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Irina Liebmann

Irina Liebmann

Schriftstellerin
Geboren 23.7.1943
Mitglied seit 2014
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Vorstellungsrede

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe mich sehr gefreut darüber, dass Sie mich in diese Akademie gewählt haben, und war dann doch erschrocken über die kleine Aufgabe, mit der die Wahl verbunden ist. Aber gut – wer bin ich, warum schreibe ich, fünf Minuten.

Geboren in Moskau. Ich wurde geboren in Moskau. Dieser Anfang war immer wichtig in meinem Leben. Meine Eltern hatten sich in Moskau kennengelernt: Er ein gutaussehender deutscher Kommunist und sie eine russische Studentin der Germanistik. So wurde es mir später dargestellt.
Sie wollte tanzen gehen mit ihm, und er konnte das nicht. Das war vor dem deutschen Überfall.
Aber der gutaussehende junge Mann war auch ein jüdischer Flüchtling, und die Studentin bald dienstverpflichtet nach Sibirien als Deutschlehrerin.
Geboren wurde ich dann im Juli 1943, und da ist Moskau im Krieg. Atmosphäre eines Überlebenskampfes. Alles ist Armee. Rote Armee. Moskau verdunkelt, die Menschen hungern, keine Kinder, kaum Kinder, kaum Paare, Familien schon gar nicht. Moskau war evakuiert worden, hier durfte nur leben, wer für kriegswichtige Betriebe arbeitete. Mein Vater war Chefredakteur der Zeitung für die deutschen Kriegsgefangenen, das war kriegswichtig genug.
Als ich geboren war, kamen immerzu Nachbarn, mich anzusehen. Sie litten furchtbar darunter, dass ihre Kinder weit weg waren, die Frauen, die Eltern. Viele hatten ihre Angehörigen in den von Deutschen besetzen Gebieten und wussten seit über zwei Jahren gar nichts über sie.
Ich wuchs von Anfang an mit zwei Sprachen auf: Russisch und Deutsch. Später kam noch Chinesisch dazu, das habe ich studiert, aber nie Arbeit bekommen damit. Die Zweisprachigkeit ist mir geblieben: Russisch und Deutsch. Ein Geschenk fürs ganze Leben. Aber im Nachkriegsdeutschland, zumal auf seiner sowjetisch besetzten Seite, da wird es auch ein Spießrutenlauf. Denn meine Eltern besaßen die Tapferkeit, schon im Sommer 1945 nach Berlin zu gehen. Mein Vater stammte, wie gesagt, aus einer jüdischen Familie, einer bürgerlichen, deutschen Familie aus Oberschlesien. Diese ganze große Familie war ermordet worden, das erfuhr er erst in Berlin, und ich habe mich oft gefragt: Wäre er zurückgekommen nach Deutschland, wenn er es gewusst hätte? Wäre er zurückgekommen, wenn er kein Kommunist gewesen wäre?
Wahrscheinlich doch. Er wollte einfach nach Hause.
Für ihn war der Mord an den Juden ein Rückfall in Barbarei. Aber sich über das Blut zu definieren oder über eine archaische Religion, das erschien ihm auch wie ein Anschlag auf den modernen Menschen, auf das Bild einer fortschrittlichen Welt. Die wurde aber in Ostdeutschland nun von Moskau neu definiert, und ich war geboren in Moskau.
Solange wir in Ostberlin lebten, im Kreise von Kommunisten und Emigranten, da war es kein Thema, aber als die DDR 1953 an ihren stalinistischen Methoden zu scheitern drohte, verlangte mein Vater mehr Demokratie. Von da an wurde er von seinen Genossen als Feind behandelt, ausgeschlossen, entlassen, verfolgt, und wir mussten Berlin verlassen und in die Chemiegegend der DDR ziehen.
Es war ein Szenenwechsel wie im Theater: Alle Mehrheiten vertauscht, alle Meinungen ebenfalls.
Ich war zehn Jahre alt. Ich kam in die fünfte Klasse. Landesweit begann in dieser Klasse der Fremdsprachenunterricht, gelehrt wurde Russisch. Und was ich mir nie hätte vorstellen können: Blanker Hass für die Russen. Hohn und Spott gegen die russische Sprache.
– Geboren in Moskau?
– Ja. Ich habe »ja« gesagt. Ja. Ich habe dazu gestanden.
In der deutschen Provinz allerdings, acht Jahre nach Adolf Hitler, konnte das für ein Kind beinah lebensgefährlich sein.
In dieser Chemiegegend, in der wir leben mussten, entdeckte ich den Kalten Krieg. Ich kam aus einer besonders politisierten Familie, aber vielleicht waren alle Familien in Deutschland damals politisiert, ich weiß es nicht, auf jeden Fall war es das Radio, ein schönes Möbelstück eigentlich, ein Teil unserer Wohnungseinrichtung – wir haben so gerne Radio gehört! –, an dem mir auffiel, dass darin so gegensätzliche Stimmen zu hören waren, verschiedenen Meinungen, je nachdem, ob die Radiostation nun im Osten oder im Westen stand. Auch da erschrak ich und konnte nicht glauben, denn worüber wir gerade noch uns hatten freuen sollen, dort im Osten – der Zucker wird morgen billiger, die DDR besitzt jetzt ein Eisenwalzwerk –, man brauchte nur die Skala eine Winzigkeit weiterzudrehen, den Sender zu wechseln, schon war das alles des Teufels, eine Lachnummer höchstens, der letzte Dreck.
In der Schule ging es so weiter, auf dem Schulweg auch, jeder Petticoat, jede Haarspange aus dem Westen, es war alles, alles, alles politisch bewertet, umkämpft und vereinnahmt, ja durchtränkt von dem Gift einer beinahe planetarischen Boshaftigkeit – und das von zwei Seiten und das jeden Tag. Meine zweite Erkenntnis damals: Die Dinge sind gar nicht so.
Es hängt mit diesem ständigen Aufwerten, Abwerten und Definieren zusammen, wie es aus allen Löchern kam, und dazwischen die Chemiegegend eben, diese arme, vergiftete Gegend.
Ich fahre also mit der Straßenbahn raus aus der kleinen Stadt Merseburg in die Buna-Siedlung, weil dort ein Schwimmbad ist, da fuhr man an Feldern vorbei oder durch die engen und dunklen Straßen von Halle; und fuhr man nach Leuna, da sah man von weitem das alte Bischofsschloss über der Saale, es ist gar nichts dran an den Bildern, nur eben – sie sind ohne Bildunterschrift.
Keine Anweisung wie sie zu lesen wären. Nichts. Es ist alles nur das, was es ist, und mehr nicht.
Aber es geht etwas davon aus, das ist stark, und wird immer mächtiger, gibt man ihm Zeit.
Ein großes, gefährliches Wunder – steht da so rum.
Sofort wurde mir klar, dass ich nicht weiß, wo ich bin.
Und die nächste Frage war, und ist es immer noch: Entschuldigen Sie bitte, wie spät ist es?
In allen meinen Büchern und Texten geht es im Grunde darum, Zeit und Ort meines Lebens zu erkennen. Immer in dem Gefühl, dass ich dagegen halten muss, gegen diese ständige Verschiebung von Zeit und Ort und Ort und Zeit und gegen die Bildunterschriften, in die alles eingesponnen ist, die Definitionen. Daher die Absicht, den reinen Sachverhalt darzustellen, nicht verklebt von Behauptungen, auch nicht von meinen.
So habe ich angefangen. Ich habe dabei entdeckt, dass ein poetischer Einfall wahrer sein kann als scharfe Sachlichkeit. Und für einen Augenblick verleiht er auch Flügel. Es ist kein Kämpfen mehr, sondern ein Übertreffen, eine musikalische Ebene, die man betritt.
So weit bin ich in diesem Moment.
Ich danke Ihnen für die Aufnahme in Ihren Kreis.