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Michael Krüger

Michael Krüger

Schriftsteller
Geboren 9.12.1943
Mitglied seit 1983

Vorstellungsrede

 

Die Verwunderung darüber, von Ihnen in diese Akademie gewählt worden zu sein, ist eine wiederkehrende Figur in den Selbstbeschreibungen, mit denen neue Mitglieder sich hier vorgestellt haben. Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht zu sehr, wenn ich diese Verwunderung ganz ernsthaft für mich in Anspruch nehme: aber das, was ich geschrieben habe, läßt sich beim besten Willen nicht als »Werk« bezeichnen, nicht einmal als »Bruchstücke zu einem Werk«, also allenfalls als Bruchstücke. Lauter Vorlaute, Vorworte, Vorsätze, deren vorläufiger Charakter in die Augen springt. Ob es zu einer Hauptsache je kommen wird, muß ich bezweifeln: zu umfangreich und disparat sind die Notizen, zu vermessen die Pläne, zu einschüchternd die Bücher in meinem Kopf, als daß ich Hoffnung haben dürfte, dafür je eine angemessene, notwendige Form zu finden. Der einzige Trost, den ich in dieser trostlosen Situation habe, ist der Umstand, daß das Buch, das ich schreiben möchte und nie schreiben werde, auch von anderen Autoren noch nicht geschrieben wurde; also schweige ich besser über meine Absichten.
Ob es überhaupt sinnvoll ist, auf dieses große Werk, Das Buch, zu hoffen, scheint mir fraglich: die Literatur gehört zu den schmählichen und stolzen Verlierern dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts, und kein rilkescher Engel weit und breit, diese Niederlage noch einmal in einen ästhetischen Triumph umzuschreiben. Diese Gesellschaft braucht ganz offenbar nicht mehr die Kunst, um an ihrer Wahrheit zugrunde zu gehen. Früher habe ich optimistischer gedacht. Früher – verzeihen Sie, wenn ich mir hier eine regelrechte Biographie zurechtlege –, das waren die sechziger Jahre in Berlin mit Walter Höllerers Literarischem Colloquium, mit Peter Weiss, Ingeborg Bachmann, Nicolas Born und Wolfgang Maier, um nur von den Toten zu sprechen, mit den Stipendiaten der Ford-Foundation, die uns handgreiflich vorführten, was Weltliteratur ist, mit den Vorlesungen Peter Szondis, die ich, wenn sie abends stattfanden, als Gasthörer besuchen durfte: Literatur war so selbstverständlich, daß man gar nicht auf die Idee kam, an ihr zu zweifeln; das sollte sich bald ändern.
Tagsüber mußte ich in eine andere Lehre gehen in einem Verlag und in einer Druckerei, deren Maschinen heute bereits im Museum stehen, ohne noch den wunderbaren Geruch zu verströmen, der zu ihrer Existenz und einige Zeit auch zu meiner gehörte. Ich wusch mir die Hände, zog ein reines Hemd an und ging als Buchhändler nach London, wo ich bei »Harrods« internationale Literatur verkaufte. Der Bibliothekar der Königin brachte die Two Views von Uwe Johnson und die Romane von Claude Simon und Michel Butor, die ich ihm aufgeschwatzt hatte, am darauffolgenden Tag wieder zurück und weigerte sich empört, stattdessen Cat and Mouse oder die englische Ausgabe der Strudlhofstiege anzunehmen. Nach meinem Weggang, so bilde ich mir wenigstens ein, hatte es die deutsche Literatur nicht nur in Windsor Castle, sondern in ganz England noch schwerer.
In England erfuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben von den dort schreibenden Emigranten, was es heißt, ein Emigrant zu sein, und ich erinnere mich noch gut meiner inneren Bewegung, als ich, das war wieder in Berlin, den damaligen Senator Arndt die inständige Bitte an die Emigranten aussprechen hörte, nach Deutschland zurückzukehren; das hatte man bislang offenbar vergessen. Ich las die Bücher der Emigranten, namentlich die der Frankfurter Schule, deren Schüler ich gern gewesen wäre, so wie es vorher mein Wunsch gewesen war, einmal Sekretär von Diderot gewesen zu sein; hoffnungslose Wünsche.
Seit dieser Zeit habe ich in den Büchern anderer Autoren mehr Zeit gewidmet als den eigenen – als Rezensent, der ich durch die freundliche Aufforderung von Karl Heinz Bohrer wurde und der ich durch die freundliche Insistenz von Rolf Michaelis noch bin; als Verlagslektor, dank der Fürsprache von Fritz Arnold und Reinhard Lettau; und als Herausgeber einer Literaturzeitschrift, deren Redaktion mir von meinem Freund Hans Bender übertragen wurde. Ohne diese und andere Freunde wäre ich gar nichts geworden.
Warum ich mich so ausgiebig auf ›sekundäre‹ Weise mit Literatur beschäftige, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht aus Skepsis, vielleicht aus Feigheit, vielleicht auch deshalb, weil ich Zeuge wurde des sich beschleunigenden Verfalls der ästhetischen Wahrnehmung, eines Verfalls, den ich gerade als Skeptiker aufhalten wollte. Warum eigentlich? Weil nicht Hegel, nicht Nietzsche, nicht Freud und keine Preisfrage der Akademie bislang restlos geklärt haben, was uns fehlen würde, wenn die Spielart und Erkenntnisweise der Imagination, die wir Literatur nennen, auf einmal verschwände. Verlustängste.
Solange jedenfalls dieses Problem nicht hinreichend geklärt ist – und das wird gottlob noch Zeit brauchen –, solange wird mich die Literatur beschäftigen: eine etwas altmodische, spinnwebenhafte Anstrengung vielleicht angesichts der gegenwärtigen Situation, aber offenbar die einzige, die mich reizt.
Ob Sie nun gut beraten waren, einen mit vierzig Jahren – ich bin 1943 in Wittgendorf/Kreis Zeitz geboren – wenig optimistischen, kaum vielversprechenden Autor, der mit fast leeren Händen vor Ihnen steht, in Ihre Akademie zu wählen, wird die Zukunft zeigen, wenn sie sich zeigen sollte. Weil das ungewiß ist, möchte ich mich schon jetzt bei den Mitgliedern, die mich vorgeschlagen haben, und bei allen Mitgliedern, die diesem Vorschlag zugestimmt haben, herzlich bedanken.