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Jürg Laederach

Jürg Laederach

Schriftsteller
Geboren 20.12.1945
Mitglied seit 2002

Vorstellungsrede

 

Post an mich selbst
Ich komme unmittelbar nach diesen Ausführungen auf meine Geburt zu sprechen. Inzwischen bekam ich eine neuerliche dieser berüchtigten Postsendungen aus mir selbst, wo mein mäßig-heftig geliebter Kollege Georg Leder, eine elegante Gestalt aus dem Hochbarock und Meister des Vermittelten sowie Indirekten, Liebhaber immerhin der direktesten Elisabethanik, abermals jemand Neues gefunden hat, der mich auf Umwegen an seiner Stelle anschreibt. Die Regel ist, daß keine direkten Kontakte stattfinden, nicht das Ziel zählt, sondern das Stillestehen auf dem Weg dahin. Die Ledersche Postsendung kam somit, streng nach Basler Fantasie-Definition, nicht von Leder selbst, sondern von einem seiner Hilfscharaktere, was sie aber umso Lederscher machte.
Ich solle mich ‒ gemeint ist wohl ein Betrachtungs-Band ‒ an dem Titel »Ich selbst von außen« beteiligen. Mein Basler Kollege (unter Freunden »Die Abschweifung« genannt) sendet durch seine Botschaft auch gleich die Art DES VON MIR GEFORDERTEN Umwegs zu mir selber. Im selben Atemzug gibt er mit der Einladung, ich solle ihn in den Vordergrund rücken, meinen Antennen zu verstehen, in welchem äußeren, ja äußersten ionosphärischen Orbit ich um diese ambitiöse Nichtfigur kreise. Bin ich einer ihrer Trabanten?, ich fürchte trotz allem ja, Hat sie mir etwas beigebracht? Ich fürchte trotz allem ja. So, auf Umlaufbahn gehalten und davon nicht mehr abzubringen, halte ich den Kontakt zu mir selbst, Georg Leder verabscheuend und ihm doch Recht gebend, auf die gute rheinisch-wurstig-lockere Art ewig weiter aufrecht.
Der Herbst im Allgemein-Welken, als die Saison des von einsehbaren Nebeln umwölkten Jahres-Sinkens, kennt bekanntlich die Herbstzeitlose. Eine gute Wortschöpfung, auch abgeleitet in der botanischen Erscheinung »Die biographische Herbstzeitlose« gebräuchlich. Anders als die Herbstzeit aber hat das Wort »Aussicht« noch nicht zu der entsprechenden Schöpfung »Die Aussichtslose« gefunden. Wächst sie auf dem Weg, ist sie eine Herbstzeitlose, wächst sie am Wegrand, ist sie eine Aussichtslose. Ich spreche nun ganz von mir. Mein Kontakt zu mir selbst, den man nicht oft genug Ich nennen kann, denn sonst wäre die Fragmentierung des Ichs bereits eingetreten und die chinesische Vase, das wertvollste Stück auf dem Kaminsims, in tausend unkenntliche, nicht rekomponierbare Splitter zerbrochen... ‒ mein Kontakt zu meiner alternativen Namensgebung meint sowohl eine Aussicht auf diesen schrecklichen und unheilbaren Charakter, wie auch seine Supervision, seine Kontrolle. Ich reite täglich auf mir selbst herum, und seit ich die Wüstendurchquerung des Lawrence von Arabien auf seinen geduldigen Kamelen sah, frage ich mich: wer stirbt zuerst, der Reiter oder der Gerittene?
Wer ich selber sei, ist die aufrichtig marternde Millionenfrage, jede Woche und bald jeden Tag von einem neuen Jauch am Fernsehen gestellt, und kein Einstein, ob inner- oder außerhalb der überlebenden Schweizer Kantone, wird sie je beantworten. Diese unanswered question wirkt als Motor meiner gesammelten Schreibbemühungen um die Beantwortung dessen, was es mit der sich nach vorn und nach früher zurückkämpfenden Nichtfigur in dieser Art von Literatur auf sich habe.