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Ladislao Mittner

Ladislao Mittner

Germanist
Geboren 23.4.1902
Gestorben 5.5.1975
Mitglied seit 1967
Friedrich-Gundolf-Preis

Vorstellungsrede

 

Ich wurde 1902 in der damals vorwiegend italienischen Stadt Fiume (heute Rijeka) geboren, promovierte 1924 in Bologna, habilitierte mich in germanischer Philologie 1938 und bin seit 1942 Professor für deutsche Literatur an der Hochschule von Venedig. Nach diesen äußeren Daten müßte ich vielleicht zunächst über meinen gewissermaßen dreisprachigen Namen Rechenschaft geben. Mein Vater war Ungar; seine Ahnen, wenigstens in den letzten fünf Generationen, hatten stets eine Frau mit ungarischem Namen geheiratet. Meine Mutter war Italienerin mit vielen kroatischen Vorfahren; zu ihrer Familie gehörte der Romanschriftsteller Evgenij Kumičić, von dem in Agram ein Denkmal steht. Einer meiner Onkel war Germanist und gehörte zu den Gründern des italienischen Irredentismus; ein anderer war Inhaber der einzigen deutschen Buchhandlung von Fiume. Es ist nicht bequem, am Kreuzweg von vier Nationen zu leben, jedoch haben Konflikte immerhin auch ihr Gutes: sie begünstigen, ja sie fordern Versuche des Ausgleichs. Mein Großvater verfaßte eine kroatische Grammatik für Italiener, mein Vater eine italienische für Ungarn, ich eine deutsche für Italiener. Diese Einzelheiten berühre ich nur, um verständlich zu machen, weshalb ich Sprach- und Literaturwissenschaft nur als vergleichende Wissenschaften für möglich halte. Meine sprachwissenschaftlichen Arbeiten galten ursprünglich dem ehrgeizigen und recht naiven Vorhaben einer vergleichenden Geschichte aller europäischen Hilfszeitwörter, in denen ich den Ausdruck philosophischer Kategorien und zugleich der vermeintlichen Volksseele zu finden wähnte. Dabei fesselte mich besonders das Problem des ausschließlich germanischen Hilfszeitwortes »werden«. Der Versuch, dieses Zeitwort mit einer geistigen Strömung zu verbinden, die von der Mystik zu Hegel und über Hegel hinaus führt, mußte natürlich scheitern; ich schmeichle mir aber, dafür etwas anderes nachgewiesen zu haben, daß nämlich das Hilfszeitwort »werden« in der urgermanischen Sakralsprache entstanden ist, in Formeln, die mit der Erforschung des Schicksals, eben der »Wurd«, zusammenhingen. Die endgültige Fassung dieser Untersuchungen ist im Band Wurd bei Francke in Bern 1955 erschienen.
Mein erstes literargeschichtliches Werk behandelt Thomas Mann, in dem ich auch ein moralisches Vorbild fand, das Vorbild eines zähen, sich selbst gegenüber unerbittlich strengen geistigen Arbeiters. Von Jugend an galt meine ganze Liebe der deutschen Romantik und der deutschen Musik. Der Musik bin ich treu geblieben, der Romantik etwas weniger; ich sehe jetzt darin das Element der Unklarheit und Unreife überwiegen, eine allzu genießerische Hingabe an Gegensätze, die freilich oft eben deswegen eine tragische Dimension erhalten. Diese These habe ich in meinem Buch Ambivalenze Romantiche (Ambivalenzen der Romantik) auszuführen versucht. Längere Arbeiten in deutscher Sprache sind der Versuch einer Entwicklungsgeschichte Hölderlins, erschienen im Hölderlin-Jahrbuch 1957, und Freundschaft und Liebe im XVIII. Jahrhundert, erschienen 1962 in der Festschrift für Hans Heinrich Borcherdt. Eine gewisse Vorliebe, die man mir verzeihen möge, habe ich für meine drei Goethe-Aufsätze; ich wäre glücklich, wenn sie auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden könnten. Die Titel der Aufsätze sind: Der Liebling der Götter, Werther der Unwertherische und Goethes italienische Ideallandschaften. Seit etwa 15 Jahren arbeite ich an einer dreibändigen deutschen Literaturgeschichte; der mittlere Band, der das deutsche grand siècle, das Zeitalter zwischen Pietismus und Romantik (1701 bis 1820) behandelt, ist vor drei Jahren erschienen; es ist meines Wissens die umfangreichste Gesamtdarstellung dieser Epoche überhaupt. Man hat diesem Buch einerseits entgegengehalten, daß ich zu sehr Croce-Schüler, andererseits, daß ich zu sehr Lukács Schüler sei. Ich halte dafür, daß der Literarhistoriker ohne Sinn für das Ästhetische nicht auskommt; ohne Geschichte kommt er aber auch nicht aus. Ein weiterer Band meiner Literaturgeschichte wird hoffentlich in zwei oder drei Jahren druckfertig sein; ob und wann auch der dritte erscheinen wird, mag den gnädigen Göttern anheimgestellt werden. In meinem Alter wäre es eine Vermessenheit, wenn ich mir mehr als einen Fünfjahresplan aufbürden wollte.