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Joachim Kalka

Joachim Kalka

Übersetzer, Kritiker und Autor
Geboren 1948
Mitglied seit 1997
Johann-Heinrich-Voß-Preis

Vorstellungsrede

 

»Wenig Dinge sind mir zugestoßen, viel habe ich gelesen. Oder besser: wenig ist mir zugestoßen, was der Erinnerung würdiger gewesen wäre als die Philosophie Schopenhauers oder die Wortmusik Englands«. Das ist ein Zitat von Borges, und ich habe mir im Sinne dieses Zitats kurz überlegt, ob ich mich Ihnen nicht überhaupt (was mir eine Zeitlang wahrhaftig als das Aufrichtigste erschien) mit einer reinen Zitatenmontage vorstellen soll, was vielleicht mein bescheidenes und besitzergreifendes Verhältnis zu Sprache und Dichtung am reinsten ausgedrückt und meine Biographie am elegantesten summiert hätte. Ich war mir aber nicht sicher, ob es mir gelingen würde, etwas als melancholische Hommage an Literatur zu konstruieren, was sich leicht dem Verdacht des bloß Preziösen aussetzt. Also nur das Zitat dieses meines Planes – mit dem ich mich allerdings auf gewisse Weise eigentlich schon jetzt fast hinreichend vorgestellt zu haben glaube – und noch ein Zitat für meine Kindheit (von Karl Kraus): »Ein sentimentaler Gassenhauer, den am Sommersonntag ein Leierkasten ... spielte, hatte Macht über mein Gemüt; ich ließ ab, Fliegen zu fangen, und die Mysterien der Liebe gingen mir auf. Andere, die sich rühmen, daß der Tristan eine ähnliche Wirkung auf sie geübt habe, fangen noch heute Fliegen. Ich war stets anspruchslos, wenn es die Wahl der äußeren Eindrücke galt, um zu inneren Erlebnissen zu gelangen ...« Was Kraus hier als Kontrast von Tagtraumleben und Paradekultur faßt, kann auch innerhalb der Literatur gelten: Nicht die großen Werke müssen die stärkste Wirkung haben, der Traum entzündet sich auch am Abseitigen. Ein unbeholfenes Kind liest gerne, es liest auch den Tristan mit naivem Interesse wie eine Leierkastenkolportage, seine Existenz in einer fast verwunschen weltfremden Kleinbürgerlichkeit (Stuttgart, fünfziger Jahre) wird ihm langsam zum Ausguck. Es beginnt dies und das zu sammeln (ein infantiler Trieb mit unerschöpflichen Weiterungen), wird älter, konfuser und anspruchsvoller; fängt an, zu reisen – in anderen Ländern werden andere Sprachen gesprochen. Die Welt der Bücher bleibt ein erstaunliches Geheimnis. Das Sammeln verbindet sich mit dem Lauschen und dem zögernden eigenen Sprechen. Wenn man viel liest, hat man gelegentlich das Glück, Teilen der eigenen Lebenskontingenz in der Literatur wiederzubegegnen. Dadurch erfährt sie eine Verallgemeinerung zu Komik, die ihr manches von ihrer Schmerzlichkeit nimmt.
Durch eine Reihe kleiner Glückszufälle nach einem Studium von fruchtbarer Planlosigkeit und ohne besonderes Ergebnis fiel es mir en passant zu, Übersetzer zu werden. Nach und nach wurde mir klar, daß der Zufall mir die erdenklich beste Möglichkeit zugespielt hatte, mich mit den mir eigenen Neigungen durchzuschlagen – ich versuchte, mich planmäßiger zum Sammler sprachlicher Nuancen zu erziehen. Wie die väterliche Werkzeugkiste oder eine der von sorgsam aufbewahrten praktischen objets trouvés wimmelnden Garagen meiner Kindheit war mein Gedächtnis nicht schlecht gerüstet. Und nach und nach hatte ich auch, angeleitet von großer Dichtung und von entschiedenen Interpreten, über die Sprache nachzudenken begonnen. Noch die lückenhafteste Schilderung wäre unvollständig, wenn ich hier nicht voll Verehrung einen Namen für viele andere nennte: Werner Kraft.
Mit Glück kann man dann das sprachlich Eigene im Fremden aufgehen lassen; das Fremde durch ein überraschend an seine richtige Stelle fliegendes Eigenes bezeichnen. Dieses Eigene will manchmal einer grotesken Umwelt abgelauscht sein. Karl Kraus erzählt – schon wieder drängt ein Zitat heran – daß er einmal bei der Arbeit »... hinter mir ganz deutlich eine Frauenstimme [hörte], die immer wieder sagte: ›Roserl ist zwar nicht offiziell, aber offizies verlobt.‹ Es ist eigentümlich, aber gerade das hat mich bei der Arbeit gehalten«. Diese aus dem Dunkel der Erinnerung auftauchenden verbalen Grimassen der Welt haben oft große Macht. Es ist zwar nicht ganz so, daß der Übersetzer geradezu darauf wartet, daß ihm ein Roman zugeteilt wird, in dem er endlich einen bestimmten Satz, eine bestimmte Wendung oder sprachlich besonders gefärbte Formulierung eines Onkels, eines Professors, einer Nebenfigur in einem dummen alten Kriminalroman oder einer Frau am Nebentisch in der Autobahnraststätte vor zwanzig Jahren loswerden kann. Aber ein wenig schon. Die Stimmen von Leben und Literatur schieben ihm dramatisch oder beiläufig Materialien zu, und er versucht, sich mit dem, was er gedacht und gehört hat, als stummer Sprecher bereitzuhalten. Eine gewisse histrionische Neigung ist dabei hilfreich, wenn auch Hamlets Rat an die Schauspieler zu beherzigen ist, insbesondere der Satz: »Und die bei euch den Narren spielen, laßt sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht«. Jetzt ist mir schon wieder ein Zitat hereingeraten, ich gebe den Widerstand endgültig auf und zitiere nur noch. – T. S. Eliot: These fragments I have shored against my ruins – »mit diesen Bruchstücken habe ich meine Ruinen abgestützt«. Diese Bruchstücke gehören mir, weil ich sie gefunden habe, finders keepers. Sie gehören mir auch, weil in ihrem Zusammenfügen oder zumindest Nebeneinanderlegen die ganze vielleicht etwas desperate Logik des eigenen Lebens einen Augenblick wohnen kann. Im Kaleidoskop dieser Fundstücke raisonniert auch die Sprache mit sich selbst. Und der Leser und Sammler und Lauscher hat an dem sein eigenes Erleben, was er an Albernem und Erhabenem sprachlich in sich aufgenommen hat. So mag dann auch der Übersetzer sich unter ein spielerisches Sprichwortgedicht (von Goethe) stellen, in dem es von Bedeutenderen heißt: Dichter sind wie Bären, / die stets an eigenen Pfoten zehren.