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Andreas Beyer

Andreas Beyer

Kulturhistoriker
Geboren 29.9.1957
Mitglied seit 2021

Vorstellungsrede

 

Ich danke Ihnen sehr für die Großherzigkeit, mit der Sie immer wieder jemanden unter sich zu dulden bereit sind, der in einer Welt sich umtut, die unter den Künsten von Sprache und Dichtung wahrscheinlich am weitesten entfernt liegt. Und in der vielleicht gerade deshalb der größte Bedarf danach besteht.

Mit der bildenden Kunst lässt sich bekanntlich sehr wohl auch anders als sprachlich umgehen – augensinnlich, gestisch, deiktisch, körperlich. Was selbst wiederum schwer zu beschreiben ist. Und wenn es wohl stimmt, dass das Sprechen über die Kunst so alt ist wie die Kunst selbst, bin ich auch keineswegs sicher, ob Kunstwerke grundsätzlich kommentarbedürftig sind.

Was ich aber weiß, ist, dass deren Stummheit meinem Sprechbedürfnis sehr entgegenkommt. Und umso verführerischer ist dabei, dass sich von ihnen sprechen lässt, ohne es im selben Idiom tun zu müssen. Bild und Wort teilen sich kein Vokabular und ihre jeweilige Syntax und Logik folgen anderen Gesetzen, was Verstrickungen vermeidet, allerdings auch ausschließt, dass sich die Sprache jemals an die Stelle des Kunstwerks setzen kann. Obwohl sie es unausgesetzt versucht.

Dabei ist man als Kunsthistoriker, und ich berichte da nichts Neues, doch allenfalls mit Umschreiben beschäftigt; im Sinne sowohl von umschreiben (also übertragen oder übersetzen) als auch von umschreiben, zirkumskribieren also. Weshalb allenfalls Annäherungen gelingen.

Diesem Umkreisen habe ich mich meistens verschrieben, dabei aber das Geschäft der Bildbeschreibung, der Ekphrasis, nur selten auf mich genommen – ich bin immer wieder froh, wenn ich auf einen Literaten stoße, der sich der Sache bereits angenommen hat. Die Literatur verfehlt das Bild letztlich zwar auch, kommt aber verlässlich dessen Anmutung näher, als alle Wissenschaft das könnte oder sich auch nur zugestünde. Eher schon habe ich Kunstwerke also umrundet: Kontextbedingungen erkundet, Ikonographien zu enträtseln oder Ideengeschichte aufzuschreiben versucht. Neuerdings interessiert mich die Künstlergeschichte.

Wobei ich bald gelernt habe, dass die Kunst gelegentlich sehr wohl selbst schreibt oder spricht. Wenn sie nach Ruhm strebt und Erinnerung, vor allem aber, wenn sie Methode werden will, findet sie rasch zur Sprache, flankiert das Werk oder versucht, es anders und neu zu konstituieren. Das reizt mich besonders, weil es Verfügbarkeit verspricht, weshalb ich gelegentlich, ganz wörtlich, Übersetzungen davon angefertigt habe, um mir dieses Sprechen anzuverwandeln. Dabei habe ich übrigens die jeweilige Eigenart der Sprachen entdeckt, die für die einzelnen Gattungen der Künste sich ganz unterschiedlich eignen. Architektur etwa, das nur nebenher, funktioniert am besten in Deutsch, Malerei eher weniger.

Die Sprachlichkeit der Kunst wie der Kunstgeschichte also haben nie aufgehört, mich anzuziehen. Wobei mich noch dazu die Frage umgetrieben hat, in welcher Sprache ich selbst wohl zu sprechen hätte. Dass das nicht notwendig Deutsch sein müsse, hat damit zu tun, dass ich sprachlich etwas uneindeutig ausgebildet bin. Das Alter, in welchem man seine Muttersprache erlernt, habe ich im Iran verlebt, bin also aufgewachsen mit Farsi draußen und Bairisch drinnen. Wobei das schönste Hochdeutsch bei uns daheim ein Perser sprach. Cyrus Atabay, konstanter Hausgast, vor allem aber ein Dichter. Ein Prinz aus dem Morgenland, wie aus einem Märchen. Und der sprach im elegantesten Deutsch oder trug darin Hafisübersetzungen und Eigenes vor. Mir waren die biographischen Gründe dafür damals unbekannt, weshalb sich in mir die Überzeugung festsetzte, dass Deutsch eine lingua franca sei, einem offenbar nicht von Herkunft aus angehöre, auch mir nicht, sondern immer erworben werden müsse und könne, vor allem aber, dass zum Deutschen jeweils nur durch eine andere Sprache zu gelangen wäre.

Seither lerne ich Fremdsprachen. Und halte mich vorzugsweise in ihnen auf. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich, ganz aus freien Stücken, außerhalb des Lands meiner Geburt gelebt und gearbeitet. Immer wieder in angelsächsischen Ländern, lange in Frankreich, noch länger in Italien, und jetzt schon seit zwei Jahrzehnten zwischen diesen beiden Kulturen, in der Schweiz. Nirgends also, wo Hochdeutsch zum Umgangston gehörte, jedenfalls so, dass ich es verstünde.

Wie Sie leicht erkennen, geht es mir mit der Sprache wie mit der Kunst. Beides habe ich immer nur umkreist; Sehnsuchtsziele sind beide geblieben. Von Hilde Domin stammt ein Satz, der zwar aus einer ganz anderen Lebensgeschichte heraus geschrieben wurde und erst einmal nur für die Dichterin gilt, mir aber dennoch nie aus dem Sinn gegangen ist. Denn vielleicht steht es auch dem Wissenschaftler zu, sich diesen zuzusprechen. Er handelt vom Aufstehen und vom Heimgehen ins Wort. Sie werden nachvollziehen können, wie groß meine Freude war, als ich jetzt erfuhr, dass Cyrus Atabay Mitglied dieser Akademie war. Und so verstehe ich Ihre freundliche Einladung, mich unter sie zu mischen, auch als eine Aufforderung, es zumindest schon einmal mit dem Aufstehen zu versuchen. Dafür schönen Dank.