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Hans Joachim Schädlich

Hans Joachim Schädlich

Schriftsteller
Geboren 8.10.1935
Mitglied seit 1992

Vorstellungsrede

 

Geboren wurde ich am 8. Oktober 1935 in Reichenbach im Vogtland. Das Vogtland gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Monate zur amerikanischen Besatzungszone. Im Sommer 1945 wurde es von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen; seit 1949 war es ein Teil der DDR. In Reichenbach besuchte ich bis 1950 die Grundschule. In Bad Saarow in der Mark und in Templin in der Uckermark besuchte ich die Oberschule. Mein besonderes Interesse für Sprache und Literatur entdeckte ich an der Oberschule in Templin. Es lag nahe, Germanistik zu studieren. Die ersten zwei Jahre des Studiums verbrachte ich in Berlin (Ost), an der Humboldt-Universität. Aber das Studium der deutschen Literatur an der Ostberliner Universität war für mich unbefriedigend. Ich hatte in den ersten Semestern den Eindruck, das Studium sollte eher der politischen Indoktrination als der literarischen Ausbildung dienen. Deshalb wandte ich mich vom Literaturstudium und von der Ostberliner Universität ab. Im Jahre 1956 wechselte ich zur Universität Leipzig über und konzentrierte mich im Germanistischen Seminar von Prof. Theodor Frings auf das Studium der Sprache.

Fast folgerichtig trat ich nach dem Abschluß des Studiums im Jahre 1959 in das Institut für deutsche Sprache und Literatur der Ostberliner Akademie der Wissenschaften ein, das auch von Theodor Frings geleitet wurde. 1960 schloß ich eine Dissertation ab, die 1966 im Ostberliner Akademie-Verlag erschien. Sie stellt die strukturelle Beschreibung des Lautsystems eines ostdeutschen Dialektes dar (Phonologie des Ostvogtländischen). Untersuchungen über das Verhältnis von Dialekt, Umgangssprache und Standardsprache führten zur Publikation des Buches Phonologische Studien zur Sprachschichtung, 1973. Ein anderes Interessengebiet war die Satzmelodie, die Intonation der deutschen Sprache. Gemeinsam mit Alexander Isa≤enko veröffentlichte ich 1970 A Model of Standard German Intonation.

Eine Verbindung zwischen Sprache und Literatur suchte ich auf wissenschaftlichem Gebiet durch die Untersuchung der linguistischen Grundlagen des Reims. Es entstand die Arbeit Über Phonologie und Poetik, erschienen 1969.

Im Jahre 1969 begann ich, Prosatexte zu schreiben. Seit 1974 fanden in Ostberlin private Zusammenkünfte von Schriftstellern aus Ost und West statt, die von Günter Grass angeregt waren. Bei diesen Zusammenkünften wurden unveröffentlichte Texte vorgelesen und kritisiert. Ich habe an diesen Zusammenkünften von 1974 an teilgenommen und meine Texte vorgestellt. Der private Kreis ost- und westdeutscher Schriftsteller war in der DDR meine einzige literarische Öffentlichkeit. Meine Versuche, Prosatexte in der DDR zu veröffentlichen, scheiterten an der doktrinären DDR -Kulturpolitik.

Neben meiner Arbeit in der Akademie der Wissenschaften und neben meinen Prosa-Arbeiten war ich als Übersetzer literarischer Texte aus dem Niederländischen und dem Englischen tätig.

1976 unterschrieb ich einen Protestbrief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Die Teilnahme an dieser Protestaktion hatte zur Folge, daß ich Anfang 1977 der Akademie der Wissenschaften verwiesen wurde und keine weiteren Übersetzungsaufträge von DDR-Verlagen erhielt. Seit Anfang 1977 war ich arbeitslos. Durch die Vermittlung von Günter Grass fand ich Kontakt zum Rowohlt Verlag. Im Rowohlt Verlag veröffentlichte ich im Sommer 1977 meine in der DDR entstandenen Prosatexte unter dem Titel Versuchte Nähe. Nach dieser Publikation wurde ich in der DDR als Staatsfeind behandelt. Die politische und gesellschaftliche Isolation, die zudem mit der Androhung einer Gefängnisstrafe verbunden war, veranlaßte mich, die DDR zu verlassen. Im Dezember 1977 siedelte ich in die Bundesrepublik Deutschland über. Nach länger währenden Pausen, die durch die Probleme der Entwurzelung und der Orientierung bedingt waren, nahm ich meine literarische Arbeit wieder auf. Ich begründete meine Existenz als freiberuflicher Schriftsteller in West-Berlin.

Im Jahre 1980 veröffentlichte ich ein Kinderbuch mit dem Titel Der Sprachabschneider, das den Verzicht auf das Denk- und Sprachvermögen und dessen Folgen zum Gegenstand hat, also eine Metapher für Opportunismus, Zensur und Selbstzensur darstellt.

1984 erschien eine Sammlung von zehn Texten unter dem Titel Irgend etwas irgendwie, die sich mit meiner persönlichen Situation nach dem Wechsel von Ost nach West beschäftigten. 1985 publizierte ich ein kleines Buch mit dem Titel Mechanik, in welchem die Lebens- und Todesgeschichte eines Mannes rekonstruiert ist, der 1940 der Nazi-»Euthanasie« zum Opfer fiel. 1986 erschien mein historischer Roman Tallhover. Dieser Roman ist die fiktive Biographie eines Beamten der politischen Polizei in Deutschland. Tallhover verkörpert das Prinzip der perfekten Überwachung Andersdenkender, das Prinzip der personellen und institutionellen Kontinuität der Verfolgung von Oppositionellen unter allen deutschen Regimen von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. 1987 erschien eine Sammlung von Erzählungen unter dem Titel Ostwestberlin. Alle Texte dieses Buches nehmen Bezug auf Berlin. Zeitlich reichen die Themen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. 1992 erschien mein zweiter Roman, Schott, der letztlich das Verhältnis von individueller Freiheit und totalitärer Macht zum Gegenstand hat. Auch 1992 habe ich Aufsätze, Reden, Gespräche und Kurzprosa veröffentlicht (Über Dreck, Politik und Literatur) sowie eine Sammlung von Beiträgen herausgegeben, die von den Einsichten bei der Lektüre der Stasi-Akten handeln (Aktenkundig).

Ich danke Ihnen für die Wahl zum Mitglied der Akademie.