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Peter Bichsel

Peter Bichsel

Schriftsteller
Geboren 24.3.1935
Mitglied seit 1985

Vorstellungsrede

 
Sich selbst vorstellen – das kann ja auch heißen, daß ich mir von mir selbst eine Vorstellung machen soll. Das eine wie das andere kann peinlich sein. Gesichert ist der Fakt, daß ich am 24. März 1935 in Luzern in der Schweiz geboren worden bin. Nur war ich sozusagen nicht dabei, und ich habe dieses Datum später nur auswendig gelernt. Es wurde mir beigebracht. »24. März« hat trotzdem für mich einen anderen Klang als andere Daten. 1938, 1939 setzt mein Gedächtnis ein. Ich hatte einen Vater, Handwerker, der mir schon damals einiges an Welt erklärte. Er mußte zum Militär, und meine Mutter und ich haben ihn einmal an einem Sonntag besucht. Er stand Wache, und wir durften nur bis auf sechs Meter an ihn heran. Das war sehr schwer für den 4jährigen. Das Militär hat keine Rücksicht genommen auf meine körperlichen Gefühle. Ich weiß, daß Gleichaltrige hier andere, schwerere Erlebnisse hatten mit Vätern. Mein Vater kam, wie fast alle Väter in unserem Land, wieder zurück. Mein Vater war ein überzeugter Antifaschist, aber wäre er es nicht gewesen – es gab auch andere Väter in unserem Land –, wäre er es nicht gewesen, ich hätte damit nie meine Schwierigkeiten bekommen. Niemand in unserem Land hat Schwierigkeiten bekommen mit der falschen politischen Meinung des Vaters, und die Väter meist auch nicht. Ich bin im Lande der voreiligen Unschuldigkeit aufgewachsen. Wir nannten das, was geschah, auch Krieg. Ich war auch ein Kind im Krieg. Aber der Krieg war abwesend. Meine Eltern mögen Angst gehabt haben. Aber sie haben jede Angst von mir ferngehalten. Es war schön, auf den autofreien Straßen zu spielen, und der Polizist, der uns wegjagte, drohte uns mit Frieden: »Wartet nur, Buben, bis Frieden ist«. Aber ich erinnere mich, daß ich den Krieg ernst nahm. Und daß ich als kleines Kind gelitten habe mit jenen, die wirklich litten. Nach dem Krieg wurde auch ich dann zum Schweizer. Zu jener Wundersorte von Mensch, die aus dem Paradiese kam. Inzwischen hat das Schweizer Modell Schule gemacht: Man fördert den Krieg und hält ihn von sich fern. Und wir befinden uns jetzt alle nicht mehr im Krieg. Wir nennen nun den Krieg nur noch dann Krieg und empfinden ihn so, wenn er anwesend ist. Also nicht, wenn er im Libanon ist, nicht wenn er in Chile ist und in Afghanistan, nicht wenn er in Libyen ist. Nicht wenn er in Korea ist, in Vietnam – wie lange das schon her ist! Ich fürchte mich, mir von mir eine Vorstellung machen zu müssen. Mein Kopf ist besetzt: Tschernobyl – ich bin inzwischen so verschweizert, daß ich auch das von mir fernhalte wie den Krieg. Ich reagiere mit Lähmung. Man hält bei uns auch Tschernobyl für abwesend. Ich bin ein Erzähler. Erzählen macht das Leben erträglich. Aber Tschernobyl kann ich mir nicht mehr erzählen. Was nicht erzählbar ist, das ist unmenschlich. Ich kann zum Schreiner gehen und einen Stuhl erzählend bestellen. Ich kann ihm sagen: »Mein Onkel Fritz hatte so einen Stuhl, und der Fritz war so breit und hatte so einen Bauch, und er saß so auf dem Stuhl und der hatte so geschwungene Füße«, und der Schreiner kann mir so etwas ähnliches machen. Aber ich kann kein Atomkraftwerk erzählend bestellen. Auch deshalb sind sie unmenschlich. Ich bin ein Erzähler geworden, weil ich gerne erzähle. Inzwischen erzähle ich verzweifelnd. Ich kämpfe verzweifelt darum, daß das Erzählen auf dieser Welt nicht ausstirbt, denn ich glaube, daß die Menschheit das Ende des Erzählens nicht überleben würde. Die Unsicherheit und die Unentschiedenheit macht uns zu Erzählern – die Entschiedenheit und der Glaube an Sicherheit macht Atomkraftwerke und Kriege. Ich komme aus einem Land voller Sicherheit und voller Unschuld, aus einem Land der Abwesenheiten. Ich fürchte, unser Modell macht Schule. Ich habe gelernt, daß ich am 24. März 1935 geboren bin. Ein zufälliges Datum, eine zufällige Staatsbürgerschaft, aber trotzdem schon fast meine ganze Biographie.