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Reinhard Jirgl

Reinhard Jirgl

Schriftsteller
Geboren 16.1.1953
Mitglied seit 2009
Georg-Büchner-Preis

Vorstellungsrede

 

Geboren wurde ich im Januar 1953 in Berlin-Friedrichshain. Doch wie Sie, verehrte Damen und Herren, bemerken können, hat mein Familienname Jirgl nichts Preußisches. Meine Mutter und ihre Verwandten waren zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Sudetenland Vertriebene, die in der DDR nicht Vertriebene heißen durften, sondern »Umsiedler«; am besten aber, sie verloren über sich und die Vertreibungen kein Wort.
Meine Mutter wollte nach der Dolmetscherschule die Sprachen Russisch und Englisch weiterstudieren; für eine junge Mutter zur damaligen Zeit, acht Jahre nach dem Krieg, eine prekäre Lage, die gerühmte Berliner Luft wehte ihr scharf ins Gesicht. Und so brachte ich die ersten zehn Jahre bei der Großmutter in der Kleinstadt Salzwedel/Altmark zu, danach kam ich zurück nach Berlin. In dieser Stadt lebe ich bis heute, seit 1996 als so genannt freier Schriftsteller.
Der Entscheidung, Schriftsteller zu werden, ging voraus die Einsicht in den Fehler eines 14jährigen, der angehalten war zu entscheiden, welchen Beruf er Zeit seines Lebens ausüben will. Der Berufsweg hieß zunächst, den Facharbeiter für Elektromechanik, daraufhin das Studium für Elektronik abzuschließen. Schon während der Berufsausbildung und dann insbesondere während des Studiums musste ich feststellen, dass dieser einmal betretene und den Verfügungen in der DDR zufolge kaum wieder zu verlassende Berufsweg auf einer falschen Entscheidung beruhte: ein Beruf, für den ich weder bleibendes Interesse noch Talent besaß.
Aus diesem Dilemma sah ich einen Ausweg – im Schreiben die Chance, mir ein gegen den akademischen Beruf gerichtetes »zweites Leben« zu erschaffen: die Doppelexistenz als Schriftsteller und als Ingenieur. So fielen in die Studiumszeit Anfang der 1970er Jahre auch meine ersten Prosaversuche.
Bekanntlich alles, was zerbrechen kann – in Menschen und in Gesellschaften –, bildet Fundorte für den Schriftsteller. Die Zeiten, als ich mit dem Schreiben begann, waren zum Schreiben reiche Zeiten, zum Buchdruck und Verkauf solcher Fundstücke waren die Zeiten arm. Als ich 1985 das Manuskript meines ersten Romans beim Aufbau-Verlag einreichte, war »nichtmarxistische Geschichtsauffassung« der Funktionärs-Vorwurf gegen diese Arbeit. Solch Vorwurf ist genügend unkonkret, so dass Subalterne damit konkrete Verhinderungsmaßnahmen zustande bringen: keine Chance zum Buchveröffentlichen, keine Fördermöglichkeiten. Doch was ich meinte, von allem noch am besten zu können – das Schreiben – setzte ich in aller Heimlichkeit fort: Als Ingenieur und später während langer Jahre eines Theaterjobs allein für mich und für die Schublade. Ich blieb bis zur »Wende« 1989 ein Schriftsteller mit sechs fertigen Manuskripten – ohne Buch, der Öffentlichkeit ein Unbekannter.

Nach 1989 begann meine Zeit des Bauchladen-Hausierens: von kleinen zu großen und wieder zurück zu kleinen Verlagen, alles in allem mit nur spärlichem Erfolg. Denn auch im neuen Westen wartet niemand auf niemanden, schon gar nicht auf einen unbekannten Schreiber aus dem Osten mit alten und neuen Manuskripten. Und die Erfahrung aus den Jahren in der DDR
kam mir weiterhin zugute: Wenn einem Schreiber die Öffentlichkeit entzogen ist, so ist das noch lange kein Grund, mit dem Schreiben aufzuhören, denn der Schreibtisch hat viele Schubfächer.
Die entscheidende Änderung geschah, als ich nach dem Döblin-Preis 1993 den Verleger Michael Krüger getroffen hatte, der sich mich und meine Arbeiten offenbar leisten wollte; so wurde das Jahr 1993 zu meiner persönlichen »Wende«.
Thomas Mann bekannte in Tonio Kröger: »Ich sage Ihnen, daß ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben.« Weil mir aber das Schreiben Lust bedeutet, auch weil die Menschen in Büchern mir oftmals weniger gespenstig erscheinen wollen als die Menschen im so genannten Leben, empfinde ich genau umgekehrt zu Thomas Mann: Lebenmüssen ohne dem Schreiben daran Teilhabe zu geben, das machte mir dieses Leben sterbenslangweilig. So langweilig wie meine Biografie, verzeihen Sie, aber ich habe nur diese. Alle anderen muss ich mir erschreiben.
An diesem Punkt meiner Selbstvorstellung darf ich darauf hinweisen, dass hier vor Ihnen, sehr verehrter Herr Präsident, liebe Anwesende, jener Schriftsteller steht, der mit eigens angefertigter Orthografie und Zeichensetzung seine Schrift zu schreiben der »genormten« Schriftweise vorzieht, wie sie gemäß den Regularien jedwede Literatur auf totalitäre Weise sinnlich zu nivellieren trachtet. Denn was für die Entwicklung der Gegenwarts-Musik gilt, das gilt in besonderer Weise natürlich auch für die Gegenwarts-Literatur. Von diesem Eigensinn sehe ich meine zweite Biografie begründet; weil sie frei wählbar war, ist sie mir lieber als die andere.
Und bevor ich nun wieder über mich schweigen darf, danke ich allen Anwesenden für die erwiesene Aufmerksamkeit. Danke insbesondere den Stimmen, die mich in die Akademie für Sprache und Dichtung gewählt haben. Danke für die Ehre dieser Mitgliedschaft, ich freue mich mehr über diese Wahl, als ich zu zeigen vermag.