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Eustaquio Barjau

Eustaquio Barjau

Germanist und Übersetzer
Geboren 2.7.1932
Mitglied seit 1990

Vorstellungsrede

 

Eine Gruppe von Kollegen, die mich so freundlich in ihre Gesellschaft aufgenommen haben, verdient es, etwas über mich zu erfahren. Ohne näher auf zu persönliche Angelegenheiten einzugehen – die in diesem Zusammenhang übrigens nicht von Interesse wären –, kann ich etwas über mich verraten, was man das intellektuelle Porträt nennen könnte, d. h. meine Eigenschaften als Leser, Lernender, Schriftsteller und Lehrer.

Sagen, wer man ist... Auf den ersten Blick kann ein solches Unterfangen vermessen erscheinen. Auf dem Frontispiz des Tempels von Delphi konnte der Besucher Worte lesen, die heutzutage jedermann kennt: γνῶθι σεαυτόν, »kenne dich selbst«. So einfach aber ist das schließlich nicht. So sahen es schon die Väter unserer Weisheit. Lassen Sie sich, liebe Freunde, den delphischen Spruch mit Worten aus der 2. Pythica (Z. 72) von Pindar ergänzen: γένοι’ οἷος ἐσσί: »hoffentlich wirst du werden, wie du bist«. Erlauben Sie mir jetzt, diese Worte des griechischen Lyrikers von hinten her aufzurollen und folgendermaßen zu umschreiben: »bestehe nicht darauf, der zu werden, der du nicht bist«. Wenn wir im Spanischen wie im Deutschen sagen: »sag mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist«, könnten wir, indem wir dieser Umschreibung Pindars folgen, vielleicht sagen: »sag mir, wer du bisher warst, und ich sage dir, wer du bist«.

Eine der wenigen Entschädigungen, welche die Jahre mit sich bringen, ist eine bessere Kenntnis seiner selbst. Wenn wir ein gewisses Alter in unserem Leben erreicht haben, haben wir die Möglichkeit, von einer umfangreicheren Perspektive aus, das zu betrachten, was wir waren und demzufolge, etwas genauer zu wissen, was wir sind. Die Melancholie, die der Verlauf der Zeit mit sich bringt, wird einigermaßen durch die Annahme seiner eigenen Person gelindert, was wiederum eine Quelle von Gelassenheit und Frieden ist.

Ich habe in den vierziger Jahren – einer der düsteren Epochen der spanischen Geschichte unseres Jahrhunderts – ein Jesuiten-Gymnasium besucht. Von diesen Jahren habe ich nur eine gute Erinnerung, nämlich die an meinen Musiklehrer. Ich muß aber anerkennen, daß meine Lehrer mir dort gut Latein beigebracht haben – leider habe ich es zum größten Teil verlernt –, und daß ich teilweise meinen Sinn für die Sprache diesen Jahren verdanke. Im Jahre 1950 begann ich mein Studium der Philosophie an der Universität Barcelona. (Um meiner Distanz gegenüber einer feindlichen Wirklichkeit und meinen Schwierigkeiten mit dem Leben einen Status des Prestiges zu geben? Das weiß ich nicht, und ich möchte mich an dieser Stelle nicht darauf einlassen.) Eine rührende Erinnerung an jene Jahre – schlechte Jahre auch für die Philosophie und für die Universität... –, vielleicht die einzige, ist die an meinen Professor für Metaphysik, der ständig meine Begeisterung, meine verstreuten und stürmischen Leidenschaften teilte, ja ermunterte. Der Gedanke an diesen Mann gewährt mir noch Kraft und menschliche Wärme in den schlechten Augenblicken. Im Jahre 1955 wurde ich Lizentiat für Philosophie.

Seitdem und als fundamentaler modus vivendi bin ich als Lehrer tätig, zuerst im Gymnasium und seit dem Jahre 1975 an der Universität. Das ist ein Beruf, den ich mit einigem Erfolg und immer mit großem Vergnügen ausgeübt habe; in mir hat diese Tätigkeit beinahe eine zweite Natur gebildet, die Notwendigkeit nämlich, aus sich herauszugehen und die theatralische Dimension, die dieser Arbeit innewohnt, sind für mich immer eine Quelle des Glücks gewesen.

In den sechziger Jahren habe ich intensiv Deutsch gelernt, und zwar, um die deutschen Philosophen, besonders Heidegger, in ihrer Originalsprache zu lesen. Später, aus Gründen, die in diesem Zusammenhang nicht von Interesse sind, bin ich zur Germanistik gekommen. Meine philosophischen Anwandlungen und Neigungen haben mich aber nie verlassen, und ich versuche immer, alle Fragen mit der Tiefe und der Radikalität, die dieses Wissen erfordert, anzugehen.

Meine Hauptleidenschaft ist zweifelsohne die Musik. Ihr verdanke ich die glücklichsten Stunden meines Lebens. Ich höre sehr oft Musik, beinahe täglich, obwohl ich weiß, daß mir dadurch Zeit zum Lesen und Schreiben abgeht. Ich habe ein bißchen Klavier studiert; dieses Studium mußte ich wegen der Notwendigkeiten des Lebens abbrechen, aber ab und zu verbringe ich angenehme Stunden an diesem Instrument.

Ich habe Lessing, Hölderlin, Novalis, Rilke, Canetti, Max Frisch und Peter Handke übersetzt. Ich habe ein Buch über Antonio Machado geschrieben, ein anderes über Rilke und ein drittes, in Zusammenarbeit mit zwei Kolleginnen, über das deutsche Präpositionalobjekt. Unter meinen Aufsätzen sind Betrachtungen über Musik, Kommentare über Dichter und Gedichte und schüchterne Forschungen über Sprachtheorie und Linguistik. Ein breites, ja verstreutes Spektrum von Interessen. Ich kann eigentlich nicht sagen, daß ich ein bestimmtes Fach habe. Das halte ich für ein Schicksal und gleichzeitig für eine Gnade.

Liebe Freunde, ich habe mit Sprüchen der alten Weisheit angefangen, und ich möchte mit Sätzen zweier Autoren unseres Jahrhunderts enden, nämlich Ortega y Gasset und Carles Riba. Von dem ersten habe ich – ich glaube im Buch Qué es Filosofía – folgende Worte gefunden, »hagamos de nuestra vida una suprema aspiración a no renunciar a nada« (»machen wir aus unserem Leben eine äußerste Anstrengung, auf nichts zu verzichten«). Von C. Riba hat man mir erzählt, er habe sich in einer Diskussion auf diese Weise definiert: »sóc un home de passions, no un home de problemes« (»ich bin ein Mann der Leidenschaft, nicht ein Mann der Probleme«). In diesen zwei Sätzen habe ich mich wiedergefunden, sie definieren mich.

Das bin ich, liebe Freunde, soviel ich weiß. Diesen Mann nehmen Sie heute in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung auf. Auf der Grundlage dieser Eigenschaften kann ich – und will ich – mit Ihnen zusammenarbeiten. Liebe Freunde, haben Sie tausend Dank.