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Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer

Schriftstellerin
Geboren 29.12.1940
Mitglied seit 1988
Georg-Büchner-Preis

Vorstellungsrede

 

Bevor ich das wurde, was man freie Schriftstellerin nennt, war ich, im Anschluß an einen sehr kurzen Versuch mit der Germanistik und Soziologie, in Zwerg- und Gesamtschulen acht Jahre lang das, was man damals Volksschullehrerin nannte.

Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Theorien des nouveau roman haben mir, von vielen, besonders diese vier Bücher zu neuen Perspektiven verholfen: In chronologischer Reihenfolge: Girolamo Cardanos Eigene Lebensbeschreibung, Kolakowskis Die Gegenwärtigkeit des Mythos, Montaignes Essais und Meister Eckharts Deutsche Predigten und Traktate, die beiden letzten etwa gleichzeitig.

Entscheidender aber waren für mich und mein Schreiben immer zwei andere Fixpunkte: Die Natur und die Dichter! Natur in Form von Wiese, See, Wald und, als wären sie schon immer eine Begleitung gewesen, einzelne Gedichtzeilen.

Diese friedliche Partnerschaft problematisierte sich im Laufe meiner Entwicklung und spitzte sich zu auf die heftige Gegnerschaft Literatur-Leben. Die Notwendigkeit und Lust, eine sich chaotisch zumindest präsentierende Wirklichkeit sprachlich zu ordnen und andererseits das unbedingte Bedürfnis, die übermächtige Magie literarischer Muster zu brechen, dieser Zwiespalt als Lebensprinzip wurde zum Motor meines Schreibens und ist es in modifizierter und nicht mehr so ausschließlicher Weise bis heute geblieben.

Unverändert, ja verstärkt bin ich davon überzeugt, daß die zwei sehr verschiedenen Dinge, Leben und Literatur, in unseren Köpfen einander tief durchdringen. Kunst kommt nicht exklusiv aus Kunst, sondern wesentlich aus dem Konkreten, der Anschauung, dem unmittelbaren Erlebnis in all seiner Kompliziertheit.

Eine Welt, in der die sichtbare Natur ausgerottet wird, ist für mich ebenso wertlos wie eine Literatur, die ihre Wurzeln nur noch im Sekundären, im Vermittelten hat. Die Natur als großer, höchst empfindlicher und vermutlich höchst intelligenter Zusammenhang sowie als unauslotbare Einzelgestalt, Natur nicht nur als ökologische, sondern auch ästhetische Basis, darf von den Schriftstellern nicht als allenfalls noch zu betrauernde, womöglich ohnehin antiquierte im Stich gelassen werden.

Die Frage ist: Was verlieren wir mit den Anblicken der Natur? und: Was können sie überhaupt bewirken? Um noch persönlicher zu werden, schließe ich mit einem Gedicht von Gerard Manley Hopkins in der Übersetzung von Ursula Clemen und Friedhelm Kemp.

Binsey-Pappeln
gefällt 1879

Meine Espen, die lieben, deren luftige Bauer dämpften,
Dämpften oder löschten im Laubwerk die hüpfende Sonne,
Alle gefällt, gefällt, sind alle gefällt;
Von einer frischen und ununterbrochen sich folgenden Reihe
Keine verschont, nicht eine,
Die einen leichtbeschuhten Schatten
Geschwenkt, der schwamm oder sank
Auf Wiese und Fluß und Wind-wanderndem, Kraut-winden-
dem Ufer.

O wüßten wir nur, was wir tun,
Wenn wir graben und haun-
Hacken und raufen das sprießende Grün!
Denn Land ist so empfindlich
Gegen Berührung, weil es so zart ist,
Daß, wie dieser glatte und blickende Ball
Von einem Stich nur getroffen kein Auge mehr ist,
Wo wir, selbst wo wir meinen,
Es herzurichten, wir es vernichten,
Wenn wir haun oder graben:
Die nach uns kommen, können nicht ahnen,
welche Schönheit gewesen.
Zehn oder zwölf, nur zehn oder zwölf
Streiche der Verheerungen entselbsten
Das süße besondere Bild,
Ländliche Bild, ein ländliches Bild,
Süßes besonderes ländliches Bild.

Ich danke Ihnen für die Aufnahme in die Akademie.