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Adam Zagajewski

Adam Zagajewski

Lyriker und Essayist
Geboren 21.6.1945
Mitglied seit 2015

Vorstellungsrede

 

Liebe Freunde, ich habe mich entschieden, mich nicht direkt vorzustellen, sondern mit Hilfe eines Gedichts. Es geht um Selbstbildnis. Zuerst lese ich das Gedicht, das schon vor zwanzig Jahren entstanden ist. Die deutsche Übertragung stammt von Karl Dedecius, der uns leider im Winter dieses Jahres verlassen hat:

Zwischen Computer, Bleistift und Schreibmaschine
vergeht mir ein halber Tag. Irgendwann wird daraus ein halbes Jahrhundert.
Ich wohne in fremden Städten und unterhalte mich manchmal
mit fremden Menschen über Dinge, die mir fremd sind.
Oft höre ich Musik: Bach, Mahler, Chopin, Schostakowitsch.
In der Musik finde ich Kraft, Schwäche und Schmerz, die drei Elemente.
Das vierte hat keinen Namen.
Ich lese Dichter, die lebenden und die toten, lerne von ihnen
die Ausdauer, den Glauben und den Stolz. Ich versuche die großen
Philosophen zu begreifen – meist gelingt es mir, nur die Fetzen
ihrer kostbaren Gedanken zu fassen.
Ich mag lange Spaziergange durch die Straßen von Paris,
meine Nächsten zu sehen, die Eifersucht,
Gier oder Zorn beleben; die silberne Münze zu beobachten,
die von Hand zu Hand wechselt und langsam ihre Rundung
verliert (das Profil des Kaisers verwischt sich).
Gleich nebenan wachsen Bäume, ohne etwas auszudrücken,
sieht man von der grünen, gleichgültigen Vollkommenheit ab.
Über die Felder schreiten schwarze Vögel,
die dauernd auf etwas warten, geduldig wie spanische Witwen.
Ich bin nicht mehr jung, aber immer noch gibt’s ältere als mich.
Ich mag den tiefen Schlaf, wenn ich abwesend bin,
und die schnelle Fahrt auf dem Fahrrad die Dorfstraße entlang,
   wenn Pappeln und Häuser
wie Kumuli am heiteren Himmel verschwimmen.
Manchmal sprechen mich Bilder in den Museen an,
und plötzlich verschwindet die Ironie.
Ich mag das Gesicht meiner Frau bewundernd zu betrachten.
Wöchentlich, am Sonntag, rufe ich meinen Vater an.
Alle zwei Wochen treffe ich mich mit den Freunden,
auf diese Weise halten wir uns die Treue.
Mein Land hat sich von einem Übel befreit. Ich wollte,
dem würde noch eine Befreiung folgen.
Ob ich nützlich sein könnte dabei? Ich weiß nicht.
Ich bin zwar kein Kind des Meeres,
wie Antonio Machado von sich geschrieben hat,
aber ein Kind der Luft, der Minze und des Cellos
und nicht alle Wege der hohen Welt
kreuzen sich mit den Pfaden des Lebens, das, vorerst,
mir gehört.

Eigentlich sollte ich hier haltmachen; das Gedicht spricht wahrscheinlich schon fast zu viel. Weil aber mehrere Jahre vergangen sind, seitdem ich dieses Selbstbildnis erstellt habe, und weil ich vor Ihnen stehe – und nicht ein Buch veröffentliche –, fühle ich mich benötigt, einige Korrekturen einzuführen. Einiges hat sich doch verändert, in der Welt und in mir selbst.
Aber nicht alles: Den Komponisten, die ich hier erwähne, bin ich noch immer treu. Die Liste sollte viel länger sein, Gedichte sind aber keine Kataloge.
Paris: Nein, ich lebe nicht mehr in Paris, wo ich lange weilte und wo ich fast jeden Tag spazieren gegangen bin. Jetzt lebe ich wieder in Krakau, oder Kraków, in einer Stadt also, die für die Flaneure auch sehr günstig ist.
Mein Vater ist leider gestorben, das Telefon ist stumm geworden.
Mein Land, dessen neu erworbene Freiheit ich damals besingen konnte, kennt jetzt neue Probleme, neue Gefahren, Versuchungen einer milden Diktatur. Die Geschichte, die meistens bitteren Geschmack hat, ist wieder da.
Und noch eines: Ich bin nicht mehr so sicher, dass mein Leben wirklich mir gehört.