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Perry Anderson

Perry Anderson

Historiker
Geboren 11.9.1938
Mitglied seit 2005

Vorstellungsrede

 

Ein in literarischen oder intellektuellen Dingen bewanderter Engländer, zumindest in einem gewissen Alter, hat guten Grund, über das Verhältnis seiner Kultur zu der Ihren nachzudenken. In der Zeit von der französischen Revolution bis hin zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wäre vieles in der englischen Geschichte des Denkens und der Literatur ohne Inspiration aus Deutschland schwer zu verstehen gewesen. Coleridge, der größte Geist unserer romantischen Dichtung, war durch seine Begegnung mit Kant und Schelling wie umgewandelt. Carlyle, der einflussreichste Historiker des frühen viktorianischen Zeitalters, übersetzte die Werke von Goethe und schrieb Schillers Biographie. In der nächsten Generation begann George Eliot, vielleicht unsere größte Romanautorin des 19. Jahrhunderts, ihre Karriere mit Übersetzungen von Strauss und Feuerbach für die englische Öffentlichkeit. Als das Jahrhundert zu Ende ging, war es das Gleiche. Seeley, der führende Historiker des Empires, begann seinen Aufstieg mit einer Biographie von Freiherr vom Stein; T.H. Green hatte es Hegel zu verdanken, dass er der herausragende englische Philosoph seines Zeitalters wurde.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte für kurze Zeit eine veränderte Stimmung vor. In einer allgemein teutophobischen Atmosphäre wurde der schöpferischste Schriftsteller seiner Zeit, D.H. Lawrence – der mit einer der Schwestern von Richthofens verheiratet war – behandelt, als wäre er ein deutscher Spion. Aber sobald der Krieg zu Ende war, gegen den einer der lebhaftesten literarischen und künstlerischen Kreise unseres Landes, die Bloomsbury Gruppe, opponiert hatte, und der Versailler Vertrag, sowie auch die damit verbundenen Vorstellungen über die Kriegsschuld, zu Recht von Keynes in Misskredit gebracht wurden, kehrte die traditionelle Anziehungskraft der deutschen Kultur auf ganz natürliche Weise zurück. Zu Beginn der Jahre zwischen den Weltkriegen haben die späteren Romane von Lawrence Nietzsche viel zu verdanken; am Ende war Auden von Rilkes Einfluss durchdrungen. In dieser Generation war es für gebildete Engländer und Engländerinnen weiterhin üblich, über ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache zu verfügen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das geändert. Auch wenn weniger Engländer ihr Leben verloren als im Ersten Weltkrieg, so war das Dritte Reich doch ein ganz anderer Feind als das Wilhelminische Weltreich, ein Feind, der Deutschlands Image verändert hatte. Das Fazit war eine Zäsur. Nach dem Krieg wich zumindest eine Generation, wenn nicht sogar zwei, vor allem, was Deutsch war, zurück. Es geschah relativ selten, dass jemand, der in dieser Zeit aufwuchs, die Sprache beherrschte oder Wissen aus erster Hand über die deutsche Kultur besaß. In England war dieser Bruch viel ausgeprägter als in Amerika, das von der Luftwaffe unberührt geblieben war und eine weitaus größere Bevölkerung von deutscher oder deutsch-jüdischer Herkunft beheimatete. Im Gegensatz dazu schwang in England in der Nachkriegszeit die außenpolitische Kompassnadel – weit mehr als jemals zuvor – in Richtung Frankreich: ein Enthusiasmus, der nicht erwidert wurde, da Frankreich in dieser Zeit, wie auch bereits vor dem Krieg, sehr wenig Interesse für englische Kultur zeigte, sondern eher eine anhaltende Faszination für die deutsche.

Was meine Herkunft betrifft, bin ich ein Produkt dieser Zeit. Für meine Mutter, die im Jahre 1905 zur Welt kam, war es üblich, ihre Ferien in der Weimarer Republik zu verbringen, wo sie Freunde hatte; sie sprach auch ziemlich gut Deutsch. Ich kann mich jedoch kaum mehr daran erinnern, ob zu meiner Schulzeit überhaupt einer meiner Klassenkameraden Deutsch studierte. In Oxford studierte ich dann französische und russische Sprache und Literatur, eine zu der Zeit allgemein verbreitete Wahl. Obwohl wir natürlich auch mit literarischer Theorie vertraut gemacht wurden, verließ ich die Universität mit einigen Grundkenntnissen des russischen Formalismus und des französischen Strukturalismus, jedoch absolut keinem Bewusstsein von deutscher Stilistik. Shklovsky und Barthes waren mir bekannt, aber ich bezweifle, je von Auerbach oder Spitzer, oder von Curtius gehört zu haben. Ich glaube, derartige Ignoranz war damals die Regel statt die Ausnahme. Als ich in meinen zwanziger Jahren Redakteur einer Zeitschrift wurde, in der eine Vielzahl verschiedener ausländischer Texte veröffentlicht wurde, fand ich schnell genug heraus, wie schwierig es war, annehmbare Übersetzer der deutschen Sprache zu finden, was bei den anderen wichtigen europäischen Sprachen nicht der Fall war.

Vor diesem engstirnigen Anachronismus wurde ich durch drei Dinge bewahrt, deren Mischungsverhältnis von Zufall und Logik für mich schwer zu entwirren ist. Kurz nach Abschluss meines Universitätsstudiums entdeckte ich die Schriften von Peter Stern, dem damaligen hervorragenden Germanisten in England, der mich in seinem Bann hielt. Seine lapidaren Studien über Ernst Jünger und – auf ganz anderer Ebene – seine Idylle und Realitäten machten einen besonders tiefen Eindruck auf mich und öffneten mir die Pforten zur deutschen Literatur. Als ich durch diese Pforten trat, lernte ich die Werke von Robert Musil kennen, von denen ich seither fasziniert bin: eine Vorliebe, die selbst in den deutschsprachigen Ländern nicht völlig gewöhnlich scheint, in denen moderne Schriftsteller wie Kafka und Mann oft mehr geschätzt werden, aber vielleicht weniger mysteriös für einen Leser von nicht nur englischer, sondern vielmehr anglo-irischer Abstammung. Mein dritter Vorstoß in die Regionen der deutschen Geisteswelt war zufälliger und ambivalenter; ein Ereignis nicht in der Literatur, sondern im wirklichen Leben. Im Winter neunzehn hundert acht und sechzig, verbrachte ich auf dem Weg nach Budapest einige Tage in Frankfurt, zu einer Zeit, als die Unruhen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund ihren Höhepunkt erreicht hatten. Dort wurde ich durch Zufall Zeuge eines berühmten Spektakels: Adorno und Habermas, von den Studenten an den Pranger gestellt, saßen nebeneinander auf einem Gang, ganz für sich allein, in einem großen Hörsaal der Universität, während auf dem Proszenium ein jugendlicher Redner nach dem anderen, alle etwa in meinem Alter, sie vehement Theoriebrocken bewarfen. Die Leidenschaft der Ankläger, die gefrorene Würde der Beschuldigten, der Jüngere und Größere kerzengerade neben dem Älteren und Kleineren sitzend, hinterließen in mir Gefühle, die nicht gleich zu sortieren waren. Aber ich erkannte, dass dies eine, wenn auch leicht verwirrende, Einführung in die Intensität war, mit der das Ideenleben in Deutschland seit jeher gelebt worden war.

Seit dieser Zeit, nachdem ich Ideenhistoriker geworden war und mich mit den unvergleichlichen deutschen Beiträgen zu ihnen – ob konservativ, liberal, oder radikal – befasst habe, habe ich oft über Fragen von Stil und Substanz nachgedacht, falls man diese überhaupt voneinander trennen kann: wahrscheinlich rührt das von meiner ursprünglichen Ausbildung her. Meine Kenntnisse von europäischen Sprachen sind eher passiv als aktiv. Die mangelnde Beherrschung einer lebenden Sprache ist immer ein großes Handikap. Aus der Distanz von ihrer internen Vertrautheit kann jedoch ein erhöhtes externes Gefühl für den Klang einer Sprache entstehen. Beim Lesen der Werke Ihrer Denker und natürlich vielmehr noch Ihrer Schriftsteller, bleibt die Skala dieses Klanges absolut unverwechselbar. Die englische Sprache kann sich aufgrund seiner doppelten Ursprünge eines Vokabulars rühmen, das zweimal so groß ist, wie das seiner Nachbarn. Akustisch ist sie jedoch nicht beeindruckend. Viele sind voll des Lobes für die klare Eleganz der französischen Sprache, andere wiederum begeistert die harmonische Gewandtheit des Italienischen. Aber in einem linguistischen Urteil des Paris, muss der Preis für Schönheit, nach meiner Ansicht, doch der deutschen Sprache verliehen werden, der einzigen europäischen Sprache, welche die härtesten und weichsten Töne miteinander verbindet, sowie den kompliziertesten mit dem diszipliniertesten Rhythmus. Wenn das für englische Ohren seltsam klingt, liegt es daran, dass wir das am wenigsten musikalische Volk sind. Die deutsche Sprache ist aber auch die Wiege der deutschen Musik, und wer könnte an ihrer Vorrangstellung zweifeln?

Als Mitglied in eine Akademie aufgenommen zu werden, die dieser Sprache gewidmet ist, sowie auch der Literatur, die weiterhin aus ihr hervorgeht, ist nicht nur eine akademische, sondern auch - vielleicht vor allem - eine ästhetische Ehre.