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Herta Müller

Herta Müller

Schriftstellerin
Geboren 17.8.1953
Mitglied seit 1995

Vorstellungsrede

 

1953 bin ich in Nitzkydorf geboren, das Jahr, in dem Stalin körperlich starb – geistig lebte er noch viele Jahre. Das Dorf liegt im rumänischen Banat, zwei Autostunden zu Belgrad oder Budapest. Eine Bauernbevölkerung, weiße, rosa, hellblaue Giebel – oder Triangelhäuser in symmetrisch laufenden Straßen. Mein Vater haßte Feldarbeit und wurde, als er 1945 aus der SS nach Hause kam, LKW-Fahrer und Alkoholiker. Auf Feldwegen geht das zusammen. Meine Mutter war und blieb Bäuerin auf den Mais- und Sonnenblumenfeldern. Mais ist für mich die sozialistische Pflanze schlechthin: er hat Fahnen, wächst in Kolonnen, raubt den Blick, und seine Blätter schneiden bei der Arbeit in die Hände. Im Maisfeld wird man an einem einzigen Tag vom Kind zum Greis. So erkläre ich mir, daß meine Mutter schon mit Ende zwanzig für mich eine alte Frau war.

Sturheit in der Schufterei, Ethnozentrismus und keinerlei Reue für die Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus – es sind die drei Grundeigenschaften dieser deutschen Minderheit, aus der ich komme. Ich wurde fürs Weiterführen dieses Lebensmusters erzogen: Waschen, Putzen, Kühemelken, Strümpfe stopfen. Nebenbei fiel der Satz: »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, wäre hier Deutschland.« Aber um welchen Preis?

Bücher gab es keine im Haus, nur Gebetbücher und von meinem im Krieg gefallenen Nazionkel »Die deutsche Lebensschule«.

Von Frühjahr bis Spätherbst mußte ich Kühe hüten im Flußtal. Das Tal war zu groß. Das Wort »Einsamkeit« gibt es im banater Dialekt nicht, also war ich das Adjektiv »allein«, und das spricht sich im Dialekt »alleenig« aus – das klingt wie »wenig«. Aus diesem Tal weiß ich, daß Pflanzen die Einsamkeit verkleinern, weil sie stehen. Und daß Tiere sie vergrößern, weil sie gehen. Und daß Wolken am Himmel das Gespür zu groß machen und den Verstand zu klein.

Mit 15 ging ich aufs Gymnasium nach Temeswar und mußte einsehen, daß diese deutsch-dörfliche Erziehung 30 km weiter, in der Stadt, nichts taugte. Daß ich dies Dorf nie mochte, wurde mir klar, dennoch hatte ich zwei Jahre großes Heimweh – das ist kein Widerspruch. Ich lernte schnell Rumänisch, wollte ein Stadtmensch sein. Ich begann Bücher zu lesen. Das wichtigste: Eugen Kogons Der SS-Staat. Ich las das Buch mit Angst, daß der Name meines Vaters in der nächsten Zeile steht, weil er mir nichts vom Krieg erzählte, die Rumäniendeutschen aber als KZ-Wächter in dem Buch vorkamen. Durch das Buch begriff ich aber auch, daß ich jetzt so alt bin wie mein Vater als SS-Soldat und das Land um mich herum eine andere Art Diktatur ist.

Nach dem Gymnasium studierte ich Germanistik und Rumänistik. Ich stieß auf Gleichaltrige, die viel lasen und selber schrieben. Sie wurden meine engsten Freunde und waren bereits in den Fängen des Geheimdienstes. Denn sie hatten die »Aktionsgruppe Banat« gegründet und ein Programm formuliert, das die dienende Literatur jeder Couleur ablehnte: die Heimatliteratur, die Nazi- und Stalindienerei, den sozialistischen Realismus. Statt dessen verlangten sie den kritischen Blick und individuelle, moralische Verantwortung als Voraussetzungen fürs Schreiben. Das war ein Affront gegen die meisten Schriftsteller im Land und gegen das Regime. Es folgten Verhöre, Haussuchungen, Exmatrikulation von der Uni und Verhaftungen. Die Gruppe wurde zerschlagen. Da ich selber nicht schrieb, beäugte man mich schief, man tat mir noch nichts.

Nach dem Studium wurde ich Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Mein Vater starb, meine erste Ehe war dahin, ich begann, um zu begreifen, wer ich bin, die Niederungen zu schreiben. Und der Geheimdienst begann seine Besuche in der Fabrik: Drohungen, auch mit dem Tod. Nach einer Woche zeigte sich, man wollte mich weich machen, ich sollte eine IM-Erklärung schreiben, der Geheimdienstler diktierte. Ich weigerte mich und wurde entlassen und hatte ab dem Tag nur wenige Tage ohne Schikanen. Ohne Arbeit gehörte ich zu den »parasitären Elementen« und dafür gab’s Zwangsarbeit oder Gefängnis. Man drohte mit beidem, ließ mich aber frei herumlaufen.

Vier Jahre lag Niederungen bei einem Bukarester Verlag, 1982 erschien das Buch von der Zensur verstümmelt. Zwei Jahre später erschien es im West-Berliner Rotbuch Verlag, es war mir gelungen, das Manuskript in den Westen schmuggeln zu lassen. Die Literaturpreise in Deutschland veränderten mein Leben. Ich durfte vier Mal zu Preisverleihungen in den Westen. Um nicht Aushängeschild zu sein, konnte ich die Reisen nur annehmen, wenn ich im Ausland sagte, was zu Hause passiert. Daran hielt ich mich. Ich kehrte vier Mal nach Rumänien zurück, für meine Freunde war das wichtig. Mein Wegbleiben hätte man gegen sie verwenden können.

1985 war an ein Leben in Rumämien nicht mehr zu denken, das Regime schien ewig zu halten, ich aber war mit den Nerven am Ende. Ich verwechselte das Lachen mit dem Weinen, das Schweigen mit dem Reden. Ich schrie laut in den Straßen herum, galt als verrückt, war aber noch haarbreit normal. Ich beantragte die Ausreise, die man mir bei Verhören öfter angeboten hatte, um mich los zu werden. Ich hatte jedesmal abgelehnt, meinend: »Es müßte nur Ceauçescu gehen, dann könnten alle anderen bleiben.« Jetzt wollte ich. Ich verweigerte die für Rumäniendeutsche übliche »Familienzusammenführung« und bestand auf der Ausreise aus politischen Gründen. Nach anderthalb Jahren ließ man mich gehen, meine Mutter wurde mitgepackt.

1987 kam ich in Nürnberg an, 29. Februar hatten mir die Rumänen in die Papiere geschrieben. In dem Jahr hatte der Februar aber nur 28 Tage. Die Rechnung des rumänischen Geheimdienstes ging auf, die Deutschen machten mir deswegen Schwierigkeiten. Aber auch, weil ich auf politische Verfolgung bestand und keine Aussiedlerin sein wollte.

Der erste Blick aus dem Fenster im Nürnberger Übergangsheim fiel auf Hitlers Parteitagsgelände. Ich dachte: aus der Familie der Täter ins Land der Befehlsgeber. Mit dem Bundesnachrichtendienst mußte ich drei Tage über mein Leben reden, meine Mutter und die anderen angekommenen »gewöhnlichen« Deutschen zwei Minuten. Ich sollte mich entscheiden, ob ich eine Deutsche bin oder politisch verfolgt. Nach dem Übergangsheim zog ich nach Berlin, wo ich heute lebe. Meine Mutter bekam den deutschen Paß nach drei Monaten, ich nach anderthalb Jahren, es seien »eindringliche Recherchen« nötig, sagte man mir.

Es ist, als ob man sich als Uhr mitbringen würde aus einem anderen Land. Ihre Zeiger habe ich schnell auf hiesige Zeit gestellt, mich im Alltag schnell angepaßt. In der U-Bahn, im Supermarkt will ich eine hiesige Deutsche sein, habe ich doch den deutschen Paß. Aber wenn ich schreibe, dann pfeife ich darauf, dann zählen nicht die Zeiger – es tickt die Unruh aus der Uhr.

Ich hab gesehen, wie Menschen zerbrechen in so vielen Arten von Unglück. Zwei meiner liebsten Freunde hat der Geheimdienst umgebracht. Ihr Verbrechen: Sie haben Gedichte geschrieben, sehr schöne sogar. Ich hab viel Glück gehabt, sonst wäre ich heute nicht hier. Daß ich hier aufgenommen wurde, bedeutet mir viel, darum muß ich diese Freunde gerade jetzt erwähnen. Vielleicht hat das Glück mich verwechselt, weil ich ja selber meist nur wußte, was ich nicht sein will und fast nie wußte, was aus mit werden könnte. Schneiderin oder Friseuse, das wünschte ich mir sehr. Geklappt hat es damals nicht und ist heute wohl zu spät.