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Gustav Hillard-Steinbömer

Gustav Hillard-Steinbömer

Schriftsteller und Dramaturg
Geboren 24.2.1881
Gestorben 3.7.1972
Mitglied seit 1962

Vorstellungsrede

 

Ich danke Ihnen für die große Ehre, die Sie mir erwiesen haben, mich in meinen angehäuften Jahren noch in Ihren Kreis aufzunehmen. Der Rhythmus meines Lebens hat sich stets Zeit gelassen. Von den vielen möglichen Lebensbahnen in der Jugend hat ein merkwürdiges Fatum mir frühzeitig eine auserwählt, welche unter den Umständen der Jahrhundertwende als außergewöhnlich und auszeichnend angesehen werden mußte.

Ich habe diese Lebensrolle tapfer, keineswegs ungern und nicht ohne äußere Anerkennung gespielt. Aber ich wurde ihrer nie ganz froh. Ein anderes Ich sah mir immer über die Schulter und mahnte mich stets, daß diese Rolle meinem Eigengesetz nicht entsprach, daß sie mir nicht genüge tat und mich hinderte, das zu werden, was der Schöpfer offenbar mit mir vorgehabt hatte. Erst die Befreiung von dieser Lebensrolle öffnete mir den Weg zu mir selbst. Ich stand schon vor der mittaglichen Höhe meines Lebens und hatte daher schon einige Erfahrung und Kenntnis gekeltert, als ich wie Odysseus bei Plato zur Wiedergeburt das Lebenslos des »idiotes«, des Privatmannes wählte. Denn auf dem Wege zur Identität mit mir selbst lag nicht Rang oder Reichtum, sondern offenbarte sich mir die Sprache als höchste Form des menschlichen Daseins. Dieser Form zuzustreben, mich ihr anzunähern und an ihr teilzuhaben, galt fortab mein Tun. Ob und wie weit ich solchen Vorsatz habe leisten können, darüber vermag ich platterdings nichts auszusagen. Denn ich glaube, wenn man nicht ein Tor ist, stirbt man immer in der Ungewißheit über seinen eignen Wert und über den Wert seiner Leistung. Erlauben Sie mir noch eines kurz anzudeuten.

Ich gehöre der aussterbenden Generation an, welche als letzte in ihrer Jugend vor dem Ersten Weltkriege noch in Ruhe und Sorglosigkeit ihrer Bildung hat leben dürfen. Welche Gunst sie damit für ihr ganzes Leben empfing, das wußte sie freilich damals nicht. »En passant par le souvenir, la vérité devient un poème«. Aber ich will nicht von Erinnerung, sondern von der Gegenwart sprechen.

Sie wissen alle um die Kontinuitätslosigkeit des deutschen Geschehens, der deutschen Geschichte und des deutschen Geistes, um das Immer-wieder-neu-Anfangen. In der großen geistigen Verschiebung dieser Zeit scheint mir den Menschen, welche jene erlebte Vergangenheit noch in sich tragen, eine besondere Verpflichtung auferlegt. Die Pflicht zur Kontinuität und zum Bewahren. Zum Bewahren nicht als einer Institution der Beharrung und Erstarrung, sondern zum Bewahren als einer Kategorie des Schöpferischen. Wie der Samen unter abgefallenen und absterbenden Blättern geheime Kräfte bewahrt, aus denen junge, neue Bäume wachsen sollen, so birgt das Unsterbliche des Vergangenen den Samen junger, neuer eigenwüchsiger Schöpfung.

Lassen Sie es mich in den Versen des Kopfes sagen, dessen Form in dieser Stadt behütet wird, in den Versen Shakespeares:

Vor der Zeit mit ihrer Sense ist kein Schutz
Als Same – ihr, wenn sie dich holt – zum Trutz.