Mitglieder

Heinz F. Schafroth

Heinz F. Schafroth

Publizist und Literaturkritiker
Geboren 18.3.1932
Gestorben 12.3.2013
Mitglied seit 2002
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Vorstellungsrede

Sehr geehrte Zuhörende,

Vor ein paar Jahren, aus anderem Anlaß bei der Akademie und in die Runde der Mitglieder schauend, begann ich mich, wenn gleich eher versehentlich, zu fragen, welchen von ihnen die Mitgliedschaft an der Wiege gesungen worden sein könnte.

An meiner wurde ausdauernd gesungen. Allerdings das einheimische Liedgut. Und Musik ist seither und bisher aus meinem Leben nicht wegzudenken. Ich begann früh Geige zu spielen und malträtiere sie, gefühlsvoll, immer noch.

Die berufliche Zukunft hingegen schien ohne Musisches auszukommen. Ich sollte, nach entsprechender Ausbildung, in der Sägerei meines Vaters mit-sägen. Damit dereinst ein Säge-werk daraus würde, wie es sich auch sprachlich gehört.

Aber da griff, einer von vielen dei ex machina in meinem Leben, der Dorfpfarrer ein und schmuggelte mich dank seiner Beziehungen zum Rektor ins Gymnasium der benachbarten Stadt Biel; kurz vor Beginn des Schuljahres, die Aufnahmeprüfungen waren längst gelaufen.

Damit war ich ja nun auf dem Weg in die Akademie. Umso mehr als jener Rektor während einer krankheitsbedingten Abwesenheit des Schülers, diesen dem Typus A zuteilte, ohne ihn oder die Eltern zu fragen. Ich nahm es zur Kenntnis und hin. Wie sehr die Welt der Griechen und Römer prägend werden würde, ahnte ich nicht im geringsten. Jetzt wird sie fast überall auf dem Dekretsweg redimensioniert, meist gründlich, bis zur Nicht-mehr-Existenz.

An der Universität Bern, wo ich danach studierte, galt ich schon im ersten Semester a) als gebildet, weil ich sämtliche mythologischen Anspielungen und Namen in Schillers Nänie klären konnte, und b) als Modernist, weil ich Schaper und Bergengruen las. Im dritten Semester dann ein herber Rückschlag. In einem Seminar über Wackenroder, die Themen der Semesterarbeiten wurden angeboten. Viele der älteren Studenten hatten griffige Ausreden. So gelangte das Angebot bis herunter zu mir, dem Seminar-Neuling. Ich hätte ja nicht einmal den Namen Wackenroder zuvor je gehört, sagte ich verzweifelt, aber wahrheitsgetreu, und wurde vom Professor angeschnauzt, so etwas sei keine Einstellung an einem Oberseminar. Oberseminar hatte ich auch noch nie gehört. Ich durfte jedoch bleiben und schloß, nach Zwischensemestern in Wien und Rom, in Bern mein Studium ab.

Ich war jetzt Lehrer für Deutsch, Griechisch und Latein, Dr. phil. hist. und fünfundzwanzig. Es wäre also die Dramatik einer Scheidewegs-Situation fällig gewesen. Aber nichts dergleichen! Ich ließ mich wie selbstverständlich an das Gymnasium zurückholen, an dem ich Schüler gewesen war, und blieb dort als Lehrer ganze fünfunddreißig Jahre. Was manche etwas beschämend anmuten mag. Aber Flexibilität, Mobilität waren noch keine vom Bürger geforderte Primärtugenden.

Bald kam ein Glücksfall namens Ruth, es kamen drei Kinder und drei Enkelkinder, das alles ging nicht so schnell, wie es hier erzählt wird, aber alles, im Rückblick, schnell genug, eigentlich hanebüchen schnell. Unterrichten war eine befriedigende Sache. Damals. Damals, als Pisa noch der schiefe Turm und nicht eine Studie war. Damals, als die Reformen zwar besser oder schlechter, richtig und falsch waren, aber mit finsterer Entschlossenheit progressiv. Damals, als Projektunterricht und Lehrerfortbildung aus schulischen und persönlichen Bedürfnissen herauswachsen durften und nicht institutionalisiert und bürokratisiert sein mußten.

Ich war also gerne Lehrer. Damals. Damals und bis zuletzt. Als ich vor zehn Jahren vorzeitig aufhörte, einer zu sein, setzte es Entwurzelungssymptome ab. Aber ich war seit anderthalb Jahrzehnten auch noch an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich tätig, in den letzten Jahren zusätzlich an Adolf Muschgs collegium helveticum für den dialog der wissenschaften. Diese Aufgaben waren zu vielfältig und anspruchsvoll geworden, um weiterhin als Nebenberuf durchzugehen.

Zumal da ich einen solchen längst hatte. Seit Mitte der sechziger Jahre schrieb ich und schreibe ich Literaturkritiken und brachte es darin mit viel Fleiß und angenehmem Wesen zu einigem Ansehen und ordentlicher Auftragslage. Der Höhepunkt dieser Laufbahn war, als an ein und demselben Samstag sechs verschiedene Artikel von mir in sechs Presseorganen zu lesen waren.

Zugegeben, es waren nicht Welt-Blätter. Zugegeben auch, es ist lange her und von der damaligen Unbeschwertheit des Verfassens ist nur die Sehnsucht danach geblieben. Mit ihr zusammen sitze ich jetzt in der Akademie. Noch einer, dem die Mitgliedschaft nicht an der Wiege gesungen wurde. Auch nicht in den zahllosen Latein-Lektionen, die er damit verbrachte, den ablativus absolutus als Nonplusultra der Kunst des Lakonischen, wenn nicht der Lebenskunst überhaupt anzupreisen.

Sie erkennen, meine Damen und Herren von der Akademie, was für ausgefallene Leidenschaften Ihr neues Mitglied hatte.

Ich bedanke mich bei Ihnen sehr für die Wahl und bei allen hier drinnen fürs Zuhören.