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Anita Albus

Anita Albus

Schriftstellerin und Malerin
Geboren 2.10.1942
Mitglied seit 2004
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

Liebe Freunde und verehrte Mitglieder der Akademie,

beim Grübeln über eine angemessene Weise, mich in fünf Minuten vorzustellen, kam mir eine Geschichte in den Sinn, die ich in einer alten Sammlung jüdischer Schwänke las. Sie handelt von einem Reisenden, der im Coupé eines eben in einen Bahnhof eingefahrenen Zuges sitzt. Als er sich aus dem Fenster lehnt, weil auf dem Bahnsteig ein »Rubinstein, Rubinstein« rufender Mann den Zug entlangrennt, verpaßt ihm der herbeigeeilte Rufer eine saftige Ohrfeige. Großes Gelächter im Abteil des Geschlagenen. Am heftigsten und längsten lacht dieser selbst. Von einem der schadenfreudigen Mitreisenden befragt, was es denn für ihn dabei zu lachen gebe, erwidert er: »Aber ich bin doch gar nicht Rubinstein

Sie haben mir die große Ehre erwiesen, mich als Mitglied der Akademie in Ihren illustren Kreis aufzunehmen. Anscheinend haben Sie mich mit Anita Albus verwechselt. Als femme de lettres sei sie buchstäblich vorgestellt: Anita Albus, fünf Konsonanten und fünf Vokale. Unter den paradoxen Anagrammen, die sich daraus bilden lassen, wie Saat in Blau oder Laub, au saint bal oder Au in Basalt, Aal in Staub oder l'inabusata, scheint a basal unit das einzige Sinnvolle zu sein.

Ob es in der Zeit der Enkel meiner beiden Enkel noch Augen für meine Bilder und Leser meiner Romane, Erzählungen und Essays geben wird, kann keine schwarze Spottdrossel, kein weißer Reibe voraussagen. Sollte es dann jedoch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung noch geben, würde im Jahrbuch 2005 nachzulesen sein, welche Rolle in den erfülltesten fünf Minuten meines Lebens eine kleine Heilpflanze spielte, die dann vielleicht auch auf meinem Grab von Mai bis Oktober ihre Blüten entfalten wird: Viola tricolor, das Ackerstiefmütterchen, in Frankreich la pensée sauvage genannt.

La pensée sauvage heißt zugleich »das wilde Denken«. Es ist nach Claude Levi-Strauss, dessen gleichnamiges 1962 veröffentlichtes Werk auf dem Einband eine Viola tricolor ziert, weder das Denken der Wilden noch das einer archaischen Menschheit. Das Ei war vor der Henne da, wie das Denken vor den Denkern. Ganz und gar dem Konkreten zugewandt, will es im wilden Zustand »zugleich analytisch und synthetisch sein, in beiden Richtungen bis an seine äußerste Grenze gehen und doch fähig bleiben, zwischen beiden Polen zu vermitteln«.

Es war ein heißer Tag im Juli 1980, als ich mich in die Münchner Bibliothek der Ethnologen begab, um aus einem Buch eine Fabel der Irokesen über eine Eisvogelart, den Gürtelfischer, zu kopieren, die ich in mein schon damals begonnenes Buch über gefährdete Vogelarten aufnehmen wollte. Die Quelle hatte mir Levi-Strauss genannt, mit dem ich seit zwei Jahren korrespondierte. Damals war die Bibliothek noch im ersten Stock eines Hinterhauses der Schellingstraße untergebracht, einem häßlichen Gebäude, in dessen Erdgeschoß ein Beerdigungsinstitut »Pietät« sein Leichengepränge feilhielt. Ein einziger Student saß schwitzend im Leseraum, in dem eine Bibliothekarin hinter einer Theke für die Bücherausgabe sorgte. Es war ein dicker leinengebundener Band, den sie mir überreichte: Second Annual Report of the Bureau of Ethnology to the Secretary of the Smithsonian Institution, 1883 in Washington gedruckt. Ich trug ihn zu einem der bereitstehenden Pulte und schlug die von Levi-Strauss angegebene Seite auf. Die Fabel »Kingfisher and his nephew« beginnt auf Seite 108 und läuft auf Seite 110 aus. Ich blätterte zum Ende um und fand ... eine verblichene Viola tricolor. Vom Leser, der sie ins Buch gelegt hatte, vergessen, muß sie seit Jahrzehnten, unverrückt wie in einer Herbarpresse, auf die Räuberin gewartet haben, die sie in einem Kästchen aufbewahren sollte.

Fünfundzwanzig Jahre sind seither vergangen. Um für das Eisvogelkapitel meines im September erscheinenden Buches Von seltenen Vögeln die Gürtelfischerfabel endlich zu kopieren, bin ich im vergangenen Winter noch einmal zu jenem Band zurückgekehrt, der inzwischen mit der ganzen Bibliothek in ein Gebäude am Rand des Englischen Gartens gewandert war. Vom Dasein der pensee sauvage zeugt noch immer das mit dem Saft in die Seiten 110 und 111 gepreßte Zwillings-Schema ihrer Gestalt, Wappen meines Glücks und Sinnbild dessen, was man aus Scheu vor dem Unerforschlichen »Zufall« nennt.

Ein Zufall, durch den eine treffende Ohrfeige ins Leere geht, unterscheidet sich von dem, der gleichsam ins Volle trifft, weil er einen anonymen Leser mit einem berühmten Ethnologen verbindet, einen großen Denker mit einer unbekannten Malerin, eine Gürtelfischerfabel Nordamerikas mit einem wilden Stiefmütterchen in München, 1883 mit 1962 und 1980. Der eine gehört dem Nichts-als-Zufälligen an, der andere einer Welt, in der der Zufall ein so vollkommenes Maß hat, daß er aus jedem Blickwinkel sinnvoll erscheint und den Gegensatz von Zufall und Notwendigkeit aufhebt. Im ersten Fall kann man es lachend bewältigen, im zweiten scheint etwas auf, dem gerecht zu werden man sogar als initiierte académicienne nur hoffen kann.