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Walter Helmut Fritz

Walter Helmut Fritz

Schriftsteller
Geboren 26.8.1929
Gestorben 20.11.2010
Mitglied seit 1971

Vorstellungsrede

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren, Lichtenberg hat eines Abends, als er darüber nachdachte, was er im Hinblick auf den verflossenen Tag aufschreiben könnte, lediglich notiert: »Hinlänglicher Stoff zum Stillschweigen«. Eine unauffällige außerordentliche Bemerkung. Sie fiel mir ein, als ich überlegte, was ich Ihnen hier in ein paar Minuten von mir sagen könnte. Dem Impuls, der sich im Zusammenhang mit der Notiz Lichtenbergs ergibt, zu folgen, wäre freilich ein schlechter Dank dafür, daß Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben.
Deshalb wenigstens ein paar Worte zu dem, was mich vor allem beschäftigt. Ich schreibe nicht nur Gedichte, sondern auch erzählende Prosa, auch Aufzeichnungen, die stellenweise in die Nähe des Gedichts reichen, in denen ich versuche, Gedanklichkeit als Erscheinungsform des Sinnenhaften, als Vorgang innerhalb der Imagination zu verstehen. Aber Lyrik ist die Mitte meiner Arbeit geblieben. Was ich suche, ist das Gedicht in jenem schwebenden Gleichgewicht, in dem möglichst viele der Unterschiede aufgehoben sind, die man in theoretischen Auseinandersetzungen über Wesen und Aufgabe des Gedichts machen kann. Das bedeutet, daß das Schreiben vor allem tastenden Charakter hat. Das Ziel ist – soviel läßt sich festhalten – das Gedicht als Abbreviatur, als Existenz-Konzentrat, das nicht in erster Linie Emotion, sondern Erkenntnis will, das nicht über etwas redet, sondern sich seine spezifische »Wahrheit« schafft.
Nun, das ist das Ziel. Bei dem Versuch, es zu erreichen, sind Unsicherheiten und Ratlosigkeit im Spiel, Unwägbares, Zufälliges, scheinbar Abgelegenes, die Erfahrung, daß – nach Goethes tiefer, in den Wahlverwandtschaften formulierter Einsicht – »jedes ausgesprochene Wort den Gegensinn« erregt. Es läßt sich nicht vergessen – und das ist gut – wie lange es dauert, bis man wenigstens ein paar Schritte weit klarer sieht; wie groß die Mühe ist, Umrisse festzuhalten inmitten all dessen, was sich von Augenblick zu Augenblick ändert, was ständig entgleitet, entschwindet; wie groß die Differenz bleibt zwischen dem, was man – bei neuen Plänen – vor sich zu sehen glaubt, und dem, was entsteht. Die Schwierigkeiten wachsen mit jedem Versuch. Doch zugleich gibt es den immer erneuerten Antrieb, mit etwas zu Rand zu kommen, ein Stück weiterzukommen.
Ich denke, es ist am besten, ich lese Ihnen als Beispiele zwei Gedichte vor, die ich in letzter Zeit schrieb.


Schattenrisse

Sie sollten so sparsam
wie möglich sein,
meinte Etienne de Silhouette.
Die billigste Bildnisart.

Keine Nachrichten
vom Leben der Gefühle

von Überlegungen
zu unverstandenen Vorkommnissen

von Antworten,
die einer sucht
auf das Schweigen des andern.

Keine offenen Augen,
die man auch betrachten könnte,
wenn man das Bild umdrehte.

Nur ein Schatten,
nicht zu durchdringen.


Aufgeschrieben in Istrien

Der Abend in Piran
ein weiter Hang.
Der vorbeieilenden Zeit
Fallen stellen.

Lernen, sich auf eine
Kleinigkeit zu stützen.

Jede Eitelkeit vergessen.
Einen unerfüllbaren
Wunsch bewahren.

Dann und wann ein Wort,
das man lange angeschaut hat.