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Ursula Krechel

Ursula Krechel

Schriftstellerin
Geboren 4.12.1947
Mitglied seit 2012

Vorstellungsrede

 

Verehrte Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, liebe Damen, liebe Herren,
Ist eine solche Rede Pflicht oder Kür? Zweifellos legt sie gewisse Regeln nahe. Durch diese hohle Gasse. Die Rede hat eine Formvorgabe, ein Zeitlimit, sie ist eine rhetorische Visitenkarte, zugleich eine Sonde in das Eigene, was bei Schriftstellern in das Zentrum des Ästhetischen trifft. Ja, alles ist denkbar, aber nur das Eigene ist vertretbar. Sie ist ein Ballon, der aufsteigt in die blaue Luft, in der früher gewählte Akademiemitglieder schon lange schweben, wenn sie nicht auf gepolsterten Stühlen sitzen.
Geboren wurde ich im Winter 1947, und vier Tage später, also bedenklich früh, als traue man der Lebenskraft des Neugeborenen nicht, römisch katholisch getauft. Es war ein bitterkalter Winter, das betraf nicht nur die Temperatur. Schön waren die Eisblumen am Fenster und die römischen Gebäude in meiner Heimatstadt Trier. Stehen gebliebene Ruinen zwischen frisch Ruiniertem. Es war »die schlechte Zeit«, sagte man, so dass ich früh zu grübeln begann, wann denn die Zeit gut gewesen war. Der Krieg war »verloren«, sagte man, also musste es doch eine Vorstellung gegeben haben, dass er zu gewinnen war — und was dann. Das waren schwere Gedankenvorhänge im Kopf eines Kindes. Es spürte die Verheerungen und die Versehrtheiten, den Schauder.
Schön war zu jeder Jahreszeit das Pfingstwunderliche in der Stadt. Sie hatte eine französische Besatzung, und es war reizvoll, den Mund so zu verziehen, als spräche man Französisch. Die französischen Soldaten trugen olivfarbene Uniformen; manche hatten sehnsüchtige Augen. Am Wochenende kamen ihre Mütter und Väter, beäugten die Deutschen, ob sie grob seien zu ihren Söhnen, so wie sie in Frankreich gewütet hatten. Und es kamen die Luxemburger, heitere, genussfreudige Menschen, saßen in den Cafés und häuften sich zwei, drei Stücke Torte auf den Teller. Sie sprachen das Moselfränkisch, das unser missachteter Dialekt war, mit einem stolzen Selbstbewusstsein, und so tönte er auch aus dem Radio. Und vom nahen Standort Bitburg, wo sich später Kohl und Reagan über SS-Gräbern die Hand reichten, kamen amerikanische Soldaten. Sie trugen keine Uniformen, sie hatten sich stadtfein gemacht mit Hawaiihemden, und es gehörte zum guten Ton, dies geschmacklos zu finden. Und all dieses Sprachengemisch wurde an den Festtagen eingehüllt vom Lateinischen. Prozessionen, Pilgerwege, Segen, der erteilt wurde, Blumenblätter, die gestreut, Mädchen, die ohnmächtig wurden. Ich mochte das Lateinische sehr, man musste nicht den Mund verziehen, denn niemand wusste, wie die Römer gesprochen hatten und die trierischen Römer sprachen die Sprache nur in ihren frommen Formeln. Ich mochte die Logik der Sprache, die mich ahnen ließ, jede Sprache habe ihre eigene Logik, Bauformen, mit denen sich spielen ließe. Nur bei der vertrauten Sprache merkte man es nicht gleich. Ich hätte auch gerne Griechisch gelernt, doch dazu hätte ich die Schule wechseln müssen, zu einem altsprachlichen Gymnasium. Das verboten mir meine Eltern; sie denunzierten meinen Wunsch als ein Begehren, in einer Klasse von Jungen zu sein. Begehrenswert schien mir die griechische Sprache, die Verkörperung von Philosophie. Schmerzhaft war der Ausschluss, das Bewusstsein anderer Ausschlüsse, das Analysieren der Ausschlüsse. Ich verbrachte viel Zeit in der Stadtbibliothek, schob Karteikästchen auf und zu, las, schrieb, so stellte ich mir eine Existenz vor, die mir gefiel. Eine Verpuppung, eine Verknappung, eine Verdichtung. »Die wesentliche Einsamkeit«, von der Maurice Blanchot spricht.
Mit diesen Vorbedingungen hätte eine disponible sprachliche Existenz entstehen können, eine Rezeptivität. Oder nur ein Pêle-Mêle, das eine standhafte Wegweisung gebraucht hätte. Doch etwas anderes geschah: Es entwickelte sich ein Hinhören, Hinschauen, ein Lesen von Gedanken und Empfindungen. Ich starrte auf die Münder, die fremde Sprachen sprachen, ich las Bücher und verstand sie nur so ungefähr, aber das machte nichts. Und es stellte sich mir die Frage: Was sagen die Menschen wirklich, die ich nur ungenau verstehe? Was könnten sie sagen? Es war der Versuch, einen fremden Blick auf das Nahe zu werfen. Darin war eine Erregung, ein Zauber, eine Gewissheit: Ich muss etwas zur Sprache bringen, was verborgen ist. Ich muss das, was ich nicht verstehe, selbst artikulieren, ich muss den Mund, der sich spitzt, selbst natürlich machen: mit anderen Worten, es ging um Sprachfindung, Sprachempfinden, ja, auch um ein emphatisches Zur-Sprache-Kommen, was einer zweiten Geburt gleichkommt. Warum weint das Kind? Warum zögert jemand zu sprechen? Warum schweigt jemand? Warum schweigt jemand beharrlich? Warum sieht er nicht den Wunsch im Gesicht der Fragenden? Es war ein Versuch. Ich habe ihn fortgesetzt.