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Martin Mosebach

Martin Mosebach

Schriftsteller
Geboren 31.7.1951
Mitglied seit 2003
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Georg-Büchner-Preis

Vorstellungsrede

 

Ein Ritual sei die Selbstvorstellung eines neuen Mitgliedes der Akademie, sagte man mir, als man mich dazu einlud, mich Ihnen heute zu präsentieren, und diese Auskunft hörte ich gern, denn in Ritualen weiß ich mich gut aufgehoben. Rituell war meine erste Begegnung mit der Literatur. Ich stütze mich hier auf die Erzählungen meines Vaters, der mir als kleinem, noch wenig sprechendem Kind den Struwwelpeter vorlas und mir dabei immer das Reimwort am Ende der Verse überließ: »Es ging spazieren vor dem – «. Jetzt mußte ich »Tor« sagen und tat es wohl auch, lange bevor ich wußte, was ein Tor sei.
Meinen Vater habe ich immer in Lektüre vertieft vor Augen. Er las Gedichte, wo er ging und stand, mußte man schon sagen, vor allem auch beim Telephonieren; um Telephongespräche zu überstehen, hatte er stets irgendein Reclam-Heftchen in der Tasche, das er herauszog, wenn er den Hörer abnahm. Es wäre ganz falsch zu sagen, daß ich meinem Vater die Liebe zur Poesie verdankte – die Dichtungen, die er las, waren nicht Gegenstand seiner Liebe, sondern etwas wie Atemluft, eigentlich einzige Wirklichkeit. Es mußten aber alte Gedichte sein. Er pflegte die in seiner Generation keineswegs besonders originelle und auch gar nicht ganz abwegige Überzeugung, daß die Literatur mit dem Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts an ihr Ende gelangt sei. Proust war der Schlußpunkt, was danach kam, existierte nicht für ihn. Ungewöhnlich an diesem Standpunkt war, daß keinerlei Trauer und Pessimismus damit verbunden waren, sondern Freude und Zufriedenheit. Tausende von Jahren war die Arche des Geistes beladen worden, nun war ihr Bauch gefüllt, die Flut um sie war angestiegen, sie konnte den Anker lichten und in See stechen. Von ihrem Vorrat würden ebensoviele Generationen zehren können, wie die, die ihn hervorgebracht hatten, versicherte mir mein Vater, ein einziges Leben vermochte ohnehin nur gerade an ihm kratzen.
Mein literarisches Leben würde demgemäß eine vita contemplativa sein; als tröstliche Botschaft verkündete mein Vater mir, daß ich mich selbst niemals würde schriftstellerisch bemühen müssen. In Parenthese sei bemerkt, daß er mit diesem von ihm selbst mir vorgelebten Lebensentwurf eine der wichtigsten Aufgaben eines Erziehers erfüllte, nämlich seine Kinder in dem Bestreben, eine künstlerische Laufbahn zu beschreiten, unbedingt zu entmutigen.
Ich habe daraufhin Jurisprudenz studiert, leider ohne Eifer und Engagement; ich war während meines Studiums zu töricht, um zu begreifen, welches Wunderwerk das römische Recht sei, wie wenig selbstverständlich es war, von allen Weltgegenden ausgerechnet in seinem Wirkungsraum zu leben und von ihm geformt worden zu sein; die juristische Ausbildung tat hier ein übriges, denn man kann in Deutschland beide juristische Examina ablegen, ohne sich auch nur flüchtig in die Geschichte des Rechts versenkt zu haben; juristische Fakultäten in Deutschland sind ganz einfach Berufsschulen.
Gegen Ende des Studiums, das für mich vor allem aus einer großen Zeit der Muße bestand, begann ich, Erzählungen zu schreiben. In dieser Durchbrechung der väterlichen Prinzipien darf man aber keineswegs einen Aufstand gegen die väterliche Autorität sehen. Es ist vielleicht das erwähnenswerteste Charakteristikum meiner an äußeren Ereignissen armen Biographie, daß ich, obwohl 1951 geboren und in den 68er Jahren herangewachsen, keinen Tag mit dem Aufstand gegen Tradition und Autorität zugebracht habe. Meine Verehrung der väterlichen Autorität geht so weit, daß ich bei mir selbst davon überzeugt bin, auf eigentümliche Weise sogar meinen orthodoxen Katholizismus aus den Händen meines Vaters, der ein aufgeklärter Protestant war, empfangen zu haben, was so bruchlos, wie sich mir das darstellt, eigentlich dann doch nicht vor sich gegangen sein kann. Es war denn auch nicht die Überzeugung, die Vorstellung vom Ende der Literatur, in der mein Vater mich erzogen hatte, widerlegen zu sollen, die mich dazu brachte, es dann schließlich doch, als schon recht bejahrter »junger Autor« mit dem Erzählen zu versuchen. Was Theorien angeht, fühle ich mich nicht eigentlich zuständig. Aber ich vermute inzwischen, daß ich wohl nicht aufhören würde, Romane zu schreiben, wenn ich die theoretische Unmöglichkeit eines Fortbestehens der Literatur genauso deutlich vor mir sehen würde wie mein Vater. Indem er mich zum enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser machte, machte er mich auch zum Schreiber. Das Schreiben ist für mich, wie für viele andere Schriftsteller, vor allem ein Weg, auf das Gelesene zu antworten. Auf diese Antwort zu verzichten, wäre unnatürlich und unbehaglich wie das Schloß, das dem Papageno in der Zauberflöte vor den Mund gehängt wird, und dabei ist es gleichgültig, ob man sich mit den Büchern der europäischen Literatur in der abgeschlossenen Arche oder auf einem weiten, winddurchwehten Feld befindet. In welchem Verhältnis sich solche Antworten zur Literatur im engeren Sinne befinden, ob sie ihr etwas hinzufügen oder ob sie folgenlos bleiben und verhallen, ist für die Zeitgenossen, und für mich erst recht, kaum befriedigend zu beurteilen. Umso freundlicher ist es, daß Sie mich in Ihre Akademie aufgenommen haben und meinen tastenden Bemühungen damit einen respektablen Rahmen geben.