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Karl Schlögel

Karl Schlögel

Historiker
Geboren 7.3.1948
Mitglied seit 2018
Sigmund-Freud-Preis

Vorstellungsrede

 

Sehr verehrter Herr Präsident,
Sehr verehrte Damen und Herren!

Ich fühle mich durch die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im höchsten Maße geehrt und vor allem verpflichtet.
Wie es dazu kam, dass jemand, der mit dem östlichen Europa aus familiären Kontexten heraus wenig zu tun hat, nun aber fast seine ganze Lebenszeit damit verbracht hat, diese andere Welt zu erkunden und sich und vielleicht anderen verständlich zu machen, das sollte vielleicht später einmal, sofern Zeit bleibt, in einer autobiographischen Rechenschaftslegung berichtet werden, jenseits aller möglichen Selbststilisierung, zu der man so leicht verführt wird.
Ich bin nicht der einzige, der aus einer so abgelegenen Gegend wie dem Allgäu hinausgegangen ist in die Welt. Es mußten ein paar Zufälle zusammenkommen, wie das eben im Leben passiert: Russischlernen in einem Benediktinerinternat in Bayern; eine frühe Fahrt nach Prag in den 1960ern; Studium und Studentenbewegung in West-Berlin samt anschließenden Fraktionskämpfen; Desillusionierung und Forschungen in Moskau und Leningrad; das erste Buch, in dem man seinen eigenen Ton und approach gefunden hat. Seither dreht sich alles um Themen wie: Petersburg – als Russland eine Kulturelle Weltmacht war; Moskau 1937 – dem Warum der Stalinschen Säuberungen nachgehen; die Städte des östlichen Europa als »Texte« dechiffrieren; Diaspora und Migration im 20. Jahrhundert – einschließlich der Flucht und Vertreibung der Deutschen; die sowjetische Welt – Besichtigung einer Lebensform, und jüngst: noch einmal auf die Schulbank zurück und ukrainische Geschichte studieren. Das sind ungefähr die Themen.
Was mich nach wie vor als Unerledigtes in Atem hält, ist die Frage, welche Beziehung besteht zwischen der Darstellbarkeit von Geschichte und den Mitteln, die einzig die Kunst, die Literatur vor allem, hervorgebracht hat, Geschichte zu erzählen. Es geht hier nicht um Leserfreundlichkeit, sondern darum, dass rhetorisch-literarische Probleme epistemologische Probleme sind. Was mich umgetrieben hat – in Im Raume lesen wir die Zeit – und weiter umtreibt, ist, eine Form für die Darstellung von geschichtlichen Ereignissen und Abläufen zu finden, in denen Zeit und Raum in gleicher Weise zum Zuge kommen. In meiner geistigen Haushaltsführung nenne ich das: Arbeit an einem Narrativ der Gleichzeitigkeit. Geschichte findet nicht nur im Nacheinander, sondern im Nebeneinander statt, nicht nur konsekutiv, sondern simultan. Ich halte es trotz aller historiographischen Vorarbeiten für eines der großen Defizite unserer Zunft, der Zunft der Historiker, dass sie diese Fragen narratologischer Art nicht zu ihren ureigensten Fragen gemacht hat und sie weitgehend der Literatur überlässt. Ich weiß natürlich, dass jeder seine eigenen Wege gehen muss, an seinem Schreibtisch sitzt und in seinem Korridor bleibt, aber vielleicht könnte die Darmstädter Akademie, wenn sie – nicht zum ersten Mal – einen Historiker in ihre Reihen aufgenommen hat, doch auch ein Raum sein, für solche Fragen. Ich könnte mir ein Kolloquium zum Thema »Was hat James Joyce Ulysses oder Robert Musils Mann ohne Eigenschaften mit der Darstellbarkeit der Geschichte im 20. Jahrhundert zu tun?« gut vorstellen. Ich danke den Mitgliedern der Akademie für ihren Zuspruch und bin gespannt aufkommende Diskussionen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.