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John E. Woods

John E. Woods

Übersetzer
Geboren 16.8.1942
Mitglied seit 2012

Vorstellungsrede

 
Gefangen zwischen zwei Sprachen, sind Übersetzer immer auf der Suche nach einer erlösenden Metapher, nach einem Schlüssel, der den Kerker des Übersetzerdaseins aufschließt. Vor vielen Jahren kam mir die Idee, dass Übersetzen etwa so ist, als wurde man Radfahren und gleichzeitig Geige spielen. Doch die Jahre haben mich gelehrt, dass Übersetzen kein erlernbares Kunststuck ist. Ich fühle mich eher wie Alice, die aus Naivität und Neugier das Kaninchenloch hinunterpurzelt – und plumps! findet sie sich wieder in einem verwirrenden Wunderland, einer durchaus schönen Welt mit ihrer eigenen schönen Unlogik. Aber schau! Da ist ein Tisch, und auf ihm steht eine Flasche, an der ein Zettel hangt mit der Aufforderung: »Trink mich!« Und jetzt, plötzlich verwandelt in einen geschrumpften Übersetzerzwerg, blicke ich empor, und vor mir ragt ein Zauberberg, den ich auf Befehl eines Verlegers und nur mit meinem zweisprachigen vorpal Schwertchen bewaffnet erklimmen soll. Auf dem Gipfel thront Humpty Dumpty und behauptet, jedes Wort, das er gebrauche, heiße genau das, was er für richtig halte, und da stehe ich im flimmernden Licht eines Abends mit Goldrand und weiß nicht mehr wohin. Die Verwirrungen haben nie ein Ende genommen, aber jetzt, an diesem Oktobertag, stehe ich nicht nur verwirrt, sondern auch etwas verzagt vor einem Tor mit der Aufschrift »Ehre«. Nach all meinen Abenteuern im Wunderland trete ich mit aufrichtiger Demut und Dankbarkeit ein. Großartig! Ich betrete einen Saal voller Wortmenschen, die meine Wanderungen verstehen und ehren wollen. Ich schaue hinauf, und da über den Köpfen dieser Literaten weht die Fahne der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Hoppla! kann das sein? Bin ich, nach der Unlogik des Wunderlands, nicht in die falsche Akademie geraten? Dies ist eine Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung? Aber meine Sprache, die Sprache, die alle meine übersetzten Bücher bekleidet, ist Englisch, nicht Deutsch. Stehe ich hier im Talar der falschen Sprache vor Ihnen? Ehrlich gesagt, für Ihre prachtvolle Sprache fühle ich mich nicht verantwortlich. Sie, die Mitglieder dieser Akademie, müssen der deutschen Sprache immer aufs Neue zu ihrem bezaubernden Glanz verhelfen. Und ich, so gut ich kann, versuche Ähnliches mit der englischen. Also, verwirrt wie immer, muss sich dieser Übersetzer fragen, weshalb bin ich hier? Aber diese wehende Fahne besagt, dass diese Akademie sich nicht nur der deutschen Sprache widmet, sondern auch der Dichtung – der deutschen Dichtung zwar, aber die ist Teil des größeren Reiches der Weltliteratur. Und ich? Ich dichte nach, auf Englisch. Ach, was für ein verpöntes Wort, Nachdichtung. Alle hier Versammelten empfinden wahrscheinlich eine instinktive Abscheu davor. Aber was ist das denn, diese Dichtung »nach«? Es gibt auf Englisch keine treffende Übersetzung dafür. Eine »Paraphrase«? Eine »free adaptation«? Aber nein, »free« ist die Nachdichtung nicht. Sie ist der Versuch, peinlich genau die Originaldichtung wahrzunehmen und wiederzugeben. Aber sie ist auch dazu verdammt, schief zu geraten. Übersetzen ist eine Unmöglichkeit, so unmöglich wie der Konflikt zwischen einzelnen Wörtern. Für Deutschsprachige ist der »Baum« – vom reinen Laut her – eine mächtige Eiche mit tiefen Wurzeln und kräftigem Stamm und deshalb mit dem Wort »tree«, seine Krone leicht im Wind sich wiegend, nicht ersetzbar. Und doch muss der Versuch gemacht werden. Sonst werden wir alle von der Weltliteratur, von Weltdichtung auf ewig abgeschnitten. Sie, die hier versammelt sind, dichten. Sie sind es, die das Gold Ihrer Sprache auf eine leere Seite bringen, deren furchtbare Leere, die danach verlangt, gefüllt zu werden, mir erspart bleibt. Ich dagegen bin, wenn Sie mir noch eine Metapher gestatten, so etwas wie ein Alchemist, der Ihre Schreibkunst nicht in Blei zu verwandeln hofft. Ist, was ich dann produziere, das Gold, das zuerst aus Ihren Händen stammt? Nein und aber auch ja. Wenn ich Kritiken meiner Arbeiten lese, in denen die Prosa des Autors gerühmt wird, dann ärgere ich mich immer etwas. Wie? Lesen diese Kritiker tatsachlich die dithyrambische Kraft eines Satzes von Christoph Ransmayr, den kühlen, schlauen Satz eines Ingo Schulze, die dehydrierte Prosa eines Arno Schmidt, die meisterhaften Perioden eines Thomas Mann? Nein, diese nachgedichteten Texte, die sie rühmen, stammen von meiner Hand, sind vor allem das Ergebnis meiner Liebe zu meiner Muttersprache. Und trotzdem, was da so schon auf Englisch steht, existierte zuerst in Ihrer goldenen Sprache. Wie reimt sich das? Das weiß ich nicht. Vielleicht findet sich der Reim auf Dichtung und Nachdichtung wahrhaftig nur in einem Wunderland. Was für ein komischer Beruf. Nachzudichten – dichten und doch nicht dichten. Aber dass Sie mich als Nachdichter und Nichtdichter ehren, dafür bin ich zutiefst dankbar.