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Lea Ritter-Santini

Lea Ritter-Santini

Literaturwissenschaftlerin
Geboren 21.3.1928
Gestorben 5.6.2008
Mitglied seit 1979

Vorstellungsrede

 

In der Nähe des Meeres ist der Rubicone ein ruhiger, kleiner Fluß, ein schmaler Bach im Sommer. Wer in der Emilia an den langen Sonntagen das Springen an seinen Ufern lernte und übte, über die seltsame Macht der erzählten Geschichte sich wunderte, die gerade diesem Fluß eine unwirkliche Größe schenkt, unterhält ein persönliches und leichtsinniges Verhältnis zur geographischen und historischen Realität, achtet die Grenzen der Länder und der Provinzen kaum.
Wer schon dort in den kindlichen Nonsense-Reimen aus der sprachlich-kombinatorischen Lust der Mitspieler sogar den eigenen Namen in den des alten schicksalhaften Würfelspiels der Geschichte am Rubicone verwandelt sah – alea, lernte man, lateinisch Würfel, also lea-a-lea: du bist, du bist es nicht, ale-es, hast du Flügel, so bist du es – Das Springen über einen limes verliert nicht seinen Reiz, auch wenn das andere Ufer die dunkle, traurige Grenze des Teutoburger Waldes werden kann. Erst dort wächst der schmale Bach an der adriatischen Küste seltsam wieder zu breitem, bedeutendem Fluß, anders als im Handbuch der Geschichte, und man erfährt – von anderen – das erste, sonnige, verlassene Ufer, das sei Arkadien gewesen, wo so viele hinwollen, um dort wenigstens einmal gewesen zu sein. Wer von dort kam, wußte es nicht: hatte in Klostern und Palästen Bilder und Figuren erkennen gelernt, Inschriften gelesen, mit der Kälte großer Kirchen und mit der Wärme alter Steine gelebt, die Kunst der Beredsamkeit blühen sehen, die Schulfeste, Liebesspiel und Familienverbote gleich schmückte, und hielt die Heiterkeit des Himmels für so selbstverständlich wie alte Akademien, in denen Statuen und Männer miteinander streiten.
Ohne Sehnsucht und ohne Begleitung eines alten oder jüngeren Harfenspielers ist die Flucht aus Arkadien, diese beschwerlich-abenteuerliche Reise in die fremde Provinz, kein literarisches Motiv und gehört auch nicht in die verführerische Mythologie der Exotik; sie ist eher in jener ungewöhnlichen Topographie der eigenwillig-freiwilligen Verbannung, der rebellischen Unruhe zu suchen, aus der dann psychologische Mythisierung oder Entfremdung entstehen kann, vor allem aber die Erkenntnis der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen und der Wunsch, das Andersartige und das Neue zu vermitteln.
Zwischen zwei Kulturen in Spannung zu leben, erhöht die Reizbarkeit, es fördert das Nachdenken, statt es zu lahmen. Diese These, nach der sich gerade in einem langen Exil oder in der Emigration schöpferische Kräfte entwickeln, die aus der Anpassung in die fremde Umwelt entstehen, sieht in dem traumatischen Vorgang der Auswurzelung die Voraussetzung für eine produktive geistige Tätigkeit, die sonst – je nach der biographischen und intellektuellen Lage des einzelnen – unentwickelter geblieben oder unbedeutender ausgefallen wäre. Ob diese veränderte und sensiblere Reaktion den Phänomenen einer neu erlernten Kultur gegenüber sich dann in den Wunsch nach Integration oder aber in den alten Trotz der instinktiven Ablehnung des Unvertrauten ausdrücken kann, hängt nicht nur vom Grad der Affinität oder der Fremdheit der unterschiedlichen Kulturen ab, sondern auch vom Gelingen oder Mißlingen der Verpflanzung, von der alchemistischen Kette der Wahlverwandtschaften.
Angeborene Neigungen und übernommene Prägungen können mit der Abwehr eines Triebes reagieren, der sich gegen das Aufpfropfen wehrt. Das okulierte Auge erfährt die Realität anders und verwandelt sogar die ursprüngliche Form, die sich ihm allmählich anpaßt. Dieses Auge liest dann anders, erinnert sich der vertrauten, vielfach gesehenen Bilder auf andere Weise in veränderten Entfernungen und Bedeutungen. Seiner Fremdheit bewußt, erfaßt es die Wirklichkeit in verfremdeter Perspektive; erst sie läßt die Erinnerung wieder entstehen und mit ihr den Wunsch, sie mit dem Wissen der Geschichte zu vergleichen. Dieser Wunsch stärkt die Abwehr und die Neugierde.
Erst später, wenn das Bewußtsein die Fremdheit mindert und ihre Wagnisse mildert, können die Linien jener Wege sichtbar werden, in die zuerst Unkenntnis, erlittenes Leid und der Wille zu Verstehen führten, die dann aber das Schreiben bestimmen und verändern.
Ohne die Okulation der deutschen Kultur wäre es mir nicht möglich gewesen, durch die Irrwege Formen und Gestalten des jeweils anderen Ufers zu erkennen und sie wahrzunehmen, als jene Orte, von denen aus das gegenüberliegende Land besonders klar sichtbar wird, wenn man glaubt, es gäbe Arkadien noch, so wie es Orplid noch geben soll. Ich möchte Ihnen danken, daß Sie, mit der Zahl ihrer Würfel – a-lea – mich zu dieser akademischen Existenz berufen haben: in meinem Dank ist etwas Verwunderung und etwas Bewunderung eingeschlossen, für die Wahl, die Sie gewagt haben, jemanden in Ihren Kreis aufzunehmen, der außer der kaum veränderbaren, zweideutig anziehenden Eigenart, eine fremde und eine weibliche Nationalität zu besitzen, noch jene schwierigere, oft irritierende Gewohnheit nicht ablegen kann, vergleichend zu leben und dies übertragen zu wollen, sogar innerhalb einer literarischen Disziplin, so undiszipliniert, daß sie keine Grenzen kennt.