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Ursula Bredel

Sprachwissenschaftlerin und Sprachdidaktikerin
Geboren 1965
Mitglied seit 2018

Vorstellungsrede

 

In meinem ersten eigenen Buch trat eine Meise auf. Sie hatte ein verzwicktes Problem zu lösen. Dafür setzte sie sich eine „Denkbrille“ auf und verwandelte sich im selben Augenblick von einem arglosen Feld-Wald-Wiesen-Wesen in eine Akademikerin. So einfach ist es im wahren Leben leider nicht. Und noch viel weniger leicht wird ein Feldwesen zu einem Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. – Ich will versuchen zu beschreiben, wie es dazu kam:

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz (ein Metzger, zwei Bäcker, drei Fernsehprogramme), umgeben vom verlässlichen Rhythmus der Jahreszeiten, von liebenden Eltern, eigenwilligen Großeltern, zwei wunderbaren Schwestern, von Feldern und Weinbergen, in einer Gegend mit einem robusten Dialekt und – unvermeidlich – einem alteingesessenen Katholizismus: Vermehrt an Feiertagen, aber auch sonst, geisterten sich bekreuzigende Witwen durchs Dorf. Allein ihr Geruch (ein Mix aus Mottenkugeln und Talg) konnte einem jede Lebensfreude nehmen. Das Niederdrückendste aber war, dass sich diese Leute die Deutungshoheit anmaßten. Alle Fragen hatten sie – in der lebensfeindlichsten Form – beantwortet, bevor sie gestellt waren. Solche, auf die sie keine Antwort hatten, gehörten sich nicht. Denkbrillen unerwünscht.

In den 1970er Jahren dann der erste Knacks: Es tauchten, wenn auch vorerst nur versprengt, „Langhaarige“ auf. Die frechsten Mädchen begannen, Minirock zu tragen und auf der Straße zu rauchen. Noch heute verbinde ich den Geruch von selbstgedrehten Zigaretten mit Freiheit. Mitte der 1980er Jahre war aus dem Knacks ein formidabler Riss geworden: Mein Abitur fiel in die Zeit von Global 2000, No Future, Frauenbewegung, Punk, Atomkraft Nein Danke, Jute statt Plastik, Startbahn West. Das Leben war in die angenehmste Unruhe geraten. In Bewegung geriet es, als ich das Studium der Germanistik, Publizistik und Musikwissenschaft an der FU Berlin aufnahm, wo überall und ständig debattiert wurde. Denkbrillen en masse.

Aber noch war ich dem allem nicht gewachsen: Mein erstes Referat – über Grimmelshausens Simplizissimus – hielt ich, es ging nicht anders, auf Rheinhessisch. Auch inhaltlich war es ziemlich ärmlich. Aber dann ging es voran. Ich lernte die Standardsprache, las Schriften von Freud, Adorno, Marcuse, Mitscherlich, Theweleit, Habermas, Holzkamp, nahm an unzähligen Diskussionen und Lektüregrüppchen teil und studierte nach und nach den Gebrauch der Denkbrillen ein. Es waren die großen Fragen, die uns damals interessierten, Weltveränderungsphantasien. Viele von uns, auch ich, glaubten, dass Erziehung und Bildung der Schlüssel für gesellschaftliche Veränderungen sind, und wir wollten Teil dieser Veränderungen sein. Ich stellte mein Studium aufs Lehramt um.

Von nun an ging es nicht mehr nur um die großen Theorien, sondern zunehmend um die genaue Erfassung der deutschen Sprache und Literatur – auch als Unterrichtsgegenstand. Die Sprachwissenschaft hatte es mir besonders angetan. Ich befasste mich weit über das geforderte Maß hinaus mit Grammatik und Pragmatik, vertiefte mich außerdem in die Erziehungswissenschaft, in Lerntheorien und in meine zweite Fachrichtung, die Mathematikdidaktik, beteiligte mich an hochschulpolitischen Debatten, wurde Tutorin und Hilfskraft und lernte die Universität so auch von innen kennen. Ich erfuhr, was Max Weber das „Erlebnis“ der Wissenschaft nennt. Dann kam das Referendariat. Die Hoffnungen auf das gesellschaftsverändernde Potenzial der Schule waren zwar schon weitgehend verraucht, aber das hatte ich dann doch nicht erwartet: Denkbrille ablegen und bereit sein für eine geistlose Abrichtung, die uns als Sachzwang verkauft wurde. Das einzig Lebendige waren die Kinder.

Als ich nach dem 2. Staatsexamen eine erste Klasse übernahm, bemerkte ich einmal mehr, wie wenig ich gelernt hatte. Einige der Erstklässler kamen scheinbar mühelos voran, ganz ohne mein Zutun; denen, die nicht von sich aus die richtigen Lösungen fanden, hatte ich kaum etwas zu bieten. Es zog mich zurück an die Universität und dort in die Sprachdidaktik. Ich wollte Lernprozesse besser verstehen und mit künftigen Lehrkräften fundierte und funktionierende Lehrkonzepte entwickeln. Also setzte ich die Denkbrille wieder auf und begann meine Assistenzzeit an der Universität zu Köln, wo ich mich vor allem mit Fragen der Schrift und ihrer Aneignung beschäftigte. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der deutschen Orthographie begann ich zu begreifen, was die erfolgreichen Erstklässler ohne meine Hilfe geleistet hatten: Sie hatten die Systematik der Schrift selbständig entdeckt. Ich arbeitete also an geeigneten Instrumenten, die es auch denen, die nicht von selbst darauf kommen, erlauben, das System sehen zu lernen.

Mein beruflicher Weg führte mich unterdessen an die PH Karlsruhe, wohin ich meinen ersten Ruf erhielt, und nach einem kurzen Zwischenspiel erneut in Köln weiter an die Stiftung Universität Hildesheim, in der die Lehrerbildung einen zentralen Stellenwert einnimmt und die mich – unverhofft – auch an den Beginn meiner Interessen für das Deutsche zurückführte, das nicht nur der Sprache, sondern auch der Literatur gilt. Am Hildesheimer Institut für deutsche Sprache und Literatur arbeiten wir in Forschung und Lehre gemeinsam daran, Zusammenhänge zwischen sprachlichem und literarischem Lernen sichtbar und fruchtbar zu machen.

Die Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist schon deshalb eine glückliche Fügung, und ich danke für das Vertrauen in ein neues Mitglied, das sich nicht nur für deutsche Sprache und Literatur interessiert, sondern zugleich für diejenigen, die auf dem Weg dorthin sind. Und während ich dies schreibe (es ist Mitte April 2019), brüten – kein Witz – im Vogelhaus auf meiner Terrasse, das jahrelang unbewohnt war: Meisen.