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Gustav Korlén

Gustav Korlén

Germanist
Geboren 27.1.1915
Gestorben 10.10.2014
Mitglied seit 1960
Friedrich-Gundolf-Preis

Vorstellungsrede

 

Fast wäre ich ein Deutscher geworden.

Meine Mutter war Kielerin, Tochter des Landesversicherungsrats Dr. h. c. Peter Christian Hansen. Wie aus seinen postum erschienenen Memoiren (Eine Lebenswanderung, 1928, Druck Flensburg 1982) hervorgeht, war er ein Pionier des Arbeiterwohnungsbaus – daher die Peter-Christian-Hansen-Straßen in Kiel und Flensburg. Mein Vater war schwedischer Germanist, der als einer der ersten sich mit der mittelniederdeutschen Sprache befaßte (Statwechs gereimte Weltchronik, Diss. Uppsala 1906).

Da ich mit fünf Jahren elternlos wurde und keine näheren schwedischen Verwandten hatte, war zunächst beabsichtigt, daß ich mit meinem 7 Jahre älteren Bruder bei den Großeltern in Kiel aufwachsen sollte. Die hielten sich schließlich dann doch für zu alt und meinten auch, daß man meinem Bruder den Schulwechsel nicht zumuten könne. Statt dessen übernahm uns die Familie eines seit der Studienzeit mit meinem Vater befreundeten Juraprofessors in Lund. Deutsch lernte ich aber in den 20er Jahren während der Weihnachts- und Sommerferien in Kiel.

Vor diesem Hintergrund lag es für mich nahe, im Studium als Hauptfach Deutsch zu wählen. An der Universität Lund hatte der Großmeister der schwedischen Germanistik, Erik Rooth, die, wie es damals in Besprechungen hieß, »bewährte Lunder Schule« aufgebaut. Sie befaßte sich vor allem mit der Erforschung des Niederdeutschen, jener Sprache also, die im Sinne einer bekannten Goethe-Maxime (»Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt«) in der Hansezeit die schwedische Sprache radikal veränderte. Meine Dissertation vom Jahr 1945 behandelte »Die mittelniederdeutschen Texte des 13. Jahrhunderts« mit »Beiträgen zur Quellenkunde und Grammatik des Frühmittelniederdeutschen«. Das Thema erwies sich als ergiebig und führte zur Herausgabe der mittelalterlichen Stadtrechte von Stade und Lübeck.

Mit diesem aus heutiger Sicht reichlich schmalen wissenschaftlichen Gepäck – Germanistik hörte in Schweden damals gemeinhin mit dem Mittelalter auf – übernahm ich 1952 die Professur für Deutsche Sprache in Stockholm. Es war mir dabei klar, daß es nicht mehr anging, weitere Generationen von Germanisten so einseitig wie bisher mit Schwerpunkt auf Sprachgeschichte und Grammatik auszubilden und sie ohne eigentliche Vertrautheit mit deutscher Literatur und Gegenwartsproblematik in die Schulen zu schicken. Ohne daß ich mein niederdeutsches Erbe ganz aufgegeben hätte, richtete sich mein Interesse in Forschung und Lehre daher in erster Linie auf Sprache und Literatur im geteilten Deutschland. Dies führte u. a. zur Einladung einer Reihe von Autoren aus beiden Teilen Deutschlands, sowie aus der Schweiz und Österreich, gipfelnd in der Sigtuna-Tagung mit der anschließenden Stockholmer Woche der Gruppe 47 1964 und der Stockholmer Woche der Dortmunder Gruppe 61 1967.

Und die Sprache? Auf die beliebte und besorgte Frage »Führt die politische Teilung Deutschlands zur Sprachspaltung?« antwortete ich von Anfang an und in mehreren Schriften mit nein.

Ein weiteres Interessengebiet war die Exilliteratur. In Stockholm lebte, wenig beachtet von der akademischen Welt, der 1943 in letzter Minute vor den Judenverfolgungen in Dänemark nach Schweden hinübergerettete Hamburger Literarhistoriker Walter Berendsohn. Er erhielt nun 1952 einen Lehrauftrag für Deutsche Literatur mit Schwerpunkt auf der Exilliteratur. Ihm war es (im Alter von 85 Jahren) zu verdanken, daß 1969 das erste internationale Symposium zur Erforschung der deutschen Exilliteratur in Stockholm stattfinden konnte, gefolgt von zwei weiteren in Kopenhagen und Wien.

In seiner Stockholmer Dissertation von 1974 »Exil in Schweden« spricht Helmut Müssener von einer Bankrotterklärung der schwedischen Germanistik, die in diesen Jahren überhaupt nicht Stellung bezog für das Andere Deutschland. Ich sah daher in der Förderung der Exilliteraturforschung gewissermaßen die Wiedergutmachungspflicht einer gegenwartsbezogenen Germanistik gegenüber einer dunklen Vergangenheit.

Viel verdanke ich auch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Besonders ergiebig aus der Sicht der Auslandsgermanistik war das Projekt »Sprachnormen in Deutschland« in den Jahren 1979-1981. Aber überhaupt bedeutete die Teilnahme an den Herbst- und Frühjahrstagungen für mich in all den Jahren immer so etwas wie eine geistige Vitaminspritze.