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Günther Drosdowski

Günther Drosdowski

Germanist
Geboren 15.10.1926
Gestorben 3.12.2000
Mitglied seit 1979

Vorstellungsrede

 

Eine Pferdeschwemme – so kann man in Wörterbüchern nachlesen – ist ein Badeplatz für Pferde. Diese fast anmutige Erklärung paßt so gar nicht zu meinen Vorstellungen, jedenfalls nicht zu dem Bild einer bestimmten Pferdeschwemme an der Drewenz, in deren Nähe ich 1926 am Ortsausgang von Osterode geboren wurde. Osterode, das ich eben erwähnte, war damals im amtlichen Schriftverkehr mit dem Zusatz »Ostpreußen« zu versehen, um es von Osterode am Harz abzuheben.

Aufgewachsen bin ich in Masuren, »an der Grenze zur Kultur, wo der Mensch wird zum Masur’«, wie man nicht nur im Reich, sondern auch in Ostpreußen selbst bissig zu bemerken pflegte. Aber auch in diese ferne, von einem eigenartig jabbernden Menschenschlag bevölkerte Gegend reckte sich Ende der dreißiger Jahre der mächtige Arm des Dritten Reiches, und so schreckte eines Tages unsere Familie die Aufforderung auf, einen Ahnenpaß zu erstellen. Pflichtschuldigst hangelten wir uns durch standesamtliche Eintragungen und Taufregister zurück in die Vergangenheit, fast – kam es uns vor – bis in die Zeit der Schlacht von Tannenberg. Auf einen jüdischen Vorfahren stießen wir nicht, womit eigentlich keiner von uns gerechnet hatte, merkwürdigerweise auch nicht auf einen Polen, womit wir alle gerechnet hatten.

Der Name war es dann auch, der uns neuen Verdruß brachte. Die drei ersten Buchstaben wollte man uns zugestehen, um eine gewisse namentliche Identität zu wahren, der Rest sollte germanisiert werden. Daß sich meine Eltern weigerten, einer Namensänderung zuzustimmen, hätte wenige Jahre später fast meinen überstürzten Tod zur Folge gehabt: Um ein Haar wäre ich, als ich in Kriegsgefangenschaft geriet, von den Russen als vermeintlicher Hiwi erschossen worden.

Den Besuch des Treuburger Gymnasiums, es hatte den Namen Horst-Wessel-Schule erhalten, beendete der Gestellungsbefehl, den ich mit 17 Jahren erhielt. Damals ahnte ich noch nicht, daß damit auch meine Zeit in Masuren abgeschlossen war. Das wurde mir erst klar, als ich 1945 kurz vor Weihnachten mit einem Kriegsgefangenentransport aus Sibirien zurückkehrte. Treuburg, das ich als Entlassungsort angab, durfte es nicht mehr sein; es war jetzt polnisch und hieß Olecko.

Den Flüchtlingstrecks nachspürend, fand ich meine Eltern in dem gräßlich zerstörten Nordhausen. Diese Stadt habe ich nie geliebt, obwohl ich ihr viel verdanke, habe ich doch mit ihrem schönsten Erzeugnis, dem Nordhäuser Korn, meine ersten vier Semester in Rostock finanziert. Die restlichen vier Semester in Berlin und auch die Promotionsgebühren bestritt ich mühsam mit dem Verkauf von Kupferschlangen, die ich nachts aus Boilern auf Ruinengrundstücken ausbaute.

Studiert habe ich – das sollte ich nachtragen – Germanistik, Anglistik, Nordistik, Indogermanistik und allgemeine Sprachwissenschaft. Zunächst reizte es mich, den verfeinerten Formen des Jabberns, dem Erzählen und Dichten, auf die Spur zu kommen, doch bald begannen mich immer stärker sprachliche Phänomene zu faszinieren. Ich wollte die historischen und strukturellen Gesetzmäßigkeiten der Sprache ergründen.

Wann immer ich an Rostock zurückdenke, taucht vor meinem Auge das Bild Hermann Teucherts auf, der mich – so herrlich mecklenburgisch düsend – in die Germanistik und Sprachwissenschaft einführte und in mir die Liebe zur Wörterbucharbeit weckte. Lange habe ich ihm allerdings nachgetragen, daß er mir nie etwas von seinen Broten abgab, selbst noch die Krümel, die auf die Manuskripte des Mecklenburgischen Wörterbuchs fielen, mit den Fingern zusammenschob und in seinen Mund stopfte.

Anders war da mein Berliner Lehrer, der scharfsinnige Indogermanist Wilhelm Wißmann. Er ließ mich an seinen Carepaketen teilhaben und versorgte mich vor seinen Seminaren, die er in seiner Wohnung in Lichterfelde abhielt, mit Kuchen und Schnitten. Auch der Anglist Heinrich Spieß hat mit unzähligen Eintopfgerichten dazu beigetragen, mich durch die schlimme Nachkriegszeit zu bringen.

Trotz abenteuerlicher Unternehmungen, etwas zu essen und Geld aufzutreiben, trotz Barras und Kriegsgefangenschaft brachte ich es fertig, mit 23 Jahren zu promovieren und Mitarbeiter an der alten Preußischen Akademie der Wissenschaften zu werden. Schmerzlich war es für mich, daß ich 1961 durch die politische Entwicklung gezwungen wurde, die Akademie zu verlassen, auch Berlin, diese Stadt, die mich in jeder Hinsicht geprägt hat. Obwohl ich heute fast zwei Jahrzehnte in Mannheim lebe, fühle ich mich immer noch als Berliner.

Den Wechsel zur angewandten Sprachwissenschaft – ich leite jetzt die Dudenredaktion in Mannheim und gebe zur Zeit das Große Wörterbuch der deutschen Sprache heraus – habe ich nie bereut. Es ist gut zu erfahren, daß Wissenschaft auch dem Volke dienen kann.