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Herbert Heckmann

Herbert Heckmann

Schriftsteller
Geboren 25.9.1930
Gestorben 18.10.1999
Mitglied seit 1977

Vorstellungsrede

 

Sich selbst vorstellen, nun ja, das ist so, als würde man eine Maske für oder gegen die Öffentlichkeit überziehen. Die Schriftstellerei, welche auch immer, schlägt gleichsam eine tertium comparationis-Brücke vom schreibenden Ich zum Publikum. Diese Brücke erweist sich jedoch meist als ein höchst abenteuerliches Unternehmen: sie ist nämlich mit Mißverständnissen gepflastert und führt nicht immer dorthin, wo sie der Schriftsteller gern enden sehen möchte – überdies enden viele Brücken einfach in der Luft. Für mich ist die Skepsis die ausschlaggebende Muse, mitunter eine recht rebellische Skepsis. Es gelingt mir immer weniger, keine Satire zu schreiben. Diese kritische Skepsis, die mir jede Erstarrung und dogmatische Pfründe verbat, prägte mein ganzes Leben.

Aufgewachsen bin ich in Frankfurt – in einer Siedlung zwischen Güterbahnhof und dem alten Flugplatz Rebstock. Lärm machte mich aufsässig. Meine Kindheit fiel in die Zeit des Tausendjährigen Reiches, das ich jedoch überlebte – an Zweifel reicher geworden. Wovon viele Kinder träumen, geschah buchstäblich über meinem Kopf. Meine Klasse saß im Keller, als Fliegerbomben das Goethegymnasium in Frankfurt zerstörten. Ich will aus dieser Zertrümmerung eines Lehrgebäudes kein symbolisches Fazit ziehen – Tatsache ist jedoch, daß ich seit meiner Kindheit ein unüberwindbares Mißtrauen gegenüber jeder Art von Dogmatik habe. Abitur machte ich in der Geburtsstadt Grimmelshausens.

Ich lebte damals recht simplicianisch im Spessart – von der Hand in den Mund und auf mich selbst gestellt. Bücher machten mich rebellisch: ich las wie ein Ertrinkender alles, was mir in die Finger fiel. Der Sprung aus dem Spessart an die Universität in Frankfurt fiel mir nicht leicht. Meine erste Vorlesung, die ich hörte, war die erste Vorlesung, die Adorno in Frankfurt hielt. Über die Philosophie kam ich zur Literatur – und zur Literaturwissenschaft. Ich hatte das Glück, in meinem Lehrer Kurt May einen väterlichen Freund zu finden. Er ermunterte mich zu einer Dissertation über das barocke Trauerspiel und – zur Germanistik. Meine ersten literarischen Texte erschienen im Diskus, dessen Feuilleton ich drei Jahre leitete. Walter Höllerer sorgte damals für viel literarischen Auftrieb in Frankfurt. Er wird als eine der großen Talenthebammen in die deutsche Literaturgeschichte der Gegenwart eingehen. Nach Lehraufträgen und wissenschaftlicher Wasserträgerei als Assistent in Münster und Heidelberg entsagte ich der Germanistik, just bei dem Germanisten, der über die Entsagung bei Goethe gearbeitet hatte. Seit dem kokettiere ich nur noch mit der Germanistik – war noch einmal rückfällig, als Gastdozent in Amerika, und als Gastprofessor in Essen.

Jetzt lebe ich als freier Schriftsteller in der Nähe Frankfurts, woher ich unter anderem auch meine Aussprache habe – als freier Schriftsteller, vor dem Finanzamt freilich als freier Unternehmer, was nicht unbedingt auf die Käuflichkeit der deutschen Literatur in der Bundesrepublik schließen lassen muß. Über meine Bücher, Arbeiten als Zeitschriftenmitherausgeber und als Fernsehautor kann und will ich nichts sagen. Ich halte nichts von interpretatorischer Werbung. Doch einiges über meine Absichten: Für mich ist, eine Bemerkung Karl Kraus’ variierend, Literatur eine moralische Kategorie. Ich liebe die Komik, weil sie noch am besten befreit.

Und ich schreibe, weil ich die Menschen liebe. Für narzistische Seelenwäsche habe ich wenig übrig, ebensowenig für die gestelzte Arroganz. Ich bin kein Gewissen der Nation, kein Kulturbejammerer. Ich bin auch keiner, der im Glashaus sein ideologisches Däumchen dreht. Ich sitze lieber zwischen zwei Stühlen und will keinen Erwartungen entsprechen, nicht meine Ruhe haben und aus einer vorgefaßten Meinung keine Lebensstellung machen. Ich fange gern von vorne an, behalte jedoch meine Freunde.

Literatur ist für mich Aufklärung zur Menschlichkeit – mit allen Mitteln, boshaften, heiteren, frechen, geduldigen, nachdenklichen. Man muß aber zuweilen auch die Tinte halten können. In den öffentlichen literarischen Bedürfnisanstalten fühle ich mich nicht wohl – und ich verbrenne mir lieber den Mund, als daß ich ihn mir verbieten oder mit Honig umschmieren lasse. Nun, was wäre ich ohne Ärger!