror erschossen.
Romantik, Fin de Siècle, Futurismus – Strömungen, deren Werke zum Kanon unseres Lesens und zu unserer Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte gehören. Taras Schewtschenko, Lesja Ukrajinka, Mychail Semenko – Namen, die man in diesem Kanon und diesen Auseinandersetzungen bislang vergeblich sucht.
Leider bleibt mir momentan wenig Zeit für die mehr als notwendige Belebung der ukrainischen Klassik. Denn aufs Neue stehen die Kultur und Literatur der Ukraine, des „Grenzlandes“ im Visier imperialen Vernichtungsstrebens. War ich in den 1990er Jahren mit dem Enthusiasmus der infolge der Friedlichen Revolution 1989 erlangten Freiheit nach Osteuropa aufgebrochen, um den Raum zu entdecken und mitzuwirken an der Verbindung zwischen Ost und West, stehe ich mit meinem Ukrainisch seit 2014 plötzlich an der Seite von Autor*innen wie Serhij Zhadan, Halyna Kruk oder Marianna Kijanowska, die bekämpft und mit Raketen beschossen werden. Deren alltägliches Leben verschwunden ist. Und die trotzdem weiter schreiben. Die versuchen, eine Sprache zu finden für das Vorfallende-Unsagbare.
Das Unbeschwerte und Leichte, das Spielerische, Kokettierende und Spottende, all das, was nur entstehen kann, wenn man sich seiner Existenz sicher ist, geht verloren. Die Sprache wird karg und schneidend, hinter jedem ausgesprochenen Wort steht die Überwindung des Mundes, die Qual der Lippen, die Schwere des Atems – das Unfassbare zu formulieren – und so einen Raum zu formen, der in Worten bewahrt, was ausgelöscht werden soll, der im Benennen der Ohnmacht widersteht, der im Anrufen Hoffnung trägt, der im Fixieren Wahn und Verzweiflung wehrt. Der uns zeigt: Literatur ist existenziell.