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Horst Krüger

Schriftsteller und Journalist
Geboren 17.9.1919
Gestorben 21.10.1999
Mitglied seit 1973
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

 

Die Frage nach meiner Heimat, meine Damen und Herren, hätte mich in meiner Jugend störrisch und gereizt gemacht. Ich hätte nur böse gelacht – damals. Sie hätte mir nach Blut und Boden geschmeckt, nach dampfenden Wiesen und Urgrund – abscheuliche deutsche Vision. Immerhin war es eine Jugend unter Hitler. Heute, älter geworden, immerhin schon vierundfünfzig Jahre, bin ich der grimmigen Abwehr des Achtzehnjährigen nicht mehr so sicher. Ich frage mich manchmal: Ursprung und Anfang, das Enge, Vertraute der Kindheit, also Heimat und Herkunft – gilt das für dich nicht? Wo stammst du eigentlich her?

Ich komme nach Berlin, immer wieder. Es überfällt mich dann oft diese Lust des Erinnerns, diese tiefe Badelust in Vergangenheit, die mich nachdenklich macht. Ich schmecke das Spröde, Karge und Trockene, das trostlos Schöne der Mark Brandenburg, Preußens blinde Reste. Ich gehe wieder durch die Kantstraße wie damals als Gymnasiast; ich gehe durch die Joachimstaler Straße zu Aschinger, um Löffelerbsen mit Speck zu essen. Ich laufe durch den Grunewald, sinnlos. In der Ferne höre ich das Singen und Schlagen der S-Bahn, jenen hellen, hastigen Ton, der nach Wannsee zieht und der der Ton meiner Kindheit entlang der Avus war. Ich komme nach Eichkamp, stehe vor dem Haus meiner Kindheit, ratlos. Ich habe es in dreißig Jahren nie mehr betreten und gehe doch immer wieder hin und dann weg. Ich fahre zum Zoo, zum Kurfürstendamm, sitze bei Kranzler, Kempinski, Hardtke, dann wieder bei Aschinger, spüre: hier bist du zu Hause, mein Bester. So rund um den Funkturm ist Heimat, tatsächlich. Von der Heerstraße bis zum Grunewald dampft deine Scholle, immer noch. Selbst dreißig Jahre Westdeutschland: Freiburg im Breisgau, Baden-Baden, Frankfurt am Main können daran nichts ändern. Nun sag es im Klartext: du bist das Überflüssigste, das es gibt heute im deutschen Bundesstaat: noch ein richtiger Preuße.

Ich wurde 1919 geboren, übrigens ungefragt. Ich gehöre also einem ausgestorbenen Jahrgang an, der im deutschen Faschismus und seinem Krieg kaputt ging. Es gibt nur noch Einzelne, Reste, Letzte aus dieser von Hitler verbrauchten Generation, und so fühle ich mich denn auch, als Einzelner, immer als Letzter, mit den Melancholien, den Sonderlichkeiten, vielleicht auch den besonderen Perspektiven solcher Position. Als Hitler zur Macht kam, war ich 14, als er ging 26. Die Lehr- und Wanderjahre, nach Goethe so wichtig zur Bildung der deutschen Seele, habe ich – wer wird das heute noch glauben? – unter lauter Nazis verbracht: den großen, den kleinen und den vielen dazwischen. Geblieben aus solchen Lehrjahren ist meine aufmerksame und etwas gereizte Liebe für mein Volk, die Deutschen, eine Heinesche Haßliebe sozusagen. Geblieben ist meine Nervosität und Verletzbarkeit gegenüber jedem Nachgeschmack von Gewalt, von Terror und Totalitarismus, ob er von rechts oder von links kommt. Kohorten sind mir so fremd wie Kommunen. Ich bestehe auf das Recht des Menschen, allein zu sein. Ich bin dem Schmerz zugetan.

Also nichts Positives, Soziales, Gesellschaftsbeförderndes? Wie merkwürdig bei Ihrem intellektuellem Engagement für die Öffentlichkeit? Ich erwidere: für den Schreibenden gibt es nichts Positiveres als das Alleinsein. Nur aus der Randposition kann man die Mitte erkennen. Nur aus der Stille kann man zum Beobachter werden, und vielleicht kommt etwas Schmerz auch dem Stil zugute? Ich habe erst spät, eigentlich als gut Vierzigjähriger wirklich zu schreiben begonnen. Nach fünfzehnjähriger Lerntätigkeit im Kulturbetrieb (als Nachtprogrammredakteur im Südwestfunk) lebe ich heute als freier Autor. Fünf Bücher sind seitdem entstanden, die man vielleicht mit dem Oberbegriff ›Deutsche Zeitgenossenschaft‹ zusammenfassen kann. Es erfüllt mich mit Dank und mit Freude, diese meine Versuche jetzt in Ihren Kreis einbringen zu dürfen.