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Jeremy Adler

Jeremy Adler

Germanist und Lyriker
Geboren 1.10.1947
Mitglied seit 2005

Vorstellungsrede

Verehrter Herr Präsident! Geehrte Mitglieder! Werte Gäste! Liebe Freunde!

Es ist ein sonderbares Gefühl, hier zu stehen, um mich vorzustellen.

Ja! Eine Vorstellung! Welch schillerndes Wort!
Eine Höflichkeit
Eine Hinwendung zum Gegenüber
Ein Akt der Selbstreflektion
Ein Theater
Eine Idee

Wie kann ich nun in wenigen Minuten ohne Verstellung eine Vorstellung meiner selbst übermitteln?

In London bald nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, wandte ich mich bald der Malerei und der Literatur zu, dann der Sprache. Ich studierte Germanistik und Anglistik, schloss mich einer Gruppe experimentierender Autoren an, und fand an der Universität London meine Aufgabe. Immer wollte ich das, was ich empfangen hatte, weiterreichen. Bis der Konflikt zwischen Schreiben und Lehren mir vor wenigen Jahren eine Entscheidung abrang. Denn die Gedichtzeilen wurden immer länger, wollten Prosa werden, und ließen sich nicht mehr bändigen. Jetzt bin ich sozusagen frei, mich dem Gelehrtentum und der Schriftstellerei zu widmen, doch bin ich mit King’s College London als Senior Research Fellow verbunden.

Von Haus aus mit dem Prager Deutsch und der Prager deutschen Literatur vertraut, kam ich erst mit elf Jahren nach Deutschland. Seither empfind ich mich immer enger mit der deutschen Sprache verbunden, zumal mit ihrer österreichischen Form. Wenn aber Deutsch meiner Mutter Sprache ist, ist es nicht meine Muttersprache, und ich muss als Engländer mein Deutsch noch immer erarbeiten. Trotz dieser scheinbaren Ferne, kann ich ohne die Möglichkeit, Deutsch zu lesen, zu schreiben und vor allem zu sprechen, nicht leben.

Meine Existenz hängt von Ihrer Sprache ab.

Schicksal und Sprache haben mir ein kompliziertes Doppelleben vergönnt. Ich schreibe Englisch, erforsche aber die Meister der deutschen Sprache: Vor allem die Dichtung des Barock, der Goethezeit und der Romantik, sowie die Literatur der frühen Moderne. Jeglicher Periodisierung abhold, geht es mir stets um die Einheit von Kultur und Literatur. Welch’ Privileg daher, mich in dieser Kultur zu beheimaten, mich in deutschen Institutionen bewegen zu dürfen:

Nun haben Sie mir eine hohe Ehre erwiesen als Sie mich zum Mitglied Ihrer Akademie wählten, wofür ich Ihnen von Herzen danke.

So kann ich weiterhin als Grenzgänger neue Grenzen erkunden: etwa zwischen Literatur und Naturwissenschaft, Malerei, Anthropologie und auch Philosophie. Mir schwebt eine Soziologie der Literatur vor, in der die reine Ästhetik gewahrt bleibt.

Nicht alles lief glatt. Ich bin polemisch gesinnt. Wenn ich mich z.B. im Streitgespräch gegen die Verfälschung der Vergangenheit in Deutschland ausspreche, sind es nicht nur meine Freunde, die sich zu Wort melden. Und doch – wer hätte vor einem Menschenalter gedacht, welcher Freiheit man sich als Mitglied meines Volkes hierzulande und heutzutage erfreuen würde.

Man sagt, wir gehören jetzt einer vaterlosen Gesellschaft an. Mein Volk ist das Volk der Väter. So erlaube ich mir, an dieser Stelle, Vater und Vorväter zu gedenken:

Das übersteigt meine Vorstellungskraft.

Ich bin mit meiner Vorstellung am Ende.

Hier stehe ich.

Es hätte auch anders sein können.