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Claude David

Germanist
Born 8/7/1913
Deceased 26/11/1999
Member since 1977
Friedrich-Gundolf-Preis

Self introduction

 

[...] Sie erwarten nun, daß ich Ihnen etwas über mich erzähle. Von mir ist aber eigentlich wenig zu erzählen. Vielleicht nur dieses: daß ich mein zwanzigstes Jahr nicht ganz erreicht hatte, als der Nationalsozialismus an die Macht gelangte. Für einen angehenden Germanisten war das gewiß kein günstiges Omen. Nicht, weil Deutschland plötzlich uninteressant geworden war. Gerade damals hat man Deutschland viel Interesse entgegengebracht und, was man inzwischen etwas vergessen hat, besonders in gewissen fortschrittlichen Kreisen. So groß ist die von der Gewalt ausgeübte Faszination, so bezaubernd der Anblick der Macht, daß man in den Massenkundgebungen das Bild einer wiedergewonnenen Einstimmigkeit und Eintracht zu sehen glaubte. Ich persönlich bin dieser Romantik niemals erlegen – mir war Deutschland bereits vertraut und ich verstand, was damals schon am Werke war. Aber ich habe noch manche Diskussion mit einigen Kommilitonen dieser Zeit genau in Erinnerung. Ich bin dem falschen Zauber nicht erlegen, habe aber auch niemals den von mir erwählten Beruf eines Germanisten in Frage gestellt. Kaum war der Krieg zu Ende, als ich sofort nach Deutschland wieder eilte. In Tübingen gab es eine der wenigen unversehrt gebliebenen Bibliotheken. Im Sommer 1946 war ich in Tübingen und knüpfte mit der Vergangenheit wieder an.

Von dem, was ich geschrieben habe, möchte ich hier nur zwei Arbeiten erwähnen: eine steht am Anfang, die andere bildet das vorläufige Ende meiner Beschäftigung.

Am Anfang Stefan George. Die historische Rolle dieses Dichters war nicht zu verkennen. Er hat die deutsche Lyrik aus dem Schlaf geweckt; er hat ihr neue Wege gewiesen; er hat die Verbindung mit der englischen, der belgischen, der französischen Dichtung, mit der ganzen europäischen Modernität wiederhergestellt. Nicht aber diese Seite hat mich an ihn gefesselt; nicht seine Verwandtschaft mit den Traditionen der Romanität. Sondern umgekehrt: dieses typisch deutsche Schicksal, dieses außerhalb von Deutschland kaum denkbare geistige Abenteuer war mir ein Rätsel, das ich als fremder Beobachter zu lösen versuchte. Zwischen den sinnlosen Schmähungen – die heute noch, Gott weiß warum, weiter wuchern – und der unerträglichen Lobhudelei, mußte, dachte ich, für eine objektive Betrachtung Platz genug übrig bleiben. Diese Objektivität ist bezweifelt worden. In einer Rezension, die offenbar die offizielle Meinung des Kreises darstellen sollte, ist mir »Voreingenommenheit aus Uneingenommenheit« vorgeworfen worden. Voreingenommen gegen Stefan George war ich gewiß nicht. Und doch hatte der Rezensent so unrecht nicht: denn eingenommen war ich auch nicht ganz. Wie sich ein echter Dichter von seiner Rolle derartig gefangenlassen konnte, daß Ideologie und Gesinnung die lyrische Aussage mehr und mehr verdrängten, blieb mir bis zuletzt nicht ganz verständlich. Daß der Dichter ein Führer sei, wollte mir nie ganz einleuchten. Wahrscheinlich war schließlich die Ungeduld an allem schuld, das Bedürfnis, auf die Welt unmittelbar und sofort wirken zu wollen. Ganz eingenommen war ich nicht, aber von dem Machtwillen Georges, von der ungeheuren Faszination, die von ihm ausging, irgendwie doch gebannt. Und der Weg, der ihn von Baudelaires und Mallarmés ätherischen Höhen bis zum geheimen Staat führte, erschien mir auf eine doppelte Weise, für die Zeit der Jahrhundertwende und für Deutschlands inneres Schicksal, exemplarisch.

Der andere Dichter, mit dem ich mich jetzt seit längerer Zeit beschäftige, hat Stefan George hier und da in seinem Tagebuch genannt; George seinerseits hätte ihn wahrscheinlich kaum eines Blicks gewürdigt. Ich meine Franz Kafka. Ich arbeite an einer vierbändigen, vollständigen Ausgabe seines Werkes in französischer Sprache: keine historisch-kritische Ausgabe, denn eine solche ist, so viel ich weiß, in Deutschland geplant und könnte selbstverständlich von keinem einzelnen bewältigt werden, aber eine ausführlich kommentierte Ausgabe. Mein Gefühl ist dieses Mal ganz verschieden von dem, das mich vor vielen Jahren erfüllte, als ich in Georges innere Welt einzudringen versuchte. Zu Recht oder Unrecht habe ich den Eindruck, daß mir Kafkas Gesinnung und sein Gemüt so vertraut geworden sind, daß ich ihm bis in die Tiefen seiner Neurose folgen kann. Vielleicht aber irre ich mich. Jemand – es war, glaube ich, Heinz Politzer – hat einmal bemerkt, daß jeder, der über Kafka schreibt, sich selbst in dem Werk des Dichters widerspiegelt. Dies würde, wenigstens zum Teil, die Buntheit und die Widersprüchlichkeit der immer weiter florierenden Kafka-Interpretationen erklären. Vielleicht haben wir es nur mit einer optischen Täuschung zu tun, und was jeder erblickt, ist nur sein eigenes Bild. Was einigen Lesern an meinem George-Buch gefallen hat, war seine Uneingenommenheit. Wird man mir jetzt eine zu große Eingenommenheit für Kafka vorwerfen? Es kann sein, und die Eingenommenheit besagt nichts über den Wert des Buches. Ich darf aber hier verraten, daß mir selten eine Arbeit so viel Freude bereitet hat.

[...]