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Karl Dietrich Bracher

Karl Dietrich Bracher

Politikwissenschaftler
Geboren 13.3.1922
Gestorben 19.9.2016
Mitglied seit 1984

Vorstellungsrede

 

Es war sehr freundlich, daß Sie mich in Ihren Kreis aufgenommen haben, und ich danke Ihnen vielmals. Der Historiker und Politikwissenschaftler, der sich von der Philosophie und Althistorie zur neuesten Geschichte bewegt hat, fühlt sich Ihnen vor allem in zweierlei Hinsicht verbunden: im Interesse an dem Zusammenhang von Literatur und jeweiliger Zeitgeschichte und im Bewußtsein von dem engen Wechselverhältnis des Sprachlichen und Politischen.
Über diese Zusammenhänge nachzudenken, ist meiner Generation besonders drastisch nahegebracht worden. Meine ersten Eindrücke stammen aus der Weimarer Republik. Da war der Kontrast zwischen dem schwäbisch-humanistischen Elternhaus mit seinen liberalen Wertvorstellungen und den wachsenden Erschütterungen der Staats- und Wirtschaftskrise. Im fatalen Jahr 1930, als in Berlin die letzte Mehrheitsregierung fiel, begann auch der Achtjährige auf seinem Weg zum Klavierspiel im städtischen Konservatorium Politik wahrzunehmen – und zwar vor allem als gewalttätige Auseinandersetzung auf der Straße und als zunehmende Resignation der Demokraten vor der Ordnungsverheißung diktatorischer Bewegungen.
All das spielte sich für den Stuttgarter Pennäler in einem eigentümlichen Zwielicht ab. Alte Ideale des Gymnasiums und große Worte einer neuen Zukunft widersprachen sich – und gingen doch allzuleicht ineinander über. So erlebte man es auch bei den Lehrern. Die geringe Widerstandsfähigkeit einer hohen, doch politisch eher naiven Geisteskultur in Deutschland zeigte sich nach dem Beginn der Verfolgung an der leichten Überführung in totalitäre Strukturen, in denen auch ein Teil der alten Werte ihren Platz, ja zuweilen ihre Erfüllung zu finden schienen. Bestürzend und befreiend zugleich waren dann die Erfahrungen der vierziger Jahre: zwei Jahre Krieg in Nordafrika, drei Jahre Kriegsgefangenschaft in den USA, endlich das Studium in Tübingen und Harvard, und seitdem das Bemühen eines nach ursprünglicher Neigung eher unvorhergesehenen Historikers, der katastrophengeschichtlichen Dimension unseres Zeitalters habhaft zu werden.
Mein erster gedruckter Aufsatz im Monat (1951) ging über Furcht und Macht in der Französischen Revolutionsära, am Werk Guglielmo Ferreros, des italienischen Europäers im Exil: die Frage nach Bruch und Kontinuität als Denk- und Forschungsaufgabe. Mit der Tübinger Dissertation (1948) über Verfalls- und Fortschrittsdenken im Umbruch der römischen Kaiserzeit suchte ich noch am althistorischen Beispiel, mit der Berliner Habilitationsschrift (1954) an der Auflösung der Weimarer Republik dieser Krisenerfahrung Ausdruck zu geben, sodann die deutsche Diktatur auch im europäischen Kontext zu sehen und schließlich unser Zeitalter der Gewalt und der Selbstgefährdung aus seiner Verstrickung in über- und unmenschliche Ideologien, seiner moralischen und intellektuellen Verunsicherung zu verstehen. (Bei all diesen Büchern ging es um Analyse, Darstellung und Warnung zugleich – und dieses Bemühen traf natürlich auch auf Widerspruch: zuerst bei der wissenschaftlichen Zunft, die Wertfreiheit anmahnte, dann bei den alten und neuen Ideologen, die einen Verrat zuerst am nationalen und dann am progressiven Gehalt der Geschichte witterten.)
Ob der Historiker bloß erzählen, ob er kritisch analysieren und deuten, gar verurteilen oder Lehren erteilen soll, dieser Streit berührt auch sein Verhältnis zur Sprache. Sprache als Instrument zu sehen – das scheint die für Wissenschaftler überhaupt gemäße Einstellung, und zwar durchaus auch in Geistes- und Sozialwissenschaften, seit sie sich den vermeintlich exakten Naturwissenschaften anzugleichen suchen. Solche Nüchternheit hat ja auch durchaus ihren Sinn im Zeitalter von Massenkommunikation und Spezialisierung. Denn liegt nicht anderseits eine Gefahr in dem Bestreben, mehr und Höheres zu wollen: so wie es im Schlepptau eines Dichter- und Sprachkults in Deutschland geschah, wo Wissenschaftler nicht über ein so klares Verhältnis zum Sprachlich-Literarischen verfügen, wie wir es bei Kollegen anderer Länder antreffen. Man denke nur an die Erfahrung mit manierierten Sprachmoden, die sich (wie 1933) zur Verbrämung oder Idealisierung der Diktatur eigneten, oder noch aktueller an den Einbruch einer Soziologen- und Psychologensprache, die manches ans Licht hob, aber auch Verzerrungen und Verkrampfungen mit sich brachte.
So ist mir die fundamentale Bedeutung der Wörter und Begriffe und mit ihnen der Ideen und Ideologien immer bewußter geworden. In einem Büchlein über Schlüsselwörter in der Geschichte habe ich mich um diesen von uns Nichtliteraten oft verkannten oder vernachlässigten Zusammenhang bemüht. Nicht erst die neue Entzweiung der sechziger und siebziger Jahre, sondern schon die Verführungskraft der großen Diktaturregime ist ja kaum zu denken ohne die Manipulierung der Sprache – der politischen wie der unpolitischen. Und die unerhörten Verbrechen an Menschen und Völkern sind nicht zu erklären ohne die Begründungs- und Rechtfertigungsmechanismen einer pseudoreligiösen Ideologisierung solcher Regime zur (wie Karl Barth sagt) »Fratze Gottes«: mit einer auch sprachlichen Perversion der Moral, ablesbar an den Himmlerreden zum millionenfachen Judenmord – und nun auch an Dokumenten des Terrorismus.
Dem Historiker obliegt die Erforschung der Realien, der Personen und Bedingungen des Geschehens. Aber er mag die Wertfreiheit der Wissenschaft noch so nachdrücklich betonen: im Ringen um politische Legitimierung ist es der Streit der Wörter und Begriffe, die geschichtliches Verstehen und politische Verirrung gleichermaßen beeinflussen. Meine Generation fand sich ganz besonders in jenem Konflikt, daß bisherige Bezugspunkte und Leitbegriffe wie Nation und Gemeinschaft, Autorität und Führung nach ihrem politischen Mißbrauch in Frage gestellt waren, dem Wörterbuch des Unmenschen (Sternberger/Storz/Süskind) nahestanden. Der Wandel der Werte erzwingt auch eine veränderte politische Sprache.
Der Zeithistoriker, der den Schwächen der offenen Demokratie gegenüber diktorischen Ideologieregimen nachspürt, steht hier vor dem Problem, wie er mit der zeitgenössischen Begrifflichkeit umzugehen, ihre Bedeutung den Nachgeborenen deutlich zu machen habe – und wie er ihnen zugleich aus seiner Kenntnis der Folgen sprachlicher Manipulation kritisch begegnen, dabei auch die literarischen Zeugnisse im Licht zeitgeschichtlicher Erfahrung sehen könnte: man denke nur an so umstrittene Grenzfälle wie Jünger und Benn oder auch Becher und Brecht.
Schließlich kann der Historiker einiges sagen über die Erfahrung, die wir schon seit der Jahrhundertwende mit modischer Krisenphilosophie und Verachtung der unvollkommenen Demokratie, mit Ideologien der Angst und totalitärer Verheißung gemacht haben. Sprache und Literatur stehen im Zentrum dieser Erfahrung, sind selbst Träger geschichtlichen und politischen Denkens. Das zwingt zur Zusammenarbeit über jene Fachgrenzen und Gesprächsbarrieren hinweg, die uns in Deutschland den Blick für eine gemäßigte Politik immer wieder erschwert haben, indem sie unseren Sinn auf extreme Weise entweder in die Innerlichkeit oder aber zu übermenschlichen Zielen lenkten.
Auch in der gegenwärtigen Wertediskussion droht ja die Gefahr von Rückfällen. Denn eher verkrampft oder gar zweischneidig mutet die neue deutsche Identitäts- und Nationsbeschwörung an. Und die unablässige Krisenliteratur wiederum erinnert mit ihren apokalyptischen Tönen an das Gefühl der Ausweglosigkeit, das einst zur Flucht aus der Wirklichkeit und zur Unterminierung der offenen Gesellschaft geführt hat – mit der Folge des Verlusts an Widerstandsvermögen gegen Diktatur und Unmenschlichkeit. Triftiger und unerläßlicher als Identitäts- und Krisendenken erscheint mir das Thema Menschenrechte.
Ich danke Ihnen nochmals, daß ich mit diesen und anderen Gedanken und Arbeiten, so verschieden sie darüber urteilen mögen, Ihrem Kreise angehören darf.