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Martin Meyer

Martin Meyer

Journalist und Publizist
Geboren 4.10.1951
Mitglied seit 1998

Vorstellungsrede

 

Am 4. Oktober 1951 hatte der Schriftsteller Thomas Mann eine seiner letzten großen Epiphanien. Er besuchte an diesem Tag das naturhistorische Museum von Chicago und war sogleich überwältigt von den Exponaten aus der Frühgeschichte des Lebens. In sein Tagebuch notierte er: »Etwas wie biologischer Rausch. Gefühl, daß dies alles meinem Schreiben und Lieben und Leiden, meiner Humanität zum Grunde liegt.«
Es ist natürlich blanker Zufall, daß ich just am 4. Oktober 1951 in Zürich geboren wurde. Auch blieb meine Biographie von der Koinzidenz – wie könnte es anders sein – zunächst völlig unberührt. Sie verlief, so gehört es sich für einen normalen Schweizer, unspektakulär. Mein Vater war Jurist, meine Mutter unterrichtete als Lehrerin; Kindheit und Jugend verbrachte ich, schön behütet, am Zürichberg. In Zürich besuchte ich das Gymnasium, und daselbst studierte ich Philosophie, deutsche Literatur und Geschichte. Ich promovierte bei Wolfgang Binder über Schiller und die Frühromantik.
Die Besorgnis meiner Eltern, daß daraus »nichts Rechtes« werden könne, mochte Gründe haben. Ich zerstreute sie aber, als ich im Sommer 1974 – mir selbst überraschend – in die Feuilleton-Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung aufgenommen wurde. Das verdankte ich der wohlwollenden Neugier von Hanno Helbling. Schnell merkte ich dann, was Sie wohl nicht sehr überraschen dürfte: die NZZ ist eine bemerkenswerte, das freie Denken fördernde Institution.
Zurück zu Thomas Mann. Zwei Monate nach seinem Chicago-Erlebnis, das Thema nochmals aufgreifend, schrieb er wieder im Journal: »Alles hat angefangen und wird aufhören, es wird wie vorher raum- und zeitloses Nichts sein. Das Leben auf Erden eine Episode, so vielleicht alles Sein ein Zwischenfall zwischen Nichts und Nichts.«
Mittlerweile hatte ich begriffen, daß sich aus der Koinzidenz auch so etwas wie Bedeutung herstellen läßt – wenn man die Schraube ein wenig anzieht. Und wenn ich also heute über diese Sätze nachdenke, so fällt mir auf, daß meine intellektuellen Interessen etwas damit zu tun haben könnten. Mein früher Lehrer Hermann Lübbe zeigte mir nämlich, daß die Geschichtsphilosophie zwar ein überzogenes Bedürfnis nach Sinnfindung darstellt, daß sie aber zugleich einem Bedürfnis der conditio humana entspricht: wir wollen nicht einfach existieren als Zwischenfall zwischen Nichts und Nichts.
Weniger die Substanz als die Funktion von Geschichtsphilosophie beschäftigte mich fortan: die Figur von Entlastung, die sie unserer Endlichkeit anbietet. Dazu gaben mir das Werk von und die vielen Gespräche mit Hans Blumenberg wichtige Hinweise. Wir sind genötigt, Welten des Geistes, der Einbildungskraft, des Ästhetischen zu schaffen. In solchem Welten kristallisiert – manchmal schön, manchmal schrecklich –, was den Umweg von »Kultur« ausmacht; Dauer gegen das Vergängliche. Daraus ergab sich der Anreiz, daß ich mich zuerst mit Ernst Jünger, dann mit dem Topos vom Ende der Geschichte befaßte. Auch ein Essay zu Thomas Manns Tagebüchern ist solchen Fragen geschuldet.
Meine Haupttätigkeit indessen gehört dem Feuilleton der NZZ, das ich seit 1992 leite. Während achtzehn Jahren arbeitete ich mit meinem Vorgänger zusammen. Hanno Helbling war mein eigentlicher Lehrer: Prüfen, Schreiben, Urteilen; dazu die Lebensdienlichkeit der ironischen Distanz. Und auch ich verstehe das Feuilleton als einen Ort von Aktualität und Gedächtnis, von Neugier und Erinnerung.
Die Ehre, in Ihrer Akademie als korrespondierendes Mitglied wirken zu dürfen, kam unerwartet. Um so mehr habe ich zu danken. Allerdings müßte ich – sozusagen rückwirkend – noch vielen unter Ihnen zusätzlich danken für die Anregungen und Kontakte über Jahrzehnte. Dem Klavierkritiker, den ich schon als Gymnasiast mit Bewunderung las, dem Münchner Verleger, der seinen Humor mit Effizienz verbindet, den Autorinnen und Autoren, den Gelehrten, die ich zur Mitarbeit für die NZZ gewinnen konnte – des Aufzählens wäre kein Ende.
Und wenn wir uns denn in das Episodische unseres Daseins – sogar, wie es selbst Thomas Mann impliziert: unseres literarischen Daseins – fügen wollen, so scheint es mindestens, daß die Darmstädter Zeitinsel zu den erfreulichen zählt.