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Cathrine Fabricius-Hansen

Cathrine Fabricius-Hansen

Linguistin
Geboren 18.12.1942
Mitglied seit 2016

Vorstellungsrede

 

Sehr verehrter Herr Präsident, sehr verehrte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren,
um es gleich vorwegzunehmen: Ich kann – und werde – mich zwar vorstellen, ich kann Ihnen aber nicht, indem ich mich vorstelle, erklären, wie es dazu gekommen ist, dass ich mich hier vorstellen darf. Denn: Ich begreife es selber nicht. Dass ich es als eine große Ehre empfinde, bedarf jedoch keiner Erklärung.
Zur Person: Ich bin 1942 in einer dänischen Provinzstadt geboren, habe im Alter von drei Jahren meinen Vater verloren (er war als Arzt im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit von tuberkulösen Krankenhauspatienten angesteckt worden), bin mit meiner Mutter (Ärztin) und zwei Brüdern – ich in der Mitte – in Kopenhagen aufgewachsen und habe dort allgemeine und germanistische Linguistik studiert. Nach dem Magisterabschluss 1969 war ich zunächst am Germanistischen Institut der Universität Kopenhagen tätig, hielt mich jedoch teilweise in Oslo auf, wo mein Mann (Däne wie ich) ein Forschungsstipendium am Nordischen Institut für Seerecht innehatte. Nach ein paar Jahren waren wir vom norwegischen Lebensstil – der unglaublich schönen Natur und den damit verknüpften Freizeitmöglichkeiten (in einem anderen Leben wäre ich vielleicht Polarforscherin geworden) – dermaßen angetan, dass wir uns auf einschlägige feste Stellen an der Universität Oslo bewarben – mit Erfolg. Nach einigen Jahren auf einer C2­-Stelle am dortigen Germanistischen Institut konnte ich 1986 den ordentlichen Lehrstuhl für deutsche Sprache übernehmen, den ich bis zur Emeritierung vor drei Jahren bekleidete. (Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass mein Mann und ich innerlich Dänen geblieben sind und seit zwanzig Jahren eine immer fleißiger benutzte Zweitwohnung in Kopenhagen besitzen.)
Zur Sprache: Was mich an Sprachen interessiert, ist vor allem die Grammatik (mit allem Drum und Dran). Dieses Interesse wurde im Muttersprachenunterricht in der Grundschule geweckt und bei der Begegnung mit Deutsch im 7. Schuljahr gewaltig verstärkt, um nie wieder zu verebben. Die menschliche Sprache ist eine unglaublich raffinierte Einrichtung – und welche Funktion die Grammatik dabei hat, wird unter anderem dann sehr deutlich, wenn man Deutsch mit verwandten, aber in grammatischer Hinsicht etwas andersartigen Sprachen wie Englisch, Dänisch oder Norwegisch vergleicht. In diesen sogenannten kontrastiven Bereich fällt ein großer Teil meiner eigenen Forschung. Einen thematischen Schwerpunkt bildet dabei die Grammatik des Verbs, darunter auch die Funktionen der Zeitformen und des Konjunktivs. (Einschlägige Publikationen sind u. a. meine Habilitationsschrift Tempus fugit [1986] und das Verbkapitel in der aktuellen Ausgabe der Dudengrammatik; eine kontrastiv orientierte Monographie über den Konjunktiv ist unterwegs.)
Einen weiteren Forschungsschwerpunkt bildet – grob gesagt – der Zusammenhang zwischen Grammatik, Stilnormen und Text-­ oder Informationsstruktur in der geschriebenen Sprache. Wie vermittelt man komplizierte Inhalte in Sprachen, denen ein ähnlich breites Register syntaktischer Komplexität, wie es der deutschen Schriftsprache eigen ist, nicht zur Verfügung steht, sei es aus strukturell­grammatischen oder eher stilbezogenen Gründen? Diese Frage ist nicht zuletzt aus der Übersetzungsperspektive brisant, wie ich u. a. in Aufsätzen zur Übersetzung von Konrad Lorenz und Robert Musil zu zeigen versucht habe. Eine verwandte, aus der Perspektive der Sprachverarbeitung und des Fremdspracherwerbs äußerst relevante Frage bezieht sich auf die Rolle der Grammatik für das Leseverstehen – oder eben ­-missverstehen. Mit dieser oft vernachlässigten Thematik habe ich mich vor allem in didaktisch orientierten Publikationen – und natürlich auch im praktischen Unterricht – befasst.
Zur Dichtung: Die Dichtung / Literatur bildet die Schnittstelle zwischen meinem Fach und meinem Lieblingshobby (neben Skilaufen u. ä.). Ich bin seit meiner Kindheit eine passionierte Leserin und lese mit Genuss eben auch solche Texte, in denen sich die deutsche Schriftsprache voll entfaltet.