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Hans Keilson

Hans Keilson

Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller
Geboren 12.12.1909
Gestorben 31.5.2011
Mitglied seit 1999
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

Sehr verehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren.

Wer beinahe ein Säculum – und was für eins – auf seinem Rücken trägt, sollte sich kurz fassen. Die Zeit wird knapp.

In meiner Akademierede »Sieben Sterne« hatte ich bereits autobiographische Daten eingelassen, hatte von meiner Herkunft gesprochen, von den jungen Jahren in Bad Freienwalde an der Oder, von der Studienzeit in Berlin vor und nach 1933 – »Das Leben geht weiter« ist der Titel meines ersten Romans. Ich hatte zumal von meinen Eltern gesprochen, die ich nach Holland holen, nicht aber vor den deutschen Invasoren retten konnte. Ich bewahre sie in erzählender Prosa und Gedichten. Es bleibt demnach nicht mehr viel zu berichten.

»Machen Sie, daß Sie rauskommen, ich befürchte das Schlimmste«, sagte Oskar Loerke zu mir. Dem alten Sammy Fischer habe ich auf einem Empfang in seinem Haus Erdener Straße im Grunewald, Berlin, noch die Hand gedrückt. Tutti, seine Tochter, die Frau von Gottfried Berman, hatte ihm meinen Namen zugeflüstert. »Wir bringen ja ein Buch von Ihnen«, sagte er und sah mich wie eine Katze an, die das Mausen nicht lassen kann. Zwei Jahre später habe ich ihn mit meinen Träumen auf dem jüdischen Friedhof Weissensee begraben. Martin Gumpert – wer kennt ihn noch? – hatte mich in seinem Auto mitgenommen. Oskar Loerke und Manfred Hausmann sprachen. Gerhart Hauptmann stand aufrecht während der ganzen religiösen Zeremonie.

Mit Peter Suhrkamp ging ich einmal durch Berlin. Ich fragte ihn nach Gottfried Benn, er hatte in jenen Tagen die bekannte Kontroverse mit Klaus Mann. Ich bewunderte den Gedichtband »Morgue«, die Szenerie war mir ja vertraut. Suhrkamp begriff, was mich beschäftigte, und erzählte mir: Zu der ersten großen Kundgebung der neuen Regierung in der Kroll-Oper hatte der Kulturminister Rust auch Gottfried Benn eingeladen. Und Benn war gekommen. Ich schwieg. Suhrkamp fuhr fort – dort, in der Kroll-Oper habe Benn zum ersten Mal gesehen, mit wem er sich eingelassen, und war wieder gegangen. Ich überwand meine Scheu und fragte: »Ja, hat er das nicht schon eher gewußt?« Suhrkamps Antwort: »Ach, Benn hat doch immer in einer Luftschaukel gewohnt.«

Daß ich überhaupt heute hier vor Ihnen stehe, meine Damen und Herren, verdanke ich meiner ersten, 1969 verstorbenen Frau, Gertrud Manz. Ich lernte sie Mitte 1933 in Berlin kennen. Sie kam aus einem liberal-katholischen Milieu Süddeutschlands. Als man die Elfjährige fragte: »Gertrudle, was ist denn unser höchster Feiertag?«, antwortete sie: »Fastnacht«. Sie hat die kommenden Fastnächte in Deutschland vorausgesehen. Wir fielen unter die Nürnberger Gesetze. Sie ist vorausgegangen und hat in den Niederlanden Quartier für uns gemacht. Auch meinen holländischen Freunden, die mich retteten, habe ich zu danken.

Die Geschichte mit der Luftschaukel hat es mir angetan. Die Luftschaukel, sie ist auch ein wenig meine Privat-Geschichte. Eine nachträgliche Apologie also für einen frühen Luftschaukelaussteiger in unseligen Zeiten? Nein, eher ein Plädoyer für die Luftschaukel.

Ich kenne die Geheimnisse und den Kitzel der Angst auf der Luftschaukel, des Schwebens zwischen Himmel und Erde auf den quirligen, lauten Jahrmärkten, wenn die an stählernen Seilen festgeknoteten, schwerfälligen Gondeln mit Hilfe der in den Kniebeugen gestauten Kraft langsam in Schwung gesetzt, gegen die Anziehungskraft der Erde allmählich höher gestemmt werden, bis hin zu dem Punkt, wo sie wieder zurückfallen und ein beseligendes Gefühl Kopf und Glieder durchzieht, als wäre man freischwebend in den Lüften zu Hause und höre dies nie auf, aber zugleich weiß man verteufelt gut, daß es einmal endet, daß man wieder aussteigen muß, zurück auf die Erde, der man entstiegen, die Erde, die das Material kalt hält.

Ich kannte und liebte auch die Windfahnen auf den Achterbahnen, wenn sich die Wagen hoch oben in den Kurven seitlings neigen und in wilder, bodenloser Fahrt dem Abgrund entgegeneilen, als gleite man unaufhaltsam auf Flügeln hinab in den Orkus, um dann besänftigend in der steigenden Schienenspur wieder Grund unter seinen Füßen zu fühlen. Und so geht es immer weiter, hinauf und hinab.

Meine Damen und Herren, ich habe mich oft gefragt, in welcher Luftschaukel ich wohl gesessen hätte, wenn ich ein anderer in Deutschland gewesen wäre und der andere ich, und wir beide zugleich auch Ikarus. Ich weiß, daß dies eine unsinnige Frage scheint. Historiker verpönen sie als unhistorisch, wissenschaftlich nicht zu bearbeiten und zu beantworten. Man ist halt, der man ist. Und damit basta. Aber warum basta?

Nach dem Krieg blieben meine Frau, Jüdin geworden, und ich in den Niederlanden. »Aber du darfst die deutsche Sprache nicht verlernen«, sagte sie. Von der Wiedergutmachung bauten wir uns 1963 ein kleines Häuschen, nicht weit von hier im Odenwald, der Heimat der Verstorbenen, wo ich auch heute noch, wiederverheiratet, meine Ferien mit den Kindern, den nun Erwachsenen, verbringe, das Gras mit der Sense mähe und wo ich auch schreibe.

Schon als Schüler begann ich zu schreiben. Ich habe nie auf Barrikaden gestanden, aber schon früh eine Art Tagebuch geführt. Im Laufe meines langen Lebens schrieb ich erzählende Prosa, hin und wieder ein Gedicht, Essays, Rezepte, Gutachten, Rapporte, Briefe, Rechnungen und eine große wissenschaftliche Untersuchung. Da saß ich auf einmal auf dem anderen Platz in der Sprachschaukel, ließ mir auch die Luft der Wissenschaft um die Nase wehen und bediente mich ihrer Sprache mit ihren Reduktionen und Abstraktionen, theoretischen Fragen und Problemen, führte gelehrte Gespräche über Hypothesen, altersspezifische Traumatisierungen bei Kindern und soziokulturelle basic needs, über iterative Itemanalyse, Faktorenanalyse und dergleichen mehr. Es war wie in einer anderen Luft, aber mit der gleichen Bezauberung. Selbst schrieb ich auch den quantifizierend-statistischen Text. Ich könnte es heute nicht mehr.

Auf all diesen Plätzen in der Luftschaukel der Sprache bin ich einmal gesessen. Mir gegenüber saß Franz Schubert, als er sein Streichquintett in C-Dur mit zwei Celli schrieb und erstaunt und leicht empört lauschte, wie Ella Fitzgerald, die neben mir saß, zu singen begann: »I can’t give you anything but love, baby, that’s the only thing I’ve plenty of, baby.«

Und wenn Sie mir im Nachklang des Goethe-Jahres die Gretchenfrage stellen: »Und wie hast du’s mit der deutschen Sprache, Hans«, dann ist hier meine Antwort. Ich habe sie bereits 1963 formuliert. Sie deckt mit ihrem Titel eine Ladung, vielleicht eine Konterbande, deutschsprachiger Gedichte:

Sprachwurzellos
um die geheimnisse
des konjunktivs
die zeit der bunten bälle
mühte ich mich
vergebens
an den grachten
die neuen freunde grüßend
und sie nennen mich mijnheer

unter den Windseiten
der brücken
– es war eine hohe flut –
beim grünspan der türme
im keller das volk der asseln
zerbrach die goldene grammatik
barbara schrie

dames und heren –
also lernte ich ihre sprache
der himmel darüber
hütspot und bols
wurzellos
ein pfad im gekröse
der zeltlager
und weiß mich gedemütigt
in der wollust
verdorrter schriftzeichen

Trotzdem und darum danke ich bewegt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.