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Peter Demetz

Peter Demetz

Germanist
Geboren 21.10.1922
Mitglied seit 1977
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 

Als es in Kriegs- und Nachkriegszeit zu den täglichen Geschäften zählte, Lebensläufe, Gesuche und Eingaben zu verfassen, saß ich mit meinem Vater über den weißen Papieren, und wir fragten einander oft, welche Version wir schreiben sollten. Indem ich mich Ihnen als korrespondierendes Mitglied der Akademie vorstelle, denke ich an jene Tage autobiographischer Revisionen zurück, und das alte Gefühl stellt sich mir wieder ein, daß alle Lebensläufe fiktive Konstruktionen sind, denn selbst die Tatsachen wählen wir ja aus dieser oder jener Intention. Mein Lebenslauf scheint mir noch mehr an Fiktionalität zu besitzen, als es schicklich sein sollte; wie ein Charakter in einem Stück Max Frischs, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es hätte auch ganz anders kommen können. Ich saß zeitlebens zwischen drei Stühlen und fühlte mich sozusagen levitierend am wohlsten. Ich will damit sagen, daß ich im alt-neuen Prag geboren bin; mein Vater ist von Südtiroler und katholischer Herkunft, meine Mutter kam aus einer tschechischjüdischen Familie vom flachen Lande, und quer durch die Sippe gingen die Trennungen der Religion, der Sprache und der politischen Neigungen, die es mir zeitlebens unmöglich gemacht haben, mich dem einen oder anderen ganz ohne ironischen Rest zu verschreiben. Allerdings fand ich mich mit fünfzehn, sechzehn mitten in der Politik, weil ich mußte und wollte, sammelte Geld für die spanische Republik, hatte Schwierigkeiten mit meinem Klassenlehrer, weil er ein Heimatfront-Mann war und ich Heinrich Heine zum Thema meiner ersten Redeübung gewählt hatte, und fühlte mich sonst als selbstbewußter Bürger der Tschechoslowakischen Republik, die zumindest ihrem Entwurfe nach den Bürgern aller Völkerschaften die gleichen Rechte garantierte. Ich verehrte den alternden T. G. Masaryk, den Kutscherssohn, Philosophen und Staatspräsidenten, der jeden Freitag abend die bedeutendsten Schriftsteller zu fortlaufenden Streitgesprächen zu sich auf den Hradschin einlud; und als man mir später sagte, deutsche Juden, Halbjuden und sudetendeutsche Sozialdemokraten wären immer die besten Tschechoslowaken gewesen, bestätigte das eine Wahrheit, die sich durch ihre Ironie nur noch unverbrüchlicher legitimierte. Ich glaube, das war auch der Grund, warum ich nach dem Krieg nicht in der Bundesrepublik blieb und weiterreiste; damals war es noch notwendig (manche Mitglieder der Akademie erinnern sich noch gewiß an jene Zeiten), sich zu dieser oder jener nationalen Gruppe zu bekennen, zu der einen oder anderen, aber da der alte Prager Mischmasch mein eigentliches Lebensprinzip war, ging ich lieber nach New York, wo die Leute, so hoffte ich, andere Sorgen hätten als dauernd die Frage zu stellen, ob man sich zu dieser oder jener Schicksalsgemeinschaft bekenne. Zum Glück war Amerika da, sonst hätte ich es, wie einer meiner talentierteren Landsleute, erfinden müssen.
Ich will hier nicht im einzelnen erzählen, wie und wo ich noch einmal studierte und zu unterrichten begann, welche Arbeiten ich schrieb, und an welchen Schreibtischen ich saß, weil ich mich institutionellen Ansprüchen nicht entziehen wollte. Ich war nicht überrascht, daß ich mich bald, wenn immer ich als Lehrer sprach oder schrieb, einer neuen Generation gegenüber in einer ironischen Lage fand, denn es ergab sich, daß ich das Literarische der Literatur verteidigte, weil ich als gebranntes Kind leider zur Genüge wußte, wie es Texten und Autoren ergeht, wenn die Herrschenden oder die Unterdrückten, die dann die Herrschenden sind, nichts als politische Ansprüche stellen. Die Gleichschaltung hat viele Namen, und ich scheue mich durchaus nicht, auch den berüchtigten Formalismus (ganz im Sinne der russischen Kritiker der revolutionären Epoche) als eminent politischen Akt zu begreifen, der (um mit Heinrich Heine zu reden) die Manuskripte der Poesie davor bewahren will, als Einschlagpapier für Kartoffeln und Toback zu dienen. Ich berichte von meiner Arbeit als Lehrer der Literatur, vor allem der deutschen, in den Vereinigten Staaten, und ich sollte sogleich gestehen, daß ich dort zu jenen happy few gehöre, die immer weniger Genüge daran finden, mit dem Rücken gegen die amerikanische Gesellschaft zu arbeiten, und immer notwendiger, das Ghetto der deutschen Studien in Amerika aufzubrechen und unter die amerikanischen Intellektuellen zu gehen. Emanzipation, Offenheit, Transparenz, Vermittlung auch dort, und selbst wenn es notwendig wäre, eine neue Serie deutscher Filme im New Yorker Fernsehsender 13 einzuleiten und für amerikanische Intellektuelle zu kommentieren, anstatt, wie ich es im Augenblick viel lieber täte, eine gelehrte Studie über Arno Holz zu schreiben und die Silben seiner wunderbaren Adjektiva zu zählen. Mag sein, daß es töricht ist, diese Vermittlungs- und Dolmetscherarbeit über die strenge Wissenschaft zu stellen, aber der Ort, der Augenblick und die Umstände, in denen ich lebe, stellen ihre eigenen Forderungen, und meine politischen Erfahrungen, hier und dort, legen mir nahe, über den Aufgaben des Philologen die des Dolmetschers nicht zu vergessen. Ich danke Ihnen, daß ich in Zukunft an den Unternehmungen der Akademie mitarbeiten darf.