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Gertrud Leutenegger

Gertrud Leutenegger

Schriftstellerin
Geboren 7.12.1948
Mitglied seit 2010

Vorstellungsrede

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren,

letztes Jahr habe ich auf der London Bridge gewohnt. Sie war mein bevorzugter Aufenthaltsort, diese heute unansehnlichste aller Brücken Londons, auf der man immer gegen den Wind und die entschieden vorwärtseilende Menschenmenge ankämpfen muss. Wenn ich lange genug auf der Brücke ausharrte, hörte ich manchmal deutlicher, manchmal kaum vernehmbar, als stiege es aus dem schlammigen Grund der Themse auf, das Glockengeläute der zahlreichen Kirchen im Umkreis, die meisten von ihnen zwischen Hochhäusern und Glaspalästen nicht mehr sichtbar, nur da und dort ragen Glockentürme wie die Masten von im Häusermeer untergesunkenen Schiffen empor.

An einem Frühlingsabend klang, wie aus schon großer Ferne, das gemessene Läuten von St. Paul’s zu mir herüber. Je mehr ich es aus dem Lärm auf der London Bridge herausisolierte, desto mehr wurde es zu jenem mitternächtlichen Glockenläuten, das mein Leben grundiert hat. Es ist die große Glocke, die in der Nacht auf den Aschermittwoch, nach dem Stundenschlag, unwiderruflich und weithin hallend die Fastenzeit einläutet.

Auf dem Platz von Schwyz, einem Hauptort der Innerschweiz, wo ich geboren wurde, ist das tagelange Maskentreiben verschwunden, das Gerassel und Geklingel der Schellen, die Trommelwirbel der Tambouren, welche zum Narrentanz aufspielen, diesem federnden Hüpftanz, bei dem die Füße elegant nach vorne gespickt werden, vielleicht aus der Reislauferei stammend oder noch früherer Herkunft, und in den die Maskierten immer wieder verfallen. Es sind alte Figuren, einige kommen aus der Commedia dell’arte, aber auch Wiedergänger sind darunter, auferstandene Tote, Zigeuner. Grauen und Entzücken weckt ihr Tänzeln, von kleinen Sprüngen unterbrochen, schräg über den Platz. Und nichts Verwirrenderes, als bei der Figur des Zigeunerweibs zwischen Handschuh und Armelansatz ein Stück behaarten Männerarms zu entdecken. Doch nun ist das Lodern und Knallen des Fasnachtsfeuers, Kulmination der anarchischen Tage, vorüber, und zu den mitternächtlichen Schlagen werfen die Maskierten ihre Larven in die letzten Flammen, als wäre es so leicht, Intrigen und Frohsinn, Glück und Leid der Welt zu verbrennen. Und längst klopfen, ohne maskiert zu sein, Wiedergänger und Unbekannte täglich an unsere Tür. Das Läuten der großen Glocke aber, mit ihrem dunklen, gebieterischen Klang, hat für immer den Wechsel von Festen und Fasten in mich eingraviert. Wenn nur die Fastenzeit nicht so lange dauerte! Denn das ist meine sprachlose Zeit, die dürstende Epoche, wenn tiefe Ruhe in der Maskengarderobe herrscht und nur im Schlaf sich einzelne Figuren konspirativ besprechen. Dass Sie mich trotz solcher Schweigeperioden in die Deutsche Akademie gewählt haben, dafür danke ich Ihnen.