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Peter Hamm

Peter Hamm

Schriftsteller und Kritiker
Geboren 27.2.1937
Mitglied seit 1991

Vorstellungsrede

 

Als Martin Walser 1980 – also vielleicht doch etwas spät – den Büchner-Preis erhielt (ich durfte ihm damals die Laudatio halten), da bekannte er in seiner Dankrede, Büchners Prosastück Lenz bis vor kurzem nur vom rühmenden Hörensagen gekannt zu haben: »Gewohnt, Lektüre der Lebensstrategie zu unterwerfen, schob ich den Lenz auf, um, wenn der Büchnerpreis anfiel, ein frisches Leseerlebnis in Gebrauch nehmen zu können«. Da ich weder über eine Lebensstrategie verfüge noch ernstlich erwarten durfte, es einmal zu Akademieehren zu bringen, habe ich jenen von einem Prager verfaßten Bericht an eine Akademie nicht erst jetzt, sondern schon vor sehr langer Zeit gelesen. Damals tat mir Kafkas Affe ziemlich leid. Heute dagegen bedauere ich es fast ein wenig, nicht als dieser Affe vor Sie treten zu dürfen, – und das schon deswegen, weil er, der übrigens denselben Vornamen trägt wie ich, allerdings zu seinem Leidwesen statt Peter immer »Rotpeter« gerufen wird (auch das kommt mir irgendwie bekannt vor), weil also dieser Affe »Rotpeter« es schon früh zum Stoiker gebracht hat. »Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden«, so lautet Rotpeters Resümee.
Ich teile mit Kafkas Rotpeter leider nur die Unzufriedenheit, nicht aber die Klaglosigkeit, den Klageverzicht. Manchmal will mir sogar scheinen, als sei Klagen so etwas wie meine spezifische Form der Zufriedenheit, was ja nun ein bedenkliches Geständnis ist. Aber ist Dichten nicht so etwas wie ein Synonym für Klagen? »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide«, verkündete Goethe. Leider hat sich dieser Gott schon dem Weimarer Klassiker gegenüber so großzügig verausgabt, daß er danach mit seinen Klagegaben offenbar etwas haushalten, um nicht zu sagen: geiziger umgehen mußte. Zwar gestattete er selbst einem wie mir noch, gelegentlich zu sagen, was er leidet, aber er ließ mich gleichzeitig doch nie im Ungewissen darüber, daß er, was er mich sagen ließ, noch ein paar Tausend andere auch mehr oder weniger so gut oder so schlecht sagen ließ, so daß das Gefühl der Einzigartigkeit, das einen Goethe noch beseelte, bei mir schon sehr früh futsch war und sich statt dessen mehr und mehr das Gefühl der Trauer und der Scham ausbreitete, Scham darüber, dem Leben nicht klaglos gewachsen zu sein, Trauer darüber, die Kindheit überlebt zu haben und damit jenen Zustand der Unwissenheit, in dem man sich selbst noch ein Rätsel und eben deshalb einzigartig war.
Martin Walser hat, als er es über sich brachte, seinerseits einmal mein Laudator zu sein, von meinem »jetzt schon Jahrzehnte anhaltenden Mißtrauen gegen das Erwachsenwerden« gesprochen – und dieses mein Mißtrauen als »Hoffnung auf eine allerhöchste Unzurechnungsfähigkeit« definiert. Tatsächlich ist mir alles, was sich berechnen läßt, ist mir Berechnung bis heute ziemlich fremd und suspekt geblieben, ebenso wie alles das, was in jenem Bereich liegt, den man den Bereich des Möglichen nennt. Mit Pasternak glaube ich, daß »nur das Unmögliche wirklich ist«, mit Pascal glaube ich, daß nur, was unbegreifbar ist, nicht aufhört zu sein. Im Reich des Möglichen, auf dem Terrain der Taten war ich von Anfang an zum Scheitern verurteilt, brachte ich es doch nicht einmal zu einem »ordentlichen Schulabschluß«, ja nicht einmal bis zur sog. »mittleren Reife«, – und vermutlich verdankt sich meine Bewunderung für Witold Gombrowicz vorzugsweise der Tatsache, daß dieser lebenslang lustvoll die Wonnen der Unreife pries, Wonnen, die ich freilich auch weit intensiver in seinen Büchern genoß als im sog. wirklichen Leben. Aber welche Lebenswirklichkeit reicht schon an eine Lesewirklichkeit heran? »Das Weltall, von anderen Bibliothek genannt«; dieser Satz von Borges hat es mir ebenso angetan wie jener aus Joseph Brodskys Nobelpreisrede: »Der Mensch ist, was er liest«; und am besten gefällt mir immer noch, was Robert Walser über seinen Lesehunger in dem Prosastück Einer, der immer etwas las schrieb: »Ich fing viel zu lesen an, weil mich das Leben verneinte, die Lektüre jedoch die Güte besaß, zu meinen Neigungen, meinem Charakter ja zu sagen«.
Daß ich mich in diesem Weltall der Lektüre nicht permanent aufhalten darf, sondern dann doch im Reiche des Möglichen mein Möglichstes tun muß für das, was man den Lebensunterhalt nennt, ist eine Kränkung, unter der wiederum so viele andere ebenfalls leiden. Wenn hier der Ort wäre, einem jüngeren Autor einen Rat zu geben, dann würde ich ihm raten, lieber jeden anderen Brot-Beruf als meinen, also als den des Journalisten, zu wählen, weil der Journalist – und gerade auch der Kulturjournalist – kaum umhin kann, im Tagesgeschäft eben jene Substanz mehr und mehr zu zersetzen, von der er als Autor doch einzig lebt, ich meine die Sprache. Nur noch die Politik, die man ja »die Kunst des Möglichen« genannt hat, vermag Autoren ähnlich zu verderben und ihnen den Blick ins Reich des Unmöglichen zu versperren wie der Journalismus. Ich weiß, wovon ich rede: 18 Jahre lang habe ich kein Gedicht geschrieben, weil ich wie so viele im Wahn befangen war, dem verheerenden Zustand der Welt könne nur mit politischen Taten abgeholfen werden, wo er doch allenfalls durch Träume, wie sie aus Borges’ Weltall-Bibliothek zu beziehen sind, zwar nicht besser, aber immerhin viel erträglicher wird.
»Alle Ängstlichkeit kommt vom Teufel, der Mut und die Freudigkeit sind von Gott«: wenn Novalis mit dieser Behauptung recht hätte, dann käme alles, was ich bisher gedacht und geschrieben habe, vom Teufel, anders ausgedrückt: aus Gottverlassenheit. Und wie könnte es auch anders sein? 1937 geboren, das bedeutete, nicht in das Licht der Welt, sondern in die Finsternis einer gottverlassenen Epoche entlassen worden zu sein, das bedeutete, der Geschichte ausgeliefert zu sein, die einen genau in dem Maße klein machte und erdrückte, in dem sie infiziert war vom Größenwahn jener verspäteten Nation, der anzugehören ich mir nicht freiwillig ausgesucht hatte. Zwei Jahre vor meiner Geburt waren die Nürnberger Gesetze in Kraft getreten, ein Jahr danach brannten die Synagogen (und die christlichen Kirchen traten den Brandstiftern nicht entgegen). Dann begann jener Krieg, der nie mehr zu Ende geht – und schon gar nicht durch eine »Stunde Null«, wie sie sich die schlauen Deutschen ausdachten, ganz so, als wäre davor, vor 1945, nichts gewesen, denn vor Null kommt ja bekanntlich nichts. Wieder bei Null anfangen, das vermögen weder Völker – noch Dichter. Und woher also dann Mut und Freudigkeit nehmen, die Novalis so fromm wie hochgemut gegen die Ängstlichkeit ausspielen konnte? Gottlob gibt es gegen das entmutigende Novalis-Diktum ein Goethesches Gegenwort, demnach »die Schönheit eine Tochter der Angst« ist. Um mich von der Richtigkeit dieses Goethe-Worts zu überzeugen, genügt ein einziger Blick auf das Werk jener auf meinem ganz persönlichen literarischen Meridian zwischen Prag, Biel, Paris, Lissabon und St. Petersburg angesiedelten Literaturheiligen: Kafka, Robert Walser, Paul Celan, Fernando Pessoa, Ossip Mandelstam und Marina Zwetejewa.
Lassen Sie mich hier zuletzt noch meiner Informationspflicht genügen und einige Daten nachreichen: die frühesten Gedichte des Sechzehn- und Siebzehnjährigen veröffentlichten Walter Höllerer in den Akzenten und Peter Huchel in Sinn und Form, die ersten Literaturkritiken druckte Max Rychner in der Zürcher Tat, – und sowohl Rychner wie Huchel und Höllerer verdanke ich weit mehr als diese frühe Zustimmung, nämlich das beeindruckende Beispiel ihrer eigenen ästhetischen Empfindsamkeit und Strenge. HAP Grieshaber war es, der 1957 meinem ersten Gedichtband, der den anspruchsvollen Titel 7 Gedichte trug, durch seinen Umschlag-Holzschnitt einiges und wohl auch einziges Gewicht gab. Er erschien in der nunmehr legendären Eremitenpresse des V. O. Stomps, der damals auch Anthologien moderner schwedischer und moderner tschechischer Lyrik von mir herausbrachte. Erst 1982 erschien dann mein zweiter Gedichtband Der Balken, 1985 der dritte: Die verschwindende Welt, beide verlegte Michael Krüger, dem ich ebenfalls großen Dank schulde – und für mehr als nur dies, 1966 gab ich die erste gesamtdeutsche Lyrikanthologie unter dem Titel Aussichten heraus, sie geriet für 3 Wochen sogar auf die Spiegel-Bestsellerliste, was heute wohl undenkbar wäre. 1968 war ich Herausgeber des nicht ganz folgenlos gebliebenen Bandes Kritik /von wem/ für wen/wie?, dem auch einige Mitglieder dieser Akademie Beiträge beisteuerten, die vielleicht immer noch lesenswert sind. 1975 durfte ich in der Bibliothek Suhrkamp eine Auswahl der Gedichte von Jesse Thoor herausgeben und 1980 brachte der Insel-Verlag meinen Band über Leben und Werk Robert Walsers, über den ich auch einen zweistündigen Fernsehfilm gedreht habe. Andere Fernsehfilme, deren ich mich nicht schäme, porträtierten Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze, Hanns Eisler, Alfred Brendel, Fernando Pessoa. Im kommenden Herbst wird bei Hanser ein Band meiner Aufsätze unter dem Titel Der Wille zur Ohnmacht herauskommen.
Ich bedanke mich für die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, insbesondere bei denen, die mich zur Aufnahme vorgeschlagen haben.