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Gerhard Schulz

Literaturwissenschaftler
Geboren 3.8.1928
Mitglied seit 1977

Vorstellungsrede

 

Für das Leben der Dichter, der Schriftsteller und Wortkünstler besteht immer Neugier. Irgendwo, meint man, müsse es intime und geheimnisreiche Verhältnisse geben zwischen dem, wie einer lebt und was er schreibt. Gern macht sich der Empfangende das Kunstwerk zugänglich durch die Menschlichkeit seines Schöpfers. Nichts dergleichen gilt jedoch für das Heer jener Arbeitnehmer der Literatur, die als Schulmeister, Gelehrte und Kritiker sich die Vermittlung und Deutung der Wortkunst zum Amte gemacht haben. Sie sind keine interessanten Objekte für Selbstdarstellungen; allenfalls schreiben sie die Biographien, die die Dichter haben. Wen schert es schon, ob auch der Wissenschaftler einmal legendärer Tellerwäscher oder Zuckerrohrschneider war und wen er geliebt hat: das Publikum will es mit vollem Recht von ihm, der sich den Werken anderer verschrieben hat, nicht wissen. Selbst wenn man, wie ich, einen flüchtigen Hauch von Exotik mit sich trüge aus jenem antipodischen Kontinent, von dem die allgemeine Bildung kaum mehr kennt als einen Straußenvogel mit drei Buchstaben – selbst dann wäre mehr als beiläufige Aufmerksamkeit dafür nicht zu erwarten, ist doch solche Exotik durchaus irrelevant für das, was man in eine Akademie zur Pflege deutscher Sprache und Literatur einzubringen hat.

In einem Zeitalter, in dem die Strategen der Politik und der Wirtschaft gern das Wort »global« in den Mund nehmen, gibt es allerdings manchmal kuriose Fäden zwischen der Zufälligkeit der Wohnorte und jenem Zeitgeschehen, von dem dann auch wieder Sprache und Sprachkunst abhängig sind. Mich zum Beispiel hatte als jungen Studenten um 1950 herum ein Leipziger Lehrer, dessen Leben der Darstellung eines von ihm visionär gesehenen »Geistes der Goethezeit« gewidmet war, angeregt, die Werke des romantischen Novalis zu untersuchen. Das sehr tätige Leben dieses Dichters in den Salzwerken und Kohlengruben Kursachsens stand in krassem Widerspruch zu seinen todessüchtigen Versen. Es war ein Phänomen, das mich gerade im Hinblick auf die benannte, so unbestimmbare Relation zwischen Werk und Leben eines Autors reizte, besonders da mir dann noch manches bisher verborgene Dokument aus der Arbeit meines Helden in die Hände fiel. Daraus wurde zwar eine Doktorarbeit, aber im Sachsen meiner eigenen Zeit hatte bei einem staatlich verschriebenen, selbstsicheren Realitätsverständnis das weitere Studium eines in die Zukunft träumenden Poeten ganz und garkeine Zukunft.

Nun ist es jedoch der Tod aller Wissenschaft, wenn ihr nichts anderes erlaubt ist, als den Weg zum Bekannten und offiziell Festgelegten zu beschreiben. So fand ich mich denn im Jahre 1959 in Australien, um dort am Ende der Welt mit einem älteren Kollegen, der Deutschland schon 25 Jahre früher verlassen hatte, die Werke ausgerechnet eines deutschen romantischen Dichters herauszugeben, eines jungen Mannes, der selbst nie über Sachsen und Thüringen hinausgekommen war. Seine bedeutendsten philosophischen Manuskripte waren übrigens 1932 von Salman Schocken in Berlin ersteigert worden, und zugänglich sind sie heute in Frankfurt nur deshalb noch, weil Schocken sie seinerzeit vorsorglich nach Jerusalem gebracht hatte. Ein seltsames Spiel der Zeit mit einem Autor, der sich über sie zu einem höheren Standpunkt zu erheben versucht hatte.

Was nun mich angeht, so sind die Lebensläufe meiner Generation, deren erste Lehrer zuweilen schon die braune Uniform trugen, genugsam beschrieben worden, und das Leben in der kleinen oberlausitzischen Stadt, aus der ich komme, spielte sich nicht anders ab als anderswo in Deutschland. Heute ist meine Arbeit die eines Universitätslehrers, und auch das ist errechenbar. Etwas besonderes hat es natürlich an sich, wenn man sich dort mit dem Deutschen beschäftigt, wo nur noch mit den stärksten Antennen ein in Deutschland ausgesendetes Wort zu empfangen ist oder wo eine deutsche Zeitung, wollte man sie sich innerhalb von vier oder fünf Tagen per Flugzeug liefern lassen, ein kleines Vermögen kostete. So steht man denn recht fern von der Entwicklung neuer deutscher Sprachnormen, und wie ein Kaspar Hauser kommt man alle paar Jahre unter die Deutschen, damit man wirklich erfährt, wie schlimm es um den sterbenden Konjunktiv bestellt ist, auf dessen Tod unsere Studenten schon lange warten.

Mein wissenschaftliches Interesse ist bei der Literaturgeschichte geblieben mit der durch alle Theoriestürme und Selbstzweifel hindurchgetragenen Überzeugung, daß sie notwendig sei, wenn man historische wie ästhetische Erfahrungen machen, das heißt dasjenige nutzen will, was uns die Sprachkünstler geschrieben haben. Beschäftigt hat mich in diesem Zusammenhang die fruchtbare Skurrilität eines Arno Holz ebenso wie, immer wieder, der literarische Reichtum um 1800. Aber da hier die Hauptarbeit noch unabgeschlossen ist, soll kein Wort weiter darüber verloren werden.

Weltfremd der Gelehrte, der sich den Stimmen der Zeitgenossen verschlösse. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert, denn vor einem Saal mit vielen Autoren einzugestehen, daß man sich hin und wieder auch gern als Kritiker betätige, ist wahrscheinlich schlimmer, als es bei der Weltfremdheit zu belassen. Es war Lord Tennyson, der den Kritiker »a louse in the locks of literature« genannt hat. In aller Demut kann ich lediglich sagen, daß ich selbst es mit dem Kritiker und Schulrat Stiefel in Jean Pauls herrlichem Roman Siebenkäs halte, in dessen Augen der Freund und dichtende Titelheld »zum einzigen Wesen erhoben« ist, »das einen Rezensenten noch überragt – zu einem Schriftsteller«.

Wir sind zum Anfang und zum Respekt vor dem Künstler zurückgekehrt, Herr Präsident, meine Kolleginnen und Kollegen der Akademie. Sie haben es durch Ihre Wahl für richtig befunden, daß ich dieser Akademie angehöre. Für mich war das, als wenn an Robinsons Insel die Fregatte seines Königs anlegte. Ich danke Ihnen herzlich.