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Norbert Miller

Norbert Miller

Literaturwissenschaftler
Geboren 14.5.1937
Mitglied seit 1985
Sigmund-Freud-Preis

Vorstellungsrede

Dank an Darmstadt

Darmstadt spielt in meinem Leben, das ich auch nach längerem Grübeln nur als annehmlich ereignislos und ohne Signifikanz für den Weltgang ansehen kann, eine für die spätere Richtung meiner Interessen und Neigungen bestimmende Rolle. 1951 war ich für zwei Jahre, den mäandernden Berufswegen eines Beamtenvaters in der Nachkriegszeit nachtrottend, hierher und an das Ludwig Georgs-Gymnasium gekommen, dessen auf alle Zöglinge ausstrahlendes Selbstbewußtsein, die Schule Büchners, Liebigs, Stefan Georges und Carlo Mierendorffs zu sein, auf den gebürtigen Münchner rasch abfärbte. Mit aktiven Berufsplänen, als Architekt der Phantastik ihr Recht gegen den Konstruktivismus des Bauhauses zurückzugewinnen – in ihnen setzen sich die Kinderträume von der eigenen Rolle als Staatsmann oder Tenor unverbindlich, aber beharrlich fort –, war ich gekommen. Die extensive Leserei empfand ich, und empfinde ich noch heute in Augenblicken des schlechten Gewissens, als eine üble, wenn auch immer wieder lockende Angewohnheit. Zwei meiner Lehrer, deren Namen hier nichts zur Sache tun, hochfahrend im Bewußtsein des gleichrangigen Umgangs mit den Großen der alten Welt der eine, von zartester Empirie in der Begegnung mit dem dichterischen Text, von eindringlicher und suggestiver Fähigkeit, die Geistesgeschichte am Beispiel sprechen zu lassen, der andere, dazu von einem weiten Bildungshorizont, der Malerei und Musik gleichermaßen mit einschloß, veränderten für mich unversehens den Umgang mit den Büchern. Dichtung war auf einmal eine Welt gesteigerter Gleichzeitigkeit des Gedachten und Angeschauten, ein lebendiges, sich nach der Gegenwart zu ständig veränderndes Museum der Möglichkeiten und Hoffnungen, an dessen Erkundung und Erläuterung auch der passive Kopf, der bloße Rezipient einen sinnvollen Teil haben kann. Das ist natürlich eine Geschichtsklitterung, eine Selbstdeutung post festum. Aber das Grunderlebnis, Literatur und Kunst als Herausforderung an den Liebhaber zu verstehen, hat ohne Retuschen bis heute in mir nachgewirkt, vielleicht auch eine manchmal lästig ins Weite schweifende Neugierde für die historische Rekonstruktion und ein mitunter unbemerkt ausbrechender Tonfall der Emphase. Die Welt nicht zu verändern oder zu bestimmen, sondern sie in ihrem besten Teil nach Möglichkeit besser zu verstehen – das versprach und verspricht bis heute hinreichenden Lebensgewinn. Die Landesbibliothek öffnete ihre Schätze, das Theater unter Gustav Rudolf Seltner stellte die Theaterstücke von Garcia Lorca und Jacques Audiberti neben Shakespeare und Schiller. Wunder zuhauf.
Nach mehr als 30 Jahren komme ich, da Sie mir die Ehre zuteil werden lassen, den Literarhistoriker in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufzunehmen, nach Darmstadt zurück und finde, daß ich in den langen Jahren nicht viel anderes getan habe, als der damals undeutlich aufgenommenen Vision auf verschlungenen Wegen weiter nachzugehen. Für mich wichtige Autoren oder Schlüsseltexte zugänglich zu machen, literarischen oder geschichtlichen Zusammenhängen oder Stilumbrüchen in den Quellen nachzuspüren, auf andere Bücher oder Erklärungen hinzuweisen, sind bis heute die benachbarten Aufgaben gewesen, deren ich mich mit der beharrlichen Seßhaftigkeit des Altbayern angenommen habe. Die getrennten Rollen des Literaturwissenschaftlers, Editors und Kritikers habe ich dabei für die gleiche des angewandten Lesers und Betrachters gehalten und darum nie die eine der anderen grundsätzlich vorgezogen. Daß über die Jahre, die ich nun schon in glücklicher Ereignislosigkeit an der Technischen Universität in Berlin verbringe, die Gegenstände vielfältiger und schwieriger, die Verbindungslinien und Grenzen zwischen den Künsten, die nur als ein Ganzes im geschichtlichen Prozeß verstanden werden können, sowohl wichtiger, als auch mühsamer zu erkennen wurden, hat mir den Kampf mit der Hydra nicht verleidet. Ein Freund hat mir einmal wohlmeinend gesagt, wie viele Mosaiksteine auch immer man zueinander füge, eine Wölbung werde daraus nicht entstehen. Ich stimme seiner Kritik ganz zu: die geschichtliche Einsicht ist immer ans Ambiente gebunden, jeder weiterverfolgte Faden muß dazu aus dem Gewebe herausgehoben werden, keine vergangene Analogie erklärt die Gegenwart. Das Fremde, das nur Gedachte oder nicht Verwirklichte läßt sich nur aus der Affinität des Betrachters in seiner Besonderheit sichtbar machen in der Hoffnung, daß diese Besonderheit im Geschichtlichen die Gegenwart für einen Augenblick berührt. Im System hebt sich die Geschichte auf, werden die Exponate des imaginären Museums leblos. Wie unbeträchtlich meine künftigen Bemühungen sein mögen, zum Versuch einer Wölbung meines Museumsbaus will ich es nicht kommen lassen. Sie werden aus meinem Munde die herrschende, nämlich meine Lehre, nicht hören.