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Ivan Nagel

Ivan Nagel

Theaterwissenschaftler und Publizist
Geboren 28.6.1931
Gestorben 9.4.2012
Mitglied seit 1986
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 

Für die Auszeichnung, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung anzugehören, danke ich nicht ohne schlechtes Gewissen. Es nährt sich, ein lebenslänglicher Parasit, zunächst wohl von dem Umstand, daß meine Muttersprache nicht Deutsch ist. Denken und schreiben kann ich nur deutsch; aber wenn ich das ungarische Wort »búza« höre, sehe ich immer noch gelbe Ährenfelder schwanken – wenn ich dagegen »Weizen« höre, sehe ich nichts, denke nur an eine Biersorte, an Brotpackungen im Supermarkt, ja an die Börsenseite der FAZ. Weniger prosaisch aber nicht weniger problematisch: »füzfa« steht für mich am Seeufer und hat krumme, lahm hängende Zweige; die »Weide« aber wuchs mir aus einem Dünndruckband von Goethe – oder war es Mörike?
Das schlechte Gewissen forscht weiter. Weil die neue Sprache dem Siebzehnjährigen endgültig die kindliche Einheit von Worten und Dingen wegnahm, lockte sie ihn in die Versuchung der Abstraktionen. Ich studierte Philosophie und Soziologie. Was für eine Verteidigung gegen die erschreckende Vielfalt der Wirklichkeiten, die auf den Schützling und das Opfer gutbürgerlicher Erziehung einstürzen: sie sämtlich in ein System der Gedanken zu pressen! Und was für ein Triumph, wenn die weite Welt, schon bevor man sie kennengelernt hat, sich den Begriffen der Studentenbude fügt! Aber der Welt sei Dank; ihre Versuchungen sind stärker. Es dauert allerdings lange, vielleicht ins Greisenalter hinein, bis sie einen gelehrt haben, daß es der Sprache nicht aufgegeben ist, die Welt zu beherrschen oder zu verdrängen.
Der Kampf der Sprache wurde mir, auch als Kampf um die fremde Sprache, mitunter ein Kampf gegen die Sprache. Daß die beiden Berufe, denen ich in manchmal abruptem Wechsel nachging, Theatermachen und Theater-, Musik-, Kunstbeschreiben, daß beide einen scharfen Vorbehalt gegen die Sprache bergen, muß ich hier, vor der Akademie für Sprache und Dichtung, behaupten und bekennen. Ich war nie der Meinung, daß Theater wesentlich Sprache ist. Theater entsteht vielmehr in der Wegbewegung von der Sprache, die zunächst bloß eine Notation des Dramas leistet: als eine Bewegung auf das Drama, auf die Handlung der Bühne hin. Auf der Bühne entsteht dann eine wunderbare Lesbarkeit der Gesichter und Gesten, die jene erste Lesbarkeit, die des bloßen Textes, auslöscht – um dann allerdings wieder Sprache aus sich zu erzeugen: nämlich Sprach-Handlung von der Tirade bis zum Verstummen.
Nun aber das Schreiben über Theater, über Musik, über Kunst, mein zweiter, vielleicht auch erster Beruf: Entspringt er nicht ganz und gar dem Willen zur Sprache, dem Vertrauen auf die Sprache? Wo ist da die Gegen- und Doppelbewegung, der Vorbehalt? Zunächst: in der Abwehr gegen die kritische Anmaßung, daß die Reflexion über Kunst höher stehe als die Kunst selbst. Der Machtgenuß fast jedes jungen Kunstrichters, der aus dem Künstler seinen Angeklagten macht, ist der erste Mißbrauch der Sprache gegen die Kunst. (Mit siebenundzwanzig wurde ich von einer Zeitung als Kritiker angestellt – ich weiß also, wovon ich rede, von mir selbst.) Der zweite Mißbrauch ist weniger bewußt und gewollt, deshalb auch schwerer aufzufinden, zu überwinden. Wie die Terminologie des Denkers durch Abstraktion Welt beherrscht und verdrängt, ähnlich beherrscht und verdrängt die Terminologie des Kritikers Kunst: durch den jeweils modischen Geschmack und Ausdruck, durch den Automatismus seiner Sprache, die nicht die seine ist.
Der Automatismus der musischen Rede in den Fünfzigerjahren, der Automatismus der kritisch-philosophischen Rede in den Sechzigerjahren – wer in meinem Alter, dem es an Kunst und am Nachdenken über Kunst lag, war dagegen immun? Hätte man aber seine eigene Immunität als den höchsten Schatz gehütet – wäre man dann nicht stumpf geworden gegen das Beste an Kunst, gegen das ernsteste Nachdenken über Kunst, dem wir damals begegnen durften: stumpf und stumm? – Wir, die wir mit der Sprache und von der Sprache leben, brauchen das schlechte Gewissen der Sprache wegen der Sprache. Ich nannte das schlechte Gewissen einen lebenslänglichen Parasiten. Aber vielleicht ist es unser nicht loszuwerdender Zeuge: der lästigste doch auch nützlichste Beobachter, der schlaflose Chronist unseres Weges zur eigenen Erfahrung: zur Hoffnung auch, mitten unter den erfahrungsfeindlichen, autoritätshörigen, automatisch gewordenen Fremdsprachen dieses Landes, dieser Zeit eine eigene Sprache zu finden.