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Michael Walter

Michael Walter

Übersetzer
Geboren 4.1.1951
Mitglied seit 1988
Johann-Heinrich-Voß-Preis

Vorstellungsrede

 

Zu meinen frühesten Erinnerungen, ich muß etwa drei Jahre alt gewesen sein, gehört die Fernsehübertragung eines Fußballspiels. Vielleicht war es das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954. Den, der mir darüber Auskunft geben könnte, kann ich nicht mehr fragen. Bleibenden Eindruck hat mir allerdings nicht das Spiel gemacht, sondern das Mitbringsel mit dem mich die fußballtollen Fernsehgäste beglückten, die sich das Ereignis bei meinen Eltern anschauen kamen. Es war eine Straßenbahn aus Schokolade, eingewickelt in Silberpapier, mit rot-blau aufgedruckten Türen und Fenstern und gefüllt mit bunten, grießigen Zuckerkügelchen, die verheißungsvoll rasselten, wenn man den Waggon schüttelte. Lieb ist mir diese Erinnerung immer, wichtig ist sie mir heute, weil sie mir die Datierung meines ersten bewußten Fernseherlebnisses ermöglicht.
Ferngesehen habe ich also nicht nur schon früh, sondern auch ausgiebig: Fury, Rintintin und die Abenteuer der Muminfamilie gespielt von den Marionetten der Augsburger Puppenkiste. Meine Eltern waren da ganz unpädagogisch. Und Lesen gelernt habe ich ebenso unpädagogisch mit Micky Maus und Tarzan. Mit Comics also, die früher noch Schundheftchen hießen, und die es mittlerweile zu einem eigenen Medium gebracht haben, mit dem sich sogar die Universitäten beschäftigten. Ich sehe meinen Großvater noch vor mir, wie er ungläubig dem neuerworbenen Vokabular seines Enkels lauscht: »Spotz«, »Boing« und »Nimm dies, Schurke!«
Doch weder Bildschirm noch Bilderhefte haben mich daran gehindert, auch richtige Bücher zu lesen. Bevorzugt dicke Romane mit Akteuren, die mir gleich auf den ersten Leseblick das Gefühl vermittelten, daß dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein könnte. Die dicken, grünen Bände der Radebeuler Karl-May-Ausgabe in den Regalen der Stadtbücherei stillten dieses Bedürfnis ganz vorzüglich. Natürlich ahnte ich damals nicht, daß ungefähr zu der Zeit, als ich Old Shatterhand und Winnetou zum ersten Mal auf einem Ritt begleitete, eben der Autor, der das dickste Buch schreiben sollte, das ich je lesen würde, in Karl May den »vorletzten Großmystiker« erkannte: Arno Schmidt.
Doch Zettels Traum erschien erst, als ich mein Abitur machte. Nicht ganz mühelos, wie ich anmerken möchte, wg. Mathematik.
Das anschließende Studium der Philosophie und Anglistik – zuerst in Mannheim, dann in Freiburg – führte nicht zum Staatsexamen und ursprünglich angestrebten Lehrerberuf; diese Absicht gab ich rasch wieder auf, als ich die Erfahrungsberichte einiger Freunde hörte, die inzwischen als Referendare im Schuldienst lebten und litten. Das Studium schloß ich mit dem Magister ab und ohne Berufsaussichten. Ich habe viel gelesen in diesen sieben Studienjahren und immer wieder die Bücher von Arno Schmidt, den ich anfangs für den Verfasser von Kriminalromanen hielt, weil das erste Buch, das mir von ihm in die Hand fiel, den Titel trug Der sanfte Unmensch. Arno Schmidt hat wie kein anderer Autor meine Lektüre geprägt und mein Leben bestimmt. Ich verdanke ihm nicht nur Leseerlebnisse und Literaturkenntnisse, sondern auch Freunde und Freundschaften.
Übersetzer bin ich nicht durch sein Einwirken geworden, das geschah eher zufällig, doch die Anregung zur Übersetzung jener Bücher, die für meinen Werdegang entscheidend waren, habe ich allemal ihm zu verdanken. Zwei davon, die wichtigsten, will ich hier nennen: Lewis Carrolls wortspielreiches Vexierbuch Sylvie und Bruno und vor allem natürlich Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne.
Womit wir wieder bei einem dicken Buch angelangt wären. Denn ich lese dicke Bücher nicht nur gern, ich übersetze sie auch mit Vorliebe. Und so werden Sie mich denn in den kommenden Jahren mit der Übertragung eines sehr dicken Buches beschäftigt finden: Edward Gibbons Verfall und Untergang des Römischen Reiches.
Ich danke Ihnen für die Wahl zum Mitglied Ihrer Akademie.