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Theodore Ziolkowski

Theodore Ziolkowski

Germanist
Geboren 30.9.1932
Mitglied seit 1998

Vorstellungsrede

 
Ich werde manchmal gefragt, wieso ausgerechnet ein Amerikaner aus dem tiefsten Süden der USA sich mit der deutschen Literatur befaßt.
Mein Vater, ein Paderewski-Schüler, der in Warschau und Berlin Musik studiert hatte, kam 1926 auf einer Konzerttour in die USA, wo es ihm so gut gefiel, daß er in Chicago haltmachte. Dort lernte er meine Mutter, eine Amerikanerin polnisch-böhmischer Abstammung, kennen.
Die Neuvermählten zogen 1930 nach Alabama, wo mein Vater an einem College für Frauen eine Professur erhalten hatte und wo ich zwei Jahre später geboren wurde.
Montevallo war ein Städtchen von kaum 2000 Seelen und ein Paradies für Kinder: in fünf Minuten war man in jeder Richtung in Wald und Wiese. Aber die Schulen waren anspruchslos, und so bekam ich neben dem Musikunterricht zu Hause Privatstunden von Freunden meiner Eltern: Latein von einem klassischen Philologen deutscher Abstammung, mit dem ich in der Abenddämmerung Vergil las; und Biologie von einer Professorin, in deren Wohnung ich über dem Mikroskop hockte, um die inneren Organe von Fröschen zu inspizieren. Abends spielte ich Trompete in einer Jazzkapelle und lernte die Studentin kennen, die später meine Frau werden sollte.
Manche Verhältnisse, die mir damals als völlig normal vorkamen, scheinen im nachhinein recht seltsam. Mein Vater war der einzige Mensch in unserem ganzen Bezirk mit einem fremden Akzent und meine Eltern die einzigen Polen in einem Umkreis von wohl fünfzig Kilometern. Aber als Mittelpunkt zwischen Chicago und Florida, zwischen New York und Texas lockte die Elternwohnnung jeden reisenden Polen in den östlichen USA – von Paderewski auf politisierenden Konzertreisen bis zu polnischen Militärs und Künstlern im Exil. So wuchs der wilde Junge im Staat Alabama unter unwahrscheinlich kosmopolitischen Umständen auf.
Als ich auf die Universität kam, sollte ich Medizin studieren. Aber die Zerstreuungen des ersten Jahrs – ich spielte immer noch in einer Jazzkapelle – zusammen mit Unlust an der Chemie führten bald zu einer totalen Entsagung. Ich zog mich aus der Universität zurück und meldete den erschrockenen Eltern, daß ich die romantisch-unrealistische Absicht hatte, als Jazzmusiker eine Karriere zu machen.
Als Kompromißlösung kehrte ich nach einiger Zeit zur Universität zurück, durfte aber die medizinischen Studien aufgeben und Geisteswissenschaften studieren. Mein Vater hatte mir etwas Deutsch beigebracht, so lag mir die Germanistik nahe. Weil ich damals der einzige war, der neben klassischer Philologie Deutsch als Hauptfach wählte, hatte ich das Glück, fast in Privatstunde unterrichtet zu werden. Mein Professor an der Duke University empfahl mich dann an den allgemein anerkannten doyen der amerikanischen Germanistik weiter: Hermann Weigand an der Yale University.
Eine Dissertation über Hermann Hesse und Novalis deutete auf die beiden Richtungen, in die mich meine zukünftige Arbeit führen sollte, voraus – einerseits auf die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts mit Studien über Hesse, Broch und die Strukturen des modernen Romans; und andererseits auf die deutsche Literatur und Kultur um 1800, wie ich sie in Büchern über die deutsche Elegie, die deutsche Romantik und das Wunderjahr in Jena darzustellen versuchte.
Nach einer Dozentur an der Yale-Universität und einer Professur in New York an der Columbia-Universität kam ich 1964 nach Princeton, wo ich seither geblieben bin – bis zu seinem Tod neben meinem genialen Kollegen Victor Lange und eine Zeitlang neben der vielfach begabten Ruth Klüger (beide Mitglieder dieser Akademie).
In Princeton, an einer renommierten, aber sehr kleinen Universität, haben die Professoren die Gelegenheit, ihre Lehrtätigkeit auf mehrere Gebiete auszubreiten. Außerdem kam ich als langjähriger Dekan des Graduiertenkollegs beruflich in Kontakt mit Kollegen aus jeder Fakultät. Beide Funktionen führten allmählich zu einer prononcierten Erweiterung meines Interessenhorizonts.
Als Mitglied des Instituts für Komparatistik befaßte ich mich in Forschung und Lehre mit interdisziplinären Fächern (Verwandlungen der Gestalt Jesu im modernen Roman, Literatur als Widerspiegelung der Rechtsgeschichte), mit der Wiederbelebung der klassischen Tradition in der modernen Literatur und mit verschiedenen thematischen Problemen.
So bieten meine Schriften wohl das genaueste Protokoll meiner intellektuellen Entwicklung. Daß dieser Lebensweg nicht ohne seine Befriedigungen gewesen ist, erblicke ich in der Tatsache, daß meine drei Kinder – als Slawistin, als Mediävist und als Religions­wissenschaftler – auch eine akademische Laufbahn eingeschlagen haben. Das ergibt bei Familienfesten ein lebendiges interdisziplinäres Gespräch, das ich mir höchstens in dieser Akademie, die mir die Ehre angetan hat, mich in ihre Reihen aufzunehmen, als gleichartig vorzustellen vermag.