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Emil Skála

Emil Skála

Germanist
Geboren 20.11.1928
Gestorben 17.8.2005
Mitglied seit 1992
Friedrich-Gundolf-Preis

Vorstellungsrede

Herr Präsident! Verehrte Mitglieder und Freunde der Akademie!

Im Frühjahr waren Sie in Prag. Diese Stadt mit dem heimlichen Herzschlag »läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen«, schrieb Kafka in seinem Brief vom 20. Dezember 1902 an Oskar Pollak. Prag lebt weiter in seiner vielfältigen Literatur, die im Augenblick ihrer Gefährdung und ihres Untergangs eine späte Blüte und Größe gewann. Die Prager Literatur trug zum Glanz des alten Europa bei; sie trägt aber auch Keime zu einer neuen Zeit in sich.

Sie haben einen Prager in Ihre Gesellschaft aufgenommen – wenn sich der Neuling, der seit 1947 in Prag lebt, so bezeichnen darf. Es ist eine außergewöhnliche Ehre für die tschechische Germanistik. Ich empfinde diesen Akt auch als eine Geste dafür, daß das Herz Europas wieder anfing zu schlagen, um es mit Václav Havel zu sagen.

In meiner Heimat gilt es als ungezogen, über sich selbst zu sprechen. Diese Scheu versuchte uns der reale Sozialismus auszutreiben: wir mußten lernen – und es war eine lange und mühsame Lehre –, den sozialistischen Obrigkeitsstil zu Papier zu bringen, ohne den das Überleben eines Intellektuellen kaum möglich war. Bei allen möglichen Anlässen – auch vor jeder Reise ins befreundete Ausland – mußten Kaderfragebögen bis ins dritte und vierte Glied wie in der Nazizeit ausgefüllt werden. Man wußte aber auch, was Anstand, was Ethik ist. Wir sagten uns: alle Intellektuellen können doch das Land nicht verlassen, es dem großen Bruder überlassen. Für diese Entscheidung sind wir mehrfach bestraft worden, auch heute noch.

Da ich von der eigenen Beschaffenheit zu berichten habe, fange ich in meiner Heimat an. Ich bin geboren an der tschechisch-deutschen Sprachgrenze im Kreis Pilsen in Westböhmen. Zu Hause wurde tschechisch gesprochen, mit den Nachbarn egerländisch; – das ist ein Idiom, das es für Deutsche mit dem Schweizerdeutschen im Oberwallis aufnehmen könnte, für Sprachhistoriker ein Leckerbissen mit gestürzten Diphthongen, Konjunktiven auf -et, -at, nur aus konsonantischen Phonemen bestehenden Wörtern wie im Tschechischen, Rhotazismus von intervokalischem t und d, Lehnwörtern aus dem Tschechischen, das natürlich ›das Böhmische‹ heißt. Es gehörte zu den guten Gepflogenheiten unseres Landes, die Mitbürger der anderen Nationalität in ihrer Sprache anzusprechen. Da hätten die Welschschweizer bei uns in die Lehre gehen können.

Als ich 4 Jahre alt war, hat mir ein jüdischer Arzt das Leben gerettet. Meine Jugend war von harter Arbeit geprägt. Schillers Lied von der Glocke war in den Genen aller Böhmen, egal ob böhmischer oder deutscher Zunge, eingeprägt. Man nannte uns die Preußen von Österreich in Wien. Diese Böhmen wußten, was ihre Arbeit wert war.

Bis in das Jahr 1938 herrschte Frieden und gegenseitige Toleranz, niemand stellte sich auf die Hinterbeine, wenn er die andere Sprache sprechen sollte. Die erste Republik, als deren Kind ich mich bezeichne, war der einzige demokratische Staat in Mitteleuropa neben der Schweiz. Im Unterschied etwa zum Elsaß gab es sehr zahlreiche deutsche Schulen. Hochdeutsch lernte ich von der dritten Klasse der tschechischen Grundschule an. Bald kamen viel gewichtigere Lehren hinzu: am 1. Oktober 1938 wurde dicht an meinem Heimatort vorbei die neue Grenze des großdeutschen Reiches gezogen. In unserem Haus gegenüber der Bürgerschule wohnten plötzlich vier tschechische Lehrer, die aus dem Sudetenland verjagt wurden. Der Ort war überfüllt mit Flüchtlingen, die nicht für das Reich optiert haben. Elf Monate danach fing der Krieg an, es gab Luftangriffe auf das Industriezentrum Pilsen mit zahlreichen Toten. Aus unserem modernen Gymnasium, das den Namen von Thomas Masaryk trug, wurden wir vertrieben, ein Lazarett wurde installiert. Vormittags mußten wir, dünn wie ein Spagat, wie es bei uns so schön heißt, Luftschutzbunker bauen, nachmittags gab es Unterricht. Als Protektoratsangehörige bekamen wir deutsche Kennkarten mit dem Reichsadler und Hakenkreuz, darunter winzig wie ein Fliegendreck – um es mit Haçek zu sagen – die Landeswappen von Böhmen und Mähren. Über die nahe Protektoratsgrenze durften wir nicht, lediglich einmal im Jahr zu Allerseelen auf das Grab meiner Großeltern, das nun plötzlich im Sudetenland lag. Im Gymnasium wurde uns der Schädel gemessen, wir wurden in vier Kategorien eingeteilt. Die Hälfte sollte umgevolkt werden, für die andere Hälfte war nach dem siegreichen Krieg die Vertreibung und Vergasung vorgesehen. Der Mädchenname meiner Mutter war Böhm. Das war für die Gestapo ein gefährlicher Name: unser Haus wurde zugunsten des großdeutschen Reiches konfisziert, Theresienstadt war in Sicht.

Am 6. Mai 1945 weckte mich meine Mutter mit den Worten »Die Amerikaner sind da.« Wir dachten, daß die amerikanischen Panzer in zwei Stunden in Prag sein würden. Es ist bekanntlich anders gekommen. Nun brachte meine Mutter in der Nacht unseren deutschen Nachbarn, die ihre Häuser verlassen mußten und eine weiße Armbinde tragen mußten, heimlich Lebensmittel in ihre neue Behausung. Bald senkte sich eine noch längere Nacht über unser Land.

Noch vor der Machtübernahme fing ich an der philosophischen und naturwissenschaftlichen Fakultät der Karlsuniversität in Prag an, die Fächer Germanistik, Anglistik, Geographie und Geologie zu studieren. Diese Fächerkombination war aber gar nicht nach dem Geschmack des neuen Regimes. Als Parteiloser mußte ich als Lehrer ins ehemals deutsche Gebiet, wo niemand hinwollte. Meine Rückkehr nach Prag ermöglichte der berühmte Bohemist Prof. Havránek, dessen Seminare ich besuchte. Er setzte sich für mich beim Schulminister ein. Dann folgte die Promotion, Einladung nach Leipzig von Theodor Frings, zwei Jahre harten Ringens mit dem Schulministerium und nach weiteren vier Jahren die Habilitation in Leipzig mit der Arbeit Die Entwicklung der Kanzleisprache in Eger von 1310 bis 1660 für die Fächer deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur. Erst nach 25 Jahren bekam ich die Professur, obwohl die Stelle die ganze Zeit vakant war. Die Arbeit, dreimal mehr als die Genossen, durfte ich machen, freilich nur im sprachwissenschaftlichen Bereich. Die Literaturwissenschaft war Tabu für Parteilose.

Von der Philologie, der Sprachwissenschaft und den Naturwissenschaften herkommend, enzyklopädisch veranlagt, habe ich bald meine Fragestellungen auf die deutsche Sprache in der Tschechoslowakei ausgeweitet: die Überlieferung der Städte in Böhmen und in der Slowakei, die Dialektologie und die Erforschung des Egerländischen und des Prager Deutsch. Die Sprachgeographie und die Onomastik sind spannende Wissenschaften, in die das Leben und Weben ganzer Generationen eingegangen ist. Sprachhistorische Fächer waren für die Obrigkeit unliebsame Wissenschaften; das Glück soll erst Anno 1948 begonnen haben. – Ich habe in der Tschechoslowakei – 1968 auch in Süddeutschland und in Südtirol – ein umfangreiches Archivmaterial aufgearbeitet, habe interdisziplinäre Exkursionen mit meinen Studenten ohne jede weitere Hilfe Jahr für Jahr aufgebaut, die alle für uns erreichbaren mitteleuropäischen Länder von Thüringen bis Siebenbürgen umfaßten, auch in unbekannte Orte von Rang wie etwa Bílá Voda/Weißwasser in Schlesien, hart an der Grenze zu Preußisch Schlesien, mit großer musikalischer Tradition (Dittersdorf) und literarisch potenter Landschaft (Eichendorff) mit einem Finale bei Leo‰ Janá≤ek in Hukvaldy. In der Slowakei gab es Unterricht in der deutschen Sprachgeschichte bei einem Hammermeister in Metzenseifen, im Böhmerwald oder in Thüringen bei Glasbläsern. Viele Studenten – auch die später schriftstellernden und Übersetzer – denken gern an diese Exkursionen zurück. Lautgesetze sind wichtig, geschrieben werden sie vom Leben:

So wurden neue Wörter gefunden, ganz im Sinne von Ernst Stadler. In seinem Gedicht »Der Spruch« heißt es:

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort.

Philologie und Sprachgeschichte bringen es mit sich, daß man sich mit dem Wort bzw. mit dem Lexikon befaßt. So bin ich schon drei Jahrzehnte vor zwei Lexika gespannt, ein tschechisch-deutsches und ein deutsch-tschechisches. Man wird zur Auskunftei für Übersetzer: wie übersetzt man Spirgeln bei Siegfried Lenz? Was sind Ronnen? Was heißt Klingenberg, was Elbleiten? René Schickele hat es getroffen: »Grenzvögel sind zweisprachig.«

Zwei- und mehrsprachig wird auch die Zukunft Europas sein. Jeder selbst, nicht die Obrigkeit, wird die Zweitsprache bestimmen.

Neben den Herrschenden dieser Welt nimmt sich die Zahl derjenigen, die neben ihrer Muttersprache auch noch weitere Sprachen beherrschen, recht klein und unansehnlich aus. In meiner böhmischen Heimat heißt es: »Du bist so viele Male Mensch, wieviel Sprachen Du sprichst.« Seit Jahrtausenden gehen Mehrsprachigkeit und Kultur Hand in Hand. Sprachen und Völkerkreuzungen waren schon immer bedeutende Gebiete vollendeter Synthese der materiellen und kulturellen Werte.

Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Möglichkeit geben, bei Ihnen frei zu sagen, was mich bewegt, daß ich bei Ihnen mitdenken kann: »von vogelwât ist mein pflug«. Abschließen möchte ich mit dem unvergeßlichen René Schickele:

Freunde; es war eine elende Zeit!
Zum zweitenmal überlebte ich sie nicht.