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Luigi Forte

Luigi Forte

Germanist und Kritiker
Geboren 27.3.1942
Mitglied seit 2011

Vorstellungsrede

 

Herr Präsident, verehrte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren,
die Logik des Schicksals verwirklicht sich häufig – wie Vladimir Nabokov vermutete – im Wahnsinn des Zufalls, der mit mir so unvorhersehbar wie großzügig umsprang. Geboren und aufgewachsen in einem Turiner Arbeiterviertel, war mir eine Berufsfachschule zum Erlernen eines technischen Berufs vorherbestimmt. Ich fand mich hingegen in einem der besten humanistischen Gymnasien der Stadt wieder. Hier war meine erste literarische Werkstatt, ein früher Raum des ersehnten intellektuellen Ausschweifens in unbekannte Welten.
Im Piemont, diesem Winkel Italiens nahe der Heimat der Aufklärung,
war die französische Kultur Alltagskost. Ich las die Aufklärer, lernte die Romane Camus’ und die Philosophie Sartres zu lieben, ich begeisterte mich für die moderne Lyrik von Baudelaire, Rimbaud und Lautreamont bis zum Surrealismus. An der Universität trug mich mein Streben nach außen über den Ärmelkanal, und ich arbeitete mich ab an den Versen von T. S. Eliot, W. H. Auden und Dylan Thomas.
Ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich meine Doktorarbeit über englische Dichtung verfassen wurde. Da funkte aber wieder der Zufall dazwischen. Giorgio Strehler inszenierte im Mailänder »Piccolo« das Theater Brechts, Einaudi veröffentlichte Brechts Gedichte, die ich vierzig Jahre später für die »Biblioteca della Pleiade« in zwei Bänden herausgeben sollte. Damals steigerte sich meine anfängliche Neugierde zur Passion. Und dies so weit, dass es mir sogar gelang, die Gegensätze zu vereinen, indem ich mich Hals über Kopf in die Welt Thomas Manns stürzte, hinein in die unendliche Wortmenge und
die schwindelerregende Syntax. Bis mich eines schönen Tages, während eines Wintersemesters, jemand an der Universität Köln fragte: »Entschuldigen Sie bitte, darf ich Sie fragen, wo Sie Deutsch gelernt haben?« Ich hatte antworten können: »In der Gesellschaft Thomas Manns, bei der Familie Buddenbrook, dem reifen von Aschenbach und dem kränkelnden Castorp.« Es verschlug mir allerdings die Sprache, denn mein Gesprächspartner fuhr fort: »Wissen Sie,
Wendungen wie ›es deucht‹ oder ›ward‹ gebrauchen wir eigentlich nicht mehr.«
Mein Problem war einfach dieses: Ich kam zur deutschen Sprache ausschließlich über die Literatur. Erst später in Tübingen, Ende der sechziger Jahre, lebte ich als Italienischlektor an der Universität wirklich im Deutschen: Da war der Perfektionismus der Assistenten des großen Linguisten Eugenio Coseriu, die jede meiner Äußerungen unter die Lupe nahmen, der schwäbische Dialekt, dessen Phonetik mir undurchdringlich wie der Regenwald erschien, die philosophische Fachsprache im Seminar von Ernst Bloch, die geschliffene Sprache eines Walter Jens.
Ich war nach einer Doktorarbeit über Hermann Broch nach Schwaben
gekommen. Auf dessen Namen bin ich auf den Seiten des Habsburgischen
Mythos
des Lehrers und späteren Freundes Claudio Magris gestoßen, von dessen Seminaren ich eines knapp vor dem Studienabschluss noch besuchen konnte. Der Romancier Broch, Bewunderer von Joyce, erschien mir als experimenteller Autor. Er bedeutete mir die Quadratur des Kreises: Ich konnte endlich mein Interesse für die Avantgarde mit dem in mir wachsenden Enthusiasmus für die Kultur Mitteleuropas vereinen – aber das Ergebnis meiner Arbeit (Roman und Utopie. Hermann Broch und die ≫Schlafwandlertrilogie≪) hatte weniger
zu tun mit experimenteller Literatur, wie ich gehofft hatte, als mit Messianismus. Ich gab mich aber nicht geschlagen. Später konnte ich, auch dank der Unterstützung des Verlags Einaudi, mit dem Band Die deutsche dadaistische Dichtung in die zwanziger Jahre zurückkehren, in jene Epoche einer zersetzenden Kontaminierung unter den europäischen Avantgarden, die bildende Kunst und Dichtung als Artikulationen der Krise des bürgerlichen Subjekts
gleichermaßen involvierte.
In dieser Zeit hatte ich begonnen zu übersetzen. Die Tübinger Jahre hatten meine Sprachkenntnisse verfestigt, aber vor allem waren sie untrennbar verbunden mit dem Gefühl des Entdeckens neuer Horizonte, das der Aneignung einer Fremdsprache innewohnt. Diese Reise führte mich, dank Günter Kunert und Wolf Biermann, von denen ich ausgewählte Gedichte dem italienischen Publikum vorstellte, zur Entdeckung der DDR und ihrer problematischen Kultur. Freiheit und Sozialismus, die in Italien Koexistenz versprachen, erwiesen sich im Lande Ulbrichts und Honeckers als entgegengesetzte Paradigmen,
unvereinbare Vorhaben. Aus dieser Spannung erwuchs das Beste der
ostdeutschen Literatur, von Christa Wolf zu Heiner Müller und Christoph Hein. Sie alle träumten von einem menschlichen und demokratischen Sozialismus, und aus dieser mit melancholischer Ernüchterung versetzten Utopie entstanden die besten Seiten der DDR-Autoren, mit denen ich mich – unter anderem – in dem Band Die Formen des Dissens auseinandersetzte. Das Buch ging aber über die literarischen Grenzen dieses Landes hinaus. Es war eher Ergebnis meiner vielfaltigen Versuche über das Abenteuer der Moderne in
ihrem literarischen Verlauf, der sich von den sprachlichen Unbotmäßigkeiten der historischen Avantgarde bis zum offenen oder chiffrierten Dissens der Dichter und Erzähler des östlichen Deutschland erstreckt.
Seit einiger Zeit jedoch lebte ich in einer Art von schizophrenem Zustand:
Je mehr ich zum Fachgermanisten wurde, desto stärker wurde in mir der alte Drang zum kreativen Schreiben. Zwei Seelen lebten in meiner Brust: Die eine handelte, die andere dämmerte vor sich hin. Sie hat kein Geringerer als der italienische Rundfunk (RAI) erweckt, für den ich ein Hörspiel über Thomas Bernhard schrieb (Das Vorspiel). Es enthielt ein gutes Maß an Wahnsinn und Humor, so dass es einmal am Faschingsdienstag gesendet wurde: alles in allem ein drolliger Karnevalsscherz. Ein Schritt in Richtung meiner geheimen Utopie
war mir gelungen: Ohne es zu bemerken, hatte ich Siebenmeilenstiefel
angelegt. Keine Spur gab es mehr vom Land der Kritik, ich war ins Weite gekommen, ins Schlaraffenland der mit Phantasie gedeckten Tische, und unvermittelt entdeckte ich, dass sich mir Sprache nach Bedarf mit großer Leichtigkeit anverwandelte.
So begann mein Theaterabenteuer und eine eigenartige Fahrt in den
Wahnsinn, der sich mir rein zufällig in der Figur des Dichters Lenau personifizierte. Sein unablässiges, fast manisches Hin-und-her-Pendeln zwischen Wien und Stuttgart, seine ständige Flucht weckte mein Interesse. Es kam dahin, dass ich den Wahnsinn in einer völlig unvernünftigen, eingebildeten Reise fand, wie die von Lenau, der in meinem Theaterstück Störung (1998 auf dem »Steirischen Herbst« in Graz uraufgeführt und dann noch einmal 2000 in München) sich vorstellte, mit seinem Diener in die Utopie der Kunst, ins
glückliche Land freien Schöpfertums aufzubrechen. In Störung lebte mein Wunsch nach Grenzüberschreitung, der Versuch, einer Sprache jenseits der der Kritiker Leben zu verleihen. Das Stück spiegelte mein Bedürfnis wider, der Welt etwas abzulauschen, welche mir als große Arena voll von Gags, von fortlaufenden Stimmen und verschiedenen Jargons vorkam.
Aber als dieses Stück übersetzt und auf Deutsch aufgeführt wurde, erschien es mir als die Erfüllung einer langen Entwicklung. Als ob der szenische Raum nicht nur der meiner literarischen Utopien wäre, sondern die Repräsentation eines Ortes der Seele, einer Art zweiter Heimat, in der Fremdsprache und existentielles Erlebnis mit der Zeit unauflöslich verschmolzen wären und wo auch die Orte meiner Ausbildung, Tübingen und München, Berlin und Wien, die Warme einer glücklichen und fruchtbaren Vergangenheit aufbewahrten.
Denn, wie Proust am Ende von Du côté de chez Swann erinnerte, »les lieux que nous avons connus n’appartiennent pas qu’au monde de l’espace où nous les situons pour plus de facilité.«
Es sind dies Orte, die von Lehrern und Freunden, von denen ich viel gelernt habe, belebt werden. Es sind Orte des Dialogs und der Ablagerung gemeinsamer, wechselseitig gemachter Erfahrungen, wenn auch in einem – der eigenen Herkunft gegenüber – fremden Umfeld. Heute hier vor Ihnen zu stehen, um Dank auszusprechen dafür, mich als korrespondierendes Mitglied in die Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen zu haben, zeigt mir eine weitere Facette meiner problematischen Identität zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen, zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischem Schaffen. Ich bin sicher, dass von hier aus, von dieser Akademie,
mir eher als Antworten gegeben neue Fragen gestellt werden, um meine
Welt ständig weiter zu entdecken und die der anderen zu verstehen.