Mitglieder

Adolf Endler

Adolf Endler

Schriftsteller
Geboren 20.9.1930
Gestorben 2.8.2009
Mitglied seit 2005

Vorstellungsrede

Sehr geehrte Damen und Herren!

"Wie sie sich selber sehen", nennt sich, wie Sie wissen, die nun schon ziemlich dicke Sammlung der kleinen Texte, mit denen sich die neu gewählten Mitglieder der Akademie vorstellen, ein Titel, der einen sogleich unsicher werden läßt und zögern. Wie weit ist man denn in der Lage, sich selbst ins Auge zu fassen oder zu erkennen? Die große Hannah Arendt zum Beispiel bezweifelt allein schon die Möglichkeit, ja, rät gelegentlich sogar eindringlich davon ab, sich selber in die Karten blicken zu wollen, also in die Hinter- und Untergründe dessen, was man für die Umwelt darstellt. Mir jedenfalls ist es immer ein wenig schwindlig geworden, wenn ich die Motive nennen sollte für die oder jene Wendung in meinem Leben – "Weshalb sind Sie 55 in die DDR gegangen?, weshalb hat Sie 79 der Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen?" -, für die Motive auch meiner geradezu unübersichtlichen und vielgliedrigen literarischen Produktion; Lyrik, Essay, erzählende Prosa, Kindertheater, Nachdichtung; was gibt es noch?

Wenn einen andere, ob Freund oder Feind, porträtieren, findet man sich freilich auch in der Regel einen Wirrbild konfrontiert, das von einem anderen Stern zu künden scheint. In Jürgen Fuchsens Stasi-Roman "Magdalena" zum Beispiel stößt man irgendwo auf ein Kurzporträt des A. E., das ich nicht zitiere, um mich lange nach dem Tod des Jürgen Fuchs zu rächen. Fuchs schreibt, und man sieht den Schaum vor seinem Mund: "Revolution! Ha! Sklaven! Ha! Wolf Biermann und Erich Weinert! Haha! Ich Adolf Endler! Adolf? Ich Adolf Endler! Prenzlauer Berg! Poesie! Und Sascha A? Poesiealbum! Und Papenfuß-Gorek! Poesiebum! Moderne Lyrik!, moderne Prosa! Iiicchh! Ginsberg weg, Brinkmann weg, alle weg weg weg." So weit Fuchs; ich zitiere ihn auch um Ihnen zu zeigen, aus welchen sumpfigen Schwaden ich allmählich ins Hellere getreten bin und jetzt sogar... Folgt man der fuchsschen Darstellung, die vermutlich keiner der Anwesenden auch nur ansatzweise versteht, dann muß unsereins von maßloser Selbstüberhebung geprägt sein, die nichts und niemanden neben sich gelten läßt. Sie müssen es mir glauben: Ich habe bedauerlicherweise nie einen Satz über Brinkmann geschrieben oder gesprochen, dem Beat-Dichter Ginsberg habe ich mit der Nachdichtung einiger seiner späten Gedichte gehuldigt.

"Alle weg weg weg..."? Volker Braun und Wulf Kirsten wissen es besser, vor allem aber meine Frau, die seit einem Vierteljahrhundert unter der eintönigen Leier leidet: "Ach, das ist doch alles nix, was ich da fabriziert habe..." Tatsächlich neige ich trotz reger Publikationstätigkeit (auch mittels Pseudonymen) dazu, mich auf irgendeine Weise zum Verschwinden zu bringen, einer bei Dichtern nicht seltenen Krankheit; Traven und Pynchon sind mir ganz einleuchtende Gestalten. Vielleicht mußte es auch deshalb bis nach meinem 75jährigen Geburtstag dauern, ehe mich die Akademie für Sprache und Dichtung zu einem ihrer Mitglieder gewählt hat, was mich nun doch sehr gefreut hat.

Eine besondere Rolle spielt bei meinen zwiespältigen und mehrdeutigen Selbstdestruktionsversuchen, das von zahlreichen Betrachtern verwundert wahrgenommene Spiel mit meinem Namen. "Ich habe schon immer meinen Namen gehaßt", lautet die Überschrift eines Artikels über mich. Am verrücktesten und widersprüchlichsten wird solches Selbst-Gemetzel absolviert in dem 1992 in kleiner Auflage bei Reclam-Leipzig erschienenen Büchlein "Die Antwort des Poeten", in welchem mein Name in zahlreiche Anagramme aufgelöst erscheint; man findet einen Endolf Adler, einen Ole Erdfladn, einen Radlof Elend, einen Alfred Nolde, einen Automechaniker namens Della Fronde, eine Lea Nordfeld, eine Dore Elfland undsoweiter, undsoweiter... Vielleicht doch auf verdrehte Weise ein vervielfachtes "Ichichich"? Sie sehen, in welches Dilemma mich der Versuch stürzt, hier eine Antrittsrede zu halten. Aber gewiß, ich bin nicht zufrieden mit meinem Namen, obwohl ich bereits am 20. 9. 1930 in Düsseldorf geboren bin, meine Mutter stammt aus Flandern, mein Vater aus Böhmen, wo der Name Adolf recht verbreitet gewesen ist.

Aber weshalb veröffentlicht solch ein Kerl zwanzig oder fünfundzwanzig Bücher und Büchelchen – Sie müssen es mir glauben, ich hatte mir in den siebziger/achtziger Jahren die geradezu selbstmörderische Absicht eingeredet, möglichst "unauffällig" zu publizieren, etwa in Handpressen o. ä. -, weshalb veröffentlicht er im Jahr 1999 seine gesammelten Gedichte "Der Pudding der Apokalypse" und im Jahr 1994 ein Buch "Tarzan am Prenzlauer Berg"? Beide etwas reißerisch klingenden Titel stammen nicht vom Autor selber. Weshalb glaubt er, im Jahr 2005 die Öffentlichkeit mit einer naturgemäß aus Splittern bestehenden Autobiographie behelligen zu dürfen, der er den Titel "Nebbich" gibt nach einem Begriff aus dem Jiddischen, der so viel wie "Ist schon egal" bedeutet?

P.S.: Eines ist bei allem Tohuwabohu sicher: Ich wollte im Grunde immer ein Lyriker sein – und sonst garnichts... Und ich habe mit einem Gedicht begonnen, als ich 16 war, im Oktober 1947 in der Augsburger Zeitschrift "Ende und Anfang" veröffentlicht und jüngst von dem fast allwissenden Akademie-Mitglied Wulf Kirsten wiederentdeckt; die Rede ist in dem im borchertschen Stil "Große Stadt, irgendwo" genannten Quasigedicht, wie Sie sich denken können, von "dämmernden Trümmern" und "verwesenden Leichnamen". Mein erster ganz ernst zu nehmender Gedichtband "Das Sandkorn" ist dann erst 1974 in Halle/Saale erschienen, darin mein Lieblingsgedicht bis heute: "Dies Sirren" genannt: "Dies Sirren.// Und wieder dies Sirren am Abend Es gilt ihnen scheint es für Singen / Ich boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht raten / Ihr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der Klompen / Cui bono ihr lieben Alterchen mit der Zirpstimm im Dunkel." So 1971. Mein bislang letztes Gedicht steht im "Jahrbuch der Lyrik 2006". Es endet mit den Zeilen: "Ei niemals im Leben einen Schuhplattler auf die Reihe gekriegt Ei das wars." Nein, ich kann es immer noch nicht ganz fassen, in die Akademie für Sprache und Dichtung gewählt zu sein.