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Georges-Arthur Goldschmidt

Georges-Arthur Goldschmidt

Schriftsteller und Übersetzer
Geboren 2.5.1928
Mitglied seit 1995

Vorstellungsrede

 

Kaum ein Tag vergeht, ohne daß mir bei ein wenig grauem aber lichtem Himmel der 18. Mai 1938 wieder ins Gedächtnis komme. Mein ganzes Leben hat sich um dieses Datum herum aufgebaut, es ist der Tag, an dem ich meine buchenrauschende Heimat für immer verlassen mußte. Alles was ich schreibe, ist aus diesem Bruch in meiner persönlichen Geschichte entstanden, aus dem Schrecken der Verfolgung, aber auch aus dem Erstaunen des Daseins.

Geboren 1928, als Sohn eines Hamburger Oberlandesgerichtsrats, der noch vor dem Anfang des Jahrhunderts zum Protestantismus konvertierte, durfte ich als »Nichtarier« nicht mehr aufs Gymnasium. Meine Eltern, die das Ganze kommen sahen, schickten mich mit meinem vier Jahre älteren Bruder zu einem Frankfurter Emigranten nach Florenz, Paul Binswanger, der über Humboldt promovierte und ein eher konservatives Buch Die deutsche Klassik und der Staatsgedanke schrieb.

Da aber der Rassenwahn der Nazis auf Italien übergriff, wurde ich in einem Internat in Hochsavoyen untergebracht. Franzosen retteten mir das Leben und riskierten ihres für mich.

Ich wurde dann französischer Staatsbürger und französischer Beamter, Studienrat, was mir genügend Zeit ließ, la république est bonne fille, mich mit dem 18. Mai 1938 auseinanderzusetzen. Was mich dabei immer zugleich angespornt und beunruhigt hat, ist, daß ich nicht die leiseste Erinnerung an mein Erlernen des Französischen behalte, es plötzlich einfach konnte.

Zugleich blieb das Deutsche in mir mit seiner poetischen Kraft und Frische unversehrt erhalten. Das Schreiben entstand in mir zwischen den Sprachen, ich hatte nur noch einen Stoff zu bearbeiten, der mir entweder in der einen oder in der anderen jeweils ähnlich und doch verschieden kam. Ich tat es französisch zuerst und schrieb meine sieben ersten Bücher französisch. Ich lebte mit meinen beiden Muttersprachen zusammen, im selben Haus, sie beflügelten sich, bereicherten sich gegenseitig immer mehr, bis allmählich, was Frankreich und meine französische Frau mir geschenkt hatten, mich wieder für das Deutsche frei machten, mir das Deutsche befreit, aber nicht von der Vergangenheit entlastet zurückgaben. So schrieb ich mein erstes deutsches Buch Die Absonderung (Geschwister-Scholl-Preis 1981), dessen Fortsetzung, Die Aussetzung, 1996 wieder bei Ammann in Zürich erscheint.

Als Übersetzer der meisten Bücher Peter Handkes, der auch zwei Bücher von mir ins Deutsche übersetzt hat, habe ich immer mehr über das Zusammenleben, über die Gegensätze und Ähnlichkeiten der beiden Sprachen nachgedacht und die Neuübersetzungen von Nietzsches Zarathustra und von Kafkas Prozeß und Schloß, die ich 1972 und 1984 schrieb, führten mich zum Versuch darzustellen, wie die beiden Sprachen eigentlich beschaffen sind. Ich hatte Kontakte mit französischen Psychoanalytikern aufgenommen. Es galt zu zeigen, wie das Psychoanalytische im Deutschen in Wirklichkeit sitzt, daraus entstand dann das Buch Quand Freud voit la mer, Freud und die deutsche Sprache. Für dieses Buch wurde mir zu meiner großen Ehre der Henning-Kaufmann-Preis verliehen, für den Hans-Martin Gauger die Laudatio hielt.

Mein ganzes Leben besteht im Fragen nach dem Geschehen im Land, dem meine Vorfahren seit Jahrhunderten angehörten, das mich verstieß und am liebsten umgebracht hätte wie so viele Millionen andere, das meinen Vater, der dem Staate mit allen Kräften diente, ins KZ verschleppte. Die Sprache aber, das wußte ich von Paul Celan, mußte hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten. Mich aber hat sie dank der Berührung mit dem befreienden Französisch zu meiner eigenen Bestimmung zurückgeführt und zur ganzen Wunderbarkeit der deutschen Literatur, so daß mir die Aufnahme in die Akademie für Sprache und Dichtung eine besonders große Ehre bedeutet, für welche ich Ihnen meinen Dank aussprechen möchte.